William Shakespeare

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William Shakespeare: William Shakespeare (1590)

1
Des Hügels tiefe Mulde hallte wider
2
Den Klageruf daher vom Schwestertal.
3
Ich legte mich dem Zweiklang lauschend nieder:
4
Da ward mir Kunde von verliebter Qual.
5
Ein Mädchen sah ich, schwach und kummerfahl
6
Zernichten Brief und Ringe: ihrer Klagen
7
Gewittersturm hatt' ihr die Welt zerschlagen.

8
Ein flacher Hut von Stroh auf ihrem Haupt
9
Beschützt ihr Antlitz vor dem Strahl der Sonnen,
10
Worunter man noch zu erkennen glaubt
11
Der Schönheit Spuren, die noch unzerronnen.
12
Noch hatte was die Jugend schön begonnen
13
Die Zeit nicht ganz zerstört: man sah noch immer
14
Durchs Sorgengitter hoher Reize Schimmer.

15
Ihr Tüchlein hebt sie oft an's nasse Auge,
16
Das auf die eingewebten Bilder blickt,
17
Die seidnen Fäden wäscht sie mit der Lauge,
18
Die langes Weh in Tränen niederschickt;
19
Oft liest sie auch die Schrift, darauf gestickt:
20
Den Schmerz in lautes Schluchzen gießt sie endlich,
21
Bald hoch, bald tief, doch immer unverständlich.

22
Oft richtet sie den Blick zur Himmelsferne,
23
Als gält's ein Loch zu schießen in ihr Zelt,
24
Dann kreisen ihre matten Augensterne
25
Am Horizont, als mäßen sie die Welt.
26
Ins Weite hat sie jetzt den Blick gestellt;
27
Dann läßt sie ihn nach allen Seiten schweifen:
28
Gesicht und Geist scheint nichts mehr zu begreifen.

29
Ihr Haar, das weder lose noch gebunden,
30
Verrät die Hand, die nichts nach Zierde frägt!
31
Hier hat es sich dem Zwang des Huts entwunden,
32
Wo es die bleiche Wange schaukelnd schlägt;
33
Hier sieht man es zu Flechten noch gelegt:
34
Es will den Fesseln noch nicht ganz entschlüpfen,
35
Die es doch leicht und lose nur verknüpfen.

36
Aus einem Körbchen nimmt sie von Kristallen,
37
Gagat und Bernstein Liebesangedenken,
38
Sie mit den Tränen, die vom Auge wallen
39
All in den Bach, an dem sie sitzt, zu senken,
40
Ein Überfluß wie wer das Meer will tränken
41
Und oft ein Fürst der Notdurft jede Spende
42
Versagt und füllt mit Gold der Reichen Hände.

43
Zierlich gefaltet liest sie Brief auf Briefe,
44
Zerreißt und wirft sie seufzend in die Flut,
45
Knickt manchen Ring und wirft ihn in die Tiefe,
46
Daß er in schlamm'gem Grab vergessen ruht.
47
Hier schrieb die Liebe mit des Herzens Blut;
48
Der seidne Brief ist faltenlos gebiegelt,
49
Mit rotem Wachs geheimnisvoll gesiegelt.

50
Sie netzt die Schrift mit ihrer Tränen Tau,
51
Küßt oft den Brief und kann ihn nicht zerreißen,
52
»o falsches Blut«, ruft sie, »Paradeschau!
53
Was will ein unbewährtes Zeugnis heißen?
54
Die Tinte mocht' ihm wohl zu höllisch gleißen.«
55
So muß sie wider ihr Gefühl sich sperren,
56
Denn nur im Zorn kann sie den Brief zerzerren.

57
Ein würd'ger Greis, der dort die Lämmer trieb
58
(ein Bummler einst, der Hof und Stadt gesehn
59
Und ihres Treibens müß'ger Zeuge blieb:
60
Er ließ die Welt an sich vorübergehn),
61
Kam näher, diese Liebesnot zu sehn
62
Und zu erspähn, worüber sie wohl klage,
63
Denn seinem Alter ziemte solche Frage.

