William Shakespeare

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William Shakespeare: William Shakespeare (1590)

1
Dem Römerheer vor Ardea entflieht
2
Tarquin, von Schwingen schnöder Lust getragen,
3
Die glühnden Drangs ihn nach Collatium zieht.
4
Dort eine holde Beute zu erjagen,
5
Läßt er ein Feuer aus der Asche schlagen,
6
Das, lange unterdrückt, nun glutenvoll
7
Lucretia's keuschen Leib umschlingen soll.

8
Dies »keusch«, dies holde Wort gerade wetzte
9
Zur höchsten Schärfe sein unhold Verlangen,
10
Da Collatin die Klugheit oft verletzte
11
Im Preise von Lucretia's feinen Wangen,
12
Und Augen, die wie Stern' am Himmel prangen
13
Des Glücks, das ihm, nur ihm beschieden war,
14
Durch Reize, makellos und wunderbar.

15
Denn nachts zuvor, im Zelte des Tarquin,
16
Enthüllt' er ihm den Schatz der Liebeswonnen,
17
Den unschätzbar die Götter ihm verliehn,
18
Da er solch' wunderholdes Weib gewonnen;
19
Und meinte stolz vor Glück und unbesonnen:
20
Daß Könige sich wohl größerm Ruhm vermählten,
21
Doch nie ein Weib, so schön wie seins, erwählten.

22
O Seligkeit, von wenigen nur genossen!
23
Und mitten im Genuß schon welk und schal!
24
Rasch wie des Frühtaus Silberglanz zerflossen,
25
Trifft glühend ihn der Sonne goldner Strahl,
26
Das Beste kommt und flieht fast allzumal.
27
In dieser Harmwelt beut nur schwache Wehre
28
Des Eigners Arm der Schönheit und der Ehre.

29
Die Schönheit überzeugt durch sich allein,
30
Stets siegreich treffen ihrer Augen Strahlen,
31
Kein Anwalt braucht ihr seinen Mund zu leihn,
32
Das Höchste läßt sich nicht mit Worten malen.
33
Und durfte Collatinus damit prahlen?
34
Vor Diebesohren mußt' er klüglich schweigen
35
Vom unschätzbaren Kleinod, das sein eigen.

36
Ob nun dies Prahlen, das er angehört,
37
Die Glut des Königssohns zum Ausbruch brachte,
38
– Denn oft wird durch das Ohr das Herz betört –
39
Ob Neid um ein so einzig Gut erwachte
40
In ihm, und seinen Stolz zur Wut entfachte,
41
Daß ihm, dem Höhern, das Geschick versagte
42
Glück, des ein Niedrer sich zu rühmen wagte:

43
Genug, ein unheilvoller Einfall hetzte
44
Ihn jählings fort in unheilvoller Hast,
45
Und über Freundschaft, Pflicht und Ehre setzte
46
Er leicht hinweg und eilte ohne Rast
47
Die Glut zu löschen, die sein Herz erfaßt.
48
O falsche, falsche Glut! Du stirbst verfrüht
49
Im Eis der Reue, eh' dein Lenz geblüht.

50
Der Falsche, als er nach Collatium kam,
51
Ward freundlich von der Römerin empfangen,
52
In deren holdem Antlitz wundersam
53
Schönheit und Tugend um die Palme rangen.
54
Dringt Tugend vor, färbt ros'ge Scham die Wangen,
55
Doch Tugend will der ros'gen Scham nicht weichen
56
Und läßt die Röte lilienweiß erbleichen.

57
Doch Schönheit weiß von Venus' Taubenpaar
58
Auf dieses Weiß Ansprüche herzuleiten,
59
Und Tugend sagt: der Schönheit Röte war
60
Einst mein, ich schenkte sie den goldnen Zeiten
61
Als Schild, auf Silberwangen Gold zu breiten;
62
Und diese Zier lehrt' ich als Wehre nützen
63
Im Kampf mit Schmach das Weiß durch Rot zu schützen.

