Ein Spielball seiner scheugewordenen Pferde

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Gustav Falke: Ein Spielball seiner scheugewordenen Pferde Titel entspricht 1. Vers(1884)

1
Ein Spielball seiner scheugewordenen Pferde,
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Der Vollblutfüchse, die wie furchtgepeitscht
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Durch Staub und Funken in den heißen Tag
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Den eierschalenleichten Wagen reißen,
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Rast über den Weg ein vornehmes Gefährt,
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Lautlos, auf Gummirädern. Rechts und links,
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Hier, dort, an jedem Stein droht ihm Zerschellen.
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Entsetzt ist der Lakai hinabgesprungen.

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Zurückgesunken liegt, vom Schreck gelähmt,
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Der Ohnmacht nah, im grünen Plüsch des Fonds
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Die alte Excellenz. Im Knopfloch prangt
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Des mäusegrauen Überrocks kokett
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Die herrlichste, tiefdunkelrote Rose.
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Das feine schmale Diplomatenantlitz,
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Bartlos und voller Falten, tausend Runzeln,
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Gleich einer Walnuss, deckt aschfahle Blässe.
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Weit aufgerissen heften sich die Augen,
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Die wasserhellen, klugen alten Augen,
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Als sähen ein Gespenst sie, auf den Kutscher.
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Schlaff hängt, wie tot schon, über den Rand des Schlages
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Die Rechte mit den angstgespreizten Fingern.

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Dem Greis zur Linken beugt zum Sprung sich vor
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Ein Mädchen, ein sehr junges, schlankes Ding,
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Soeben flügge erst, ganz weißgekleidet,
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Mit brennend rotem Haar, dess schwere Flechten,
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Zwei breite Flammen, nach den Hüften züngeln,
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Und alles Blut hat aus den weichen Wangen
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Die Todesangst ins Herz zurückgejagt.
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Den kleinsten Fuß im spitzen Atlasschuh
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Schon auf den Kissen vor sich, mit der Faust,
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Die pfirsichfarbener Handschuh überstrafft,
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Des Bockes Eisenstange fest umkrampfend,
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Stiert wie gebannt auch sie mit starren Augen,
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Mit süßen Kinderaugen, die das Graun
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Vergrößert hat, auf Fritz. Mein Gott! Fritz! Fritz!
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Der dreht den Hals und nickt ihr hämisch zu,
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Ein grausig Beingesicht ohn' Fleisch und Blut:
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Fritz blieb zu Haus, Comtesse, heut fahre ich.

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Der Seidenpinscher mit dem Fell wie Schnee,
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Der auf dem Vordersitz bequem sich's macht,
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Hebt ganz verwundert seine klugen Augen.
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Höchst unklar ist noch immer ihm der Vorgang,
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Und fragend blickt er bald auf Fritz, bald auf
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Die junge Herrin. Aus dem Zahngehäge,
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Dem scharfen, hächelt Fifis rosig Zünglein,
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Und an dem himmelblauen Halsband zittert
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Ein Silberglöckchen, dessen Kling und Ping
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Im Donnerlaut des Hufschlags untergeht.

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Breitbeinig steht der Tod, weitvorgebeugt,
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Ein Muschellenker, der sein Wettgespann
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Um Kranz und Gloria durch die Rennbahn kreist.
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In harter Knochenfaust die schlaffen Zügel,
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Und mit der andern weit ausholenden Schwungs
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Der Peitsche schlangenschmeidige Geißelschnur
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Den bangen Tieren um die Ohren klatschend,
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Scheint er ganz Lust, im hellen, harten Blick
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Des kränzesicheren Sieges Übermut,
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Und um den Mund, daraus die feste Mauer
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Des prächtigsten Gebisses blitzt und lacht,
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Ein schlächterhaft brutales, breites Grinsen.

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Der Glanzhut mit der farbigen Rosette,
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Der mählich in den Nacken ihm gerutscht ist,
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Zeigt halb des Schädels blanke Billardkugel,
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Und um die dürren Glieder schlampt und schlottert
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Die kaffeebraune, goldenknöpfige
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Livree dem Schrecklichen, der gut gelaunt
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Zu irgend einem seiner Feste sich
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Die Gäste in der Equipage holt.

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Die wilde Jagd verschlingt ein Tannenwäldchen.
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In Staub und Glut der Straße aber liegt
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Hellschimmernd eine weiße Rosenknospe,
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Erschlossen kaum, feuchtwarm der zarte Stengel,
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Als hätt' noch eben eine heiße Hand
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Die todgeweihte lebensfroh umfasst.
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Der laue Mittagswind streicht drüber hin,
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Ein scharlachfarbner eiliger Schmetterling,
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Sich überhastend, gaukelt leicht vorüber,
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Kehrt wieder, ruht wie müde eine Weile
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Matt flügelnd auf dem Blütenbett sich aus,
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Und nimmt den Weg ins übersonnte Feld
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Schnittreifen Hafers, das der Friede küsst
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Und wolkenlose Bläue überdacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Gustav Falke
(18531916)

* 11.01.1853 in Lübeck, † 08.02.1916 in Groß Borstel

männlich, geb. Falke

deutscher Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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