64
Er kam, gestützt auf seinen Knotenstab,
65
Und setzte sich zu ihr, geziemend ferne,
66
Und sprach, indem er gute Worte gab:
67
»vertraue mir dein Leid, ich hör' es gerne
68
Und bin zu Rat und Tat bereit, woferne
69
Den heft'gen Schmerz ich hilfreich weiß zu lindern:
70
Daran soll mich das Alter nicht verhindern.«

71
»ihr seht zwar, Vater«, sprach sie, »die Gewalt
72
An mir so mancher kummervollen Stunde;
73
Doch haltet mich darum nicht für so alt:
74
Mich richtet Gram und nicht die Zeit zugrunde.
75
Ich blühte wohl der Jugend noch im Bunde,
76
Hätt' ich die Liebe nur auf mich gewendet
77
Und nicht an einen andern sie verschwendet.

78
Doch weh mir, weh, zu früh bestrickte mich
79
Ein junger Mann: der hat mir's angetan.
80
So sehr empfahl Natur ihn äußerlich,
81
Daß
82
Die Liebe siedelte da gern sich an,
83
Die, als sie jetzt in seinem Antlitz wohnte,
84
Erst recht als allverehrte Göttin thronte.

85
Sein blondes Haar wand sich in Lockenringen;
86
Die wußte jeder buhlerische Hauch
87
Zum Kusse seinen Lippen darzubringen.
88
Was süß zu tun, das tut ein jeder auch:
89
Ihn lieben ward ein allgemeiner Brauch,
90
Denn was man sich im Paradies verspricht,
91
Davon ein Inbegriff war sein Gesicht.

92
Noch zeigte kaum sein Kinn der Mannheit Zeichen;
93
Der junge Phönix hat so zarten Flaum
94
Wie ungeschornen Sammt; der Haut, der weichen,
95
Glich das Gewebe, das sie trug, doch kaum.
96
Gleichwohl ließ dieser Schmuck dem Zweifel Raum,
97
Ob voller Haarwuchs mehr, ob reine Glätte
98
Die Schönheit dieses Kinns gehoben hätte.

99
Die Seele stimmte zu der Wohlgestalt,
100
Die Sprache floß ihm sanft, doch leicht und frei.
101
Im Zorne donnert' er mit Sturmgewalt,
102
Wie es geschieht im schönen Monat Mai,
103
Der doch auch wettern mag, wie süß er sei.
104
Sein Ungestüm entschuldigte die Jugend
105
Und lieh der Falschheit selbst den Schein der Tugend.

106
Er saß zu Roß, daß jeder sprach: 'Der Reiter
107
Leiht seinem Pferde Adel, Schmuck und Zier.
108
Stolz auf Gehorsam, eitel auf den Leiter,
109
Wie bäumt's, wie schäumt's, wie stäubt es durchs Revier!'
110
Wir fragen wohl, denn gerne zweifeln wir,
111
Ob er von seinem Pferde wird gehoben,
112
Ob man das Pferd soll um den Reiter loben.

113
Doch gibt man sich auch selber gleich Bescheid:
114
Die Anmut fließt aus seinem eignen Leben,
115
Und allen äußern Schmuck in Roß und Kleid
116
Muß erst die innere Vollendung heben.
117
Nur in den Kauf wird solche Zier gegeben;
118
Sie kann den Reiz nur von ihm selber borgen:
119
Drum waren das ihm die geringsten Sorgen.

120
Auf seiner Zunge, siegreich vor der Menge,
121
Lag die Entscheidung aller schwier'gen Sachen.
122
Rasch im Erwidern, im Beweisen strenge
123
Wußt' er auf seinen Vorteil stets zu wachen.
124
Ihm mußten Lacher weinen, Weiner lachen,
125
Er konnte jede Leidenschaft erregen,
126
Und der Gefühle Sturm zur Ruhe legen.

127
Die Herzen alle mußten ihn verehren,
128
Von Jung und Alt, von Männern und von Frauen,
129
Im Leben wie im Geist mit ihm verkehren,
130
Denn alle Blicke strebten, ihn zu schauen.
131
Entgegen kam ihm unverlangt Vertrauen;
132
Was er als Gunst gedachte zu erflehn,
133
Sah er als fremden Herzenswunsch entstehn.

