Ich saß im Schnellzug erster Klasse

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Gustav Falke: Ich saß im Schnellzug erster Klasse Titel entspricht 1. Vers(1884)

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Ich saß im Schnellzug erster Klasse
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Vor einigen Tagen ganz allein,
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Ein still beschaulicher Insasse.
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Da stieg bei einer Feldstation
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Ein Herr, zum mindesten ein Baron,
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Mit stummem Gruße zu mir ein.
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Und ohne Pfiff und Klinglingling,
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Ganz lautlos ohne Aufsehn ging
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Drauf wieder weiter unsre Reise.
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Mich wunderte die seltne Weise,
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Dass so auf freiem Feld im Flug
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Der Eilzug stoppte, nicht genug
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Und steigerte noch meine Meinung
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Von dieser vornehmen Erscheinung,
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Ein Mann von Rang wohl und Gewalt
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Wie machte sonst der Zug hier Halt.

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Es war ein schlank gewachsner Mann
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Mit grauem Kaisermantel an,
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Und kleinem rundem, weichem Hut,
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Die Wangen blass, wie ohne Blut,
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Die Augen schwarz und ernst und tief,
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Darüber wie ein Buschwall lief
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Der Brauen eng vereintes Paar,
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Was, reden alte Weiber wahr,
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Ja immer auf viel Unglück weist.
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Mein vis-à-vis schien viel gereist.
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Ich schloss das gleich aus seinem Wesen,
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Das war so ohne Federlesen,
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Als wär' er im Coupee zu Haus,
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Sah nicht einmal zum Fenster hinaus,
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Und rauchte schweigend vor sich hin
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Ein feines Kraut, das mir den Sinn
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Begehrlich machte. Ob er mir
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Las vom Gesicht ab die Begier?
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Gleich bot er mir mit Höflichkeit
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Auch eine solche Cigarette
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Und fragte, ob ich Feuer hätte,
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Und war zu dienen mir bereit.
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Ich zog den Hut und stellt mich vor,
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Drauf er jedoch kein Wort verlor
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Und vornehm nur wie dankend nickte,
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Was in der Meinung mich bestrickte,
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Er sei zum wenigsten Baron,
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Vielleicht wohl gar ein Fürstensohn.

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Auf jeden Fall war sein Tabak
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Für einen Fürsten nicht zu schlecht.
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Fein von Aroma und Geschmack.
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Behaglich setzt' ich mich zurecht
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Und schwieg beim Rauch der Cigarette
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Mit ihrem Spender um die Wette.
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Doch schließlich fasst' ich Mut und sprach
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Von dem und jenem, wie mir's lag,
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Und er wohl höflich Antwort gab,
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Brach aber stets bald wieder ab.
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Sein wortkarg Wesen reizte mich.
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Nun schweigst auch du, gelobte ich,
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Doch immer, hatten eine Zeit
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Wir so verbracht in Schweigsamkeit,
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Zog's wieder mich, ein Wort zu wagen
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Und vorsichtig ihn auszufragen,
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Leutselig, aber kurz und knapp,
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Schnitt er mir bald den Faden ab.

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Indessen schoss durch Feld und Wald
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Der Schnellzug ohne Aufenthalt.
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Vorüberflog im Wirbeltanz
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Die Welt, blitzblank im Sonnenglanz.
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Doch so mit dem Baron allein,
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Wollt' mir die Zeit nicht schnell genug sein.
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Und halblaut seufzt' ich, finstren Blicks:
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Ich wollt', wir wären erst in X.

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Kaum hatt' ich so mir Luft gemacht.
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Hat mein Baron leis aufgelacht.
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Gar sonderbar sah er mich an:
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Sie wollen nach X noch, lieber Mann?
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Wir werden wohl so weit nicht reisen,
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Denn gleich wird unser Zug entgleisen.

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Entsetzt sah ich den Sprecher an.
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Mein Gott! – da saß der Knochenmann,
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Und schon verspürt' ich Puff und Stoß,
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Ein Knirschen, Ächzen, Ach und Krach,
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Als wär' die ganze Hölle los.
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Da – schweißgebadet wurd' ich wach
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Und dankte Gott auf meinen Kissen.
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Der Kerl hätt' wirklich umgeschmissen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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