Heute hatt' ich einen Festtag, einen Frohtag

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Gustav Falke: Heute hatt' ich einen Festtag, einen Frohtag Titel entspricht 1. Vers(1884)

1
Heute hatt' ich einen Festtag, einen Frohtag.
2
In den Federn lag ich noch, ich Siebenschläfer,
3
Als erschreckend mich, an meinem Klingelzug schon
4
Stürmisch riss der brave, schnauzige Stephansjünger,
5
Er, so mancher meistens unverhoffter Freuden
6
Unbewusster, mürrisch kalter Botenträger.
7
An die Thüre stürz' ich eins zwei drei auf Socken,
8
Stürze, stolpre, rutsche. Durch die schmale Spalte
9
Eine Handvoll »Post« reicht mir herein der Brave:
10
Briefe, Bücher, eine lange Notenrolle.
11
Ei, verflog der Schlaf, der halbwegs mich umfing noch.
12
Dennoch zog ich schnell zurück ins warme Bett mich.
13
In des Wintermorgens mattem trübem Frühlicht
14
Überflog ich schnell die reiche Stephansspende,
15
Brach das Brieflein: »Viel zu kalt ist's heute,« schrieb mein
16
Mütterchen, »für unsre Domfahrt, und ich schone
17
Lieber mich zum Feste.« – Aus der schlanken Rolle
18
Zog die ersten fünf ich von den dreiundfünfzig
19
Mörikegesängen Hugo Wolfs, den unlängst
20
Du begeistert mir gepriesen und in deinem
21
Neusten, prächtigen Versebuch: »Der Haidegänger«
22
Kräftiglich in deiner kernigen Art besungen.
23
Und da war er selbst in seinem gelben Kleide,
24
Kam mit einem gelben Zettelchen, auf welchem
25
Zier geschrieben: »Mit ergebenster Empfehlung
26
Vom Verleger überreicht.« Schon hatt' am Abend
27
Fröhlich ich für ihn das Portemonnaie gezogen
28
Und mit meinem Federmesser alsogleich ihn
29
Untersucht nach wahren, echten Dichtergaben.
30
Zwei der edlen »Gänger« stehen nun im Stall mir,
31
Bücherstall: so nenn' ich meinen kleinen gelben
32
Schrank. Einst war es Mutters Wäscheschrank. Jetzt stehen
33
Drin in Reih und Glied geordnet (Schöne Ordnung!)
34
Groß und kleine und berühmt und unberühmte
35
Teutsche Dichter, die ja, wie bekannt, nur schreiben
36
Tapfer fleißig für ihr Volk, auf dass es schmunzelnd
37
Sie und stolz als höchste nationale Güter
38
In den Schrank stellt! Aber Freund, sei ohne Sorge,
39
Eins von deinen Haidegängerbüchern mag drin
40
Neben Goethe, Schiller, Platen, Lenau, Reuter
41
Neben Bibel und Fürst Bismarck Ruhe pflegen,
42
Von dem Schreibtisch kommt mir nicht das andre eher,
43
Bis ich Vers für Vers zu eigen mir gemacht hab'.
44
Kommst du, wie du ja versprochen, gleich nach Neujahr
45
Auf die Bude mir, so will für alles Schöne,
46
Das seit letztem Sommer ich dir danke, herzlich
47
Beide Hände ich dir drücken. Und dann singst du
48
– Denn mir ahnt: Du singst, verstehst zu singen – jene
49
Schönen Lieder mir vom neuen Liederkönig
50
Hugo Wolf. Vor allem das entzückend lust'ge
51
Lied vom Knaben mit dem Immlein. Ach, ich selber
52
Singe nur in Tönen wie ein Nebelhorn, das
53
Mitternächtig ruft bei trübem, dickem Wetter
54
Angst und Graun im Herzen wach der Passagiere,
55
Die mit Zagen denken der Gefahr, davon sie
56
Einzig nur des Schiffes dünne Planken trennen.
57
Heute noch dazu quält mich ein Riesenschnupfen:
58
Schnaufend, niesend, kröchelnd, ächzend schreib ich diese
59
Seltsame Epistel an dich nieder, während
60
Draußen, Omeletten gleich dick überzuckert,
61
Alle Dächer tragen frischen Winterschmuck, denn
62
Schon seit frühem Morgen schneit es unaufhörlich
63
Auf die Dächer, Straßen, Plätze und die grünen
64
Waldentführten Weihnachtsbäume. Wenige Tage
65
Noch, und auch in meiner kleinen Klause leuchtet
66
Solch ein lichtgeschmücktes Bäumchen mir zum ersten
67
Frohen Christfest an dem eignen Herd. Wie köstlich!

68
Und du Böser wolltest einst mich sorglich warnen
69
Keinem Weib zu fest ins schlaue Garn zu gehen,
70
Denn die leidigen Ehefesseln brächten wenig
71
Freude einem teutschen Dichter. Nun, am Ende
72
Bin ich gar kein Dichter, denn fürs erste schmeckt mir
73
Noch die Ehe wie ein Honigkuchen, d'rauf mit
74
Weißen Mandeln eingelegt ein schönes Herz ist.

75
Doch, gewiss, ich weiß ja, Ehe ach und Ehe!
76
Aber dass nun meine Frau so übel gar nicht
77
Und ein dichterfreundlich Herz hat, zeigt allein schon,
78
Dass trotz jener Warnung sie nicht schmollt mit dir und
79
Ihren »Ersten« – wenn das Störchlein nicht vergisst drauf –
80
Detlev nennen will: Hans Detlev. Heute schickt sie
81
Dir besondern Gruß und Dank durch mich für deinen
82
Allerliebsten »Puppenhimmel«. Damit, Bester,
83
Gott befohlen. Und ein frohes, schönes Christfest.
84
Gleich nach Neujahr hoff' ich dir die Hand zu drücken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.