134
Mühsam besorgten manche sich ein Bild,
135
Sich dran zu letzen und drein zu vergaffen,
136
Wie Toren wohl damit der Hahnkamm schwillt,
137
Sich unterwegs Landgüter anzuschaffen,
138
Die sie im Geist verwesen wie die Affen,
139
Obwohl sie oft sie sorglicher verwalten
140
Als ihre Herrn, die gichtgeplagten Alten.

141
Schon manche wähnte, – ob sie seine Hand
142
Auch nie berührt, – in seiner Brust zu thronen.
143
Mein armes Herz, das keine Fesselband,
144
Noch nicht gesinnt der Werber Dienst zu lohnen,
145
Sah Kunst und Jugend einig in ihm wohnen
146
Und ließ an seinen Zauber sein Gemüte;
147
Mir ward der Dorn, ihm meine Jugendblüte.

148
Doch tat ich nicht, wie manche Maid getan:
149
Ich sucht' ihn nicht, noch ließ ich leicht mich finden.
150
Ich hielt gestreng mich auf der Ehre Bahn
151
Und ließ der Ferne Schutz mir nicht entwinden.
152
Auch mußte mich zur Wachsamkeit verbinden
153
Manch blutend Herz, das diesem falschen Stein
154
Nur Folie war, ihm aber Glanz und Schein.

155
Doch, hatt' ein Beispiel je Gewicht genug,
156
Daß wir ein Los, das uns verhängt, vermieden?
157
Erfahrung anderer macht selten klug:
158
Wir wollen wissen, was uns selbst beschieden.
159
Unlange stellt uns guter Rat zufrieden,
160
Denn rasen wir, scheint uns der Rat ein Gegner,
161
Wir sind ihm taub und werden nur verwegner.

162
Was kümmert es das kochend heiße Blut,
163
Was andere litten? Dämpft das sein Verlangen?
164
Was man verbietet, schmeckt uns doppelt gut,
165
Wär's giftig auch wie Nattern und wie Schlangen.
166
Vernunft mag reden, wenn die Lust vergangen.
167
Wir kosten doch, was uns der Gaumen rät,
168
Weint gleich Vernunft und ruft: Es ist zu spät!

169
Was konnt' ich von ihm hoffen als Verrat?
170
Ich sah die Opfer seiner Heuchelkünste,
171
In fremden Gärten aufgehn seine Saat,
172
Sah, wie sein Lächeln neue Arglist münzte.
173
All seine Schwüre waren blaue Dünste
174
Geschrieben wie gesagt in Bausch und Bogen,
175
Bastarde, die sein falsches Herz erzogen.

176
So hielt sich lang die Festung meiner Tugend,
177
Bis er mich so bestürmte: 'Holde Maid,
178
Erbarme dich der Schmerzen meiner Jugend
179
Und trau den Schwüren, die ich dir geweiht:
180
Noch keiner andern schwur ich solchen Eid;
181
Geladen ward ich oft zur Liebesfeier,
182
Doch niemals lud ich noch, war niemals Freier.

183
Hab' ich an andern jemals mich verfehlt,
184
Ließ ich das Blut mich, nicht das Herz verleiten,
185
Das war nicht Liebe. Wo
186
Da ist's ein öder Schein auf beiden Seiten.
187
Treffe denn Schande, die nach Schande freiten!
188
Denn die mich jetzt am heftigsten verklagen,
189
Die pflegen keinem leicht was abzuschlagen.

190
Von allen, die mein Auge je erblickt,
191
Mein Herz vermochte keine zu erwärmen.
192
Hat eine mich mit Reizen so bestrickt,
193
Daß ich nicht schlief vor der Gefühle Lärmen?
194
Und trug manch Herz auch meine Liverei,
195
So blieb ich unbeschränkt und herrschte frei.

196
Sieh, was mir hier ein wundes Herz gesendet,
197
Die Perlen bleich, Rubine rot wie Blut:
198
Es sagt, daß sich ein Herz an mich verschwendet
199
Und heimlich rinnt der Tränen lichte Flut,
200
Emporgesandt von des Verlangens Glut.
201
Denn wie man auch sich sträube vor der Welt,
202
Die Neigung sei es, die den Sieg behält.

203
Betrachte dieses bunte Haargewind,
204
Umwunden liebevoll mit goldnem Draht.
205
Die Locken sandte manches schöne Kind,
206
Das mich mit Tränen sie zu nehmen bat.
207
Juwelen, die sie angeheftet hat,
208
Erklären in Sonetten zart erdacht
209
Uns ihren Wert, Gebrauch und selt'ne Pracht.

210
Der harte Diamant, des Strahlenpracht
211
Mit hellem Schein der Herzen viel bestrickt;
212
Tiefgrün daneben fesselt der Smaragd,
213
Der blöde Augen tröstet und erquickt.
214
Hier der Saphir, der wie der Himmel blickt;
215
Auch der Opal, dem Namen eingeschnitten:
216
Sie sollten alle mich um Liebe bitten.

217
Sieh, alle die Trophä'n verschwiegner Gunst,
218
Welch schmachtendes Verlangen sie auch sende,
219
In meinen Händen wären sie nur Dunst:
220
Sie seien dein, der ich mich selbst verpfände,
221
Denn du bist mein Beginn und bist mein Ende:
222
Ward es auch
223
Ich bring' es dir als meiner Göttin dar.

224
Ich lege sie in deine weiße Hand,
225
Die alles Lobes Schale bringt zum Steigen,
226
Nimm jedes Sinnbild, jedes Liebespfand,
227
Einst seufzend dargebracht, – es sei dein eigen,
228
Dein Priesterweih' ich sie mit heil'gem Schweigen,
229
Die einzeln mir gesendet sind von vielen,
230
Die auf einmal, die doch auf dich nur zielen.

231
Sieh, dieses Schreiben kommt von einer Nonne,
232
Die einem strengen Orden sich befahl.
233
Einst war sie eines ganzen Hofes Sonne,
234
Und jede Blume buhlt' um ihren Strahl.
235
Ihr huldigte der ganze Fürstensaal;
236
Sie hielt sich kalt zurück, weil sie ihr Leben
237
Der ew'gen Himmelsliebe wollt' ergeben.

238
Doch, o mein Lieb! Man kann dem leicht entsagen
239
Was man nicht hat, und satten Magens fasten;
240
In einen Sumpf ist bald ein Pfahl geschlagen;
241
Der Ketten ist gut spotten, die nicht lasten.
242
Ihr Ruhm war, sich in eil'ger Flucht zu hasten,
243
Vor Wunden zu bewahren ihre Jugend:
244
So siegte sie durch Ferne, nicht durch Tugend.

245
Vergib mir, daß ich mit der Wahrheit prahle:
246
Der Zufall, der sie mich erschauen ließ,
247
Bewältigte sie gleich mit einem Male:
248
Nun floh die Himmelsbraut das Paradies,
249
Aus dem sich selbst die Schuldige verwies.
250
Scheu vor Verführung trieb sie zwischen Mauern:
251
Zu fliehn versucht sie jetzt, nicht zu vertrauern.

252
Wie siegreich wirkst du denn, wie stark und schnelle
253
Die Herzen all, die mein verlangend denken,
254
Ergießen ihre Flut in meine Welle,
255
Und diese geht, sich in dein Meer zu senken:
256
Nimm aller Glut zu deinem Ruhm zusammen
257
Und laß dein kaltes Herz daran entflammen.

258
Bezaubert hab ich eine Himmelsbraut,
259
Die nur Gebet und Fasten noch ernährt;
260
Den Augen hat sie nur zu viel vertraut,
261
Gelübd' und Weihen blieben ohne Wert.
262
O Kraft der Liebe, was wär' dir verwehrt?
263
Auf Ketten nicht noch Mauern hast du acht,
264
Denn du bist alles, endlos deine Macht.

265
Wenn du gebeust, verdrießt uns alles Mahnen
266
Des schalen Beispiels. Herrscher deiner Triebe,
267
Reißt es im Sturm uns fort auf deine Bahnen
268
Trotz Sitt' und Ehren, Ruf und Kindesliebe.
269
Ob uns zuletzt nur Not und Reue bliebe,
270
Du weißt die künft'gen Qualen zu versüßen
271
Und träufelst Honig in des Sträflings Büßen.

272
Die Herzen bluten, die in meinem leben,
273
Wenn dieses bricht; erbarme dich der Pein!
274
Hör' ihrer Seufzer Laut, die dich umschweben:
275
Laß dein Geschütz nicht länger Feuer spei'n
276
Und würd'ge, meinem Flehn Gehör zu leih'n:
277
Vernimm mit gläub'gem Herzen meinen Schwur,
278
Denn er gelobt die reine Wahrheit nur!'

279
Sieh, helle Tränen von den Augen sprangen,
280
Die flehend noch auf meinem Blick geruht:
281
Der Strom ergießt sich über beide Wangen;
282
Sie dampften von der heißen Liebesflut.
283
Wie ließ der Bach den schönen Ufern gut!
284
Den Rosenschein kristallen überzogen,
285
Und vollgedrängt sah ich die Tränenwogen.

286
O Vater, jede Tränenperle schließt
287
Den Zauber einer ganzen Hölle ein.
288
Bei solcher Augenüberschwemmung fließt
289
Ein Frauenherz mit fort, und wär's von Stein;
290
Und wär's von Eis, empfänd' es Flammenpein.
291
Zwiefache Wirkung! Wärmen und auch kühlen!
292
Was einer fühlt, du lehrst ihn anders fühlen.

293
Sieh, seine Rührung, die aufrichtig schien;
294
Sie löst in seinen Tränen meine Hut.
295
Der Unschuld weiße Stola warf ich hin,
296
Vergaß der Scham vor seiner Tränenflut,
297
Und ließ ihn schaun, wie sehr mein Herz ihm gut.
298
Doch meine Rührung gab
299
Er hatte mit der

300
Er ist ein Inbegriff von feinen Stoffen,
301
Die listgewandt sich jeder Form bequemen,
302
Daß er jetzt bleich erschien, jetzt Tränen troffen,
303
Jetzt jüngferlich sich seine Wangen schämen.
304
Dies alles muß man nicht für Wahrheit nehmen:
305
Wenn er errötet, weint, in Ohnmacht fällt,
306
So spielt er gut, wie ein Theaterheld.

307
So kam kein Herz in seines Schusses Weite,
308
Das nicht getroffen hinsank, wenn er schoß.
309
Er zeigte sich von seiner schönsten Seite,
310
Wenn er von Güt' und Tugend überfloß:
311
Und nichts so sehr als Falschheit ihn verdroß,
312
Wenn ganz sein Herz der Wollust Glut verzehrte,
313
Sprach er entzückt von edler Unschuld Werte.

314
So deckt' er mit der Anmut zartem Schleier
315
Den nackten Feind, der sich in Tugend barg.
316
Man sah empor zu ihm in hoher Feier:
317
Wer nähm' an einem Cherubim auch Arg?
318
Welch Mädchen wäre solchem Freier karg?
319
Weh mir, ich fiel; allein ich darf wohl fragen:
320
Wie konnt' ich dieser Liebe mich entschlagen?

321
Wer widerstand dem Blick, dem tränenfeuchten,
322
Der falschen Glut, von der die Wange brannte,
323
Dem Auge voll von edlem Wetterleuchten,
324
Wenn heil'ger Donner jeden Zweifel bannte.
325
Die Täuschung, die kein Kenner noch erkannte,
326
Sie möchte die Betrogne nochmals rühren
327
Zum andernmal die Büßerin verführen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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William Shakespeare
(15641616)

* 26.04.1564 in Stratford-upon-Avon, † 03.05.1616 in Stratford-upon-Avon

männlich, geb. Shakespeare

englischer Dichter, Theaterunternehmer und Schauspieler, dessen Dramen zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur gehören

(Aus: Wikidata.org)

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