64
So sah man in Lucretia's Angesicht
65
Das Schönheitsrot mit Tugendweiß sich streiten,
66
Und fürstlich stolz tut keines ganz Verzicht:
67
Jedwedes weiß sein Vorrecht herzuleiten,
68
Voll Ehrgeiz, aus dem Anbeginn der Zeiten,
69
Und bietet so dem andern kühn die Spitze,
70
Daß sie oft wechseln auf dem Herrschersitze.

71
Den stillen Krieg der Lilien und Rosen
72
Erblickt Tarquin im Feld der schönen Wangen,
73
Und als Verräter beider makellosen
74
Kriegsscharen, gibt in feigem Todesbangen,
75
Besiegt, sein Auge beiden sich gefangen;
76
Doch statt zu triumphieren über ihn,
77
Den Falschen, ließen beid' ihn lieber ziehn.

78
Nun scheint ihm, ihres Gatten seichter Zunge,
79
Als sie der Knicker so verschwendrisch pries,
80
Fehlt' es bei ihrer Schönheit Lob an Schwunge,
81
Denn mehr, weit mehr als Collatin verhieß,
82
Des Kunst im Schildern sich höchst schal erwies,
83
Fand er, in stummer Huldigung mit Blicken,
84
Die tief in ihre Schönheit sich verstricken.

85
Die Heilige, verehrt von diesem Teufel,
86
Hat keine Ahnung seiner falschen Glut;
87
Nicht leicht faßt reine Seelen böser Zweifel,
88
Nur Vögel, schon geleimt, sind auf der Hut.
89
Lucretia, in Unschuld frohgemut,
90
Begrüßt den hohen Gast mit Ehrerbieten,
91
Des innre Mängel äußre nicht verrieten.

92
Denn mit der hohen Würde, die ihn deckt,
93
Birgt er im Faltenwurf der Majestät
94
Den niedern Sinn, daß nichts Verdacht erweckt.
95
Bewundrung nur zu oft sein Aug' verrät,
96
Das, alles habend, doch nach mehr noch späht,
97
Im Reichtum arm, im Überfluß entbehrend,
98
Von Vielem satt, doch immer mehr begehrend.

99
Doch sie, die nie mit fremden Blicken stritt,
100
Versteht nicht, was aus seinen Augen spricht;
101
Nichts vom geheimen Sinn teilt sich ihr mit
102
Der Sündenschrift in seinem Angesicht;
103
Der Köder lockt, die Angel schreckt sie nicht,
104
Sie kann aus seinem Wollustblick nur schließen,
105
Daß seine Augen gern das Licht genießen.

106
Er füllt ihr Ohr mit ihres Gatten Ruhm,
107
Der weiter reichte, als Italiens Grenze,
108
Preist Collatinus' Würd' und Heldentum,
109
Wie er durch jede Mannestugend glänze,
110
An Beute reich, im Schmuck der Siegeskränze.
111
Sie blickt zum Himmel mit erhobnen Händen,
112
Stumm ihren Dank für solches Glück zu spenden.

113
Ein Vorwand seines Kommens fehlt ihm nicht,
114
Der weit abliegt von des Besuches Zwecken;
115
Kein Wölkchen läßt im heitern Angesicht
116
Den drohenden Gewittersturm entdecken,
117
Bis schwarze Nacht, die Mutter aller Schrecken,
118
Den Tag in ihres Kerkers Wölbung zwingt
119
Und Dunkel über Erd' und Himmel bringt.

120
Nun heuchelt schwere Müdigkeit Tarquin
121
Und wird zu seiner Lagerstatt gebracht,
122
Denn nach dem Abendessen hinzuziehn
123
Wußt' er die Plauderei bis in die Nacht.
124
Der blei'rne Schlaf bekämpft mit Übermacht
125
Die Lebenskräfte, und wird ihrer Meister:
126
Nur Diebe wachen und des Unglücks Geister.

127
So liegt Tarquin jetzt, die Gefahr erwägend,
128
Die droht, wenn er vollführt, was er geplant,
129
Doch keinen Schritt vom Ziel zurückbewegend,
130
Ob schwache Hoffnung auch zum Rückzug mahnt.
131
Wo ein Verzweifelter den Weg sich bahnt
132
Zu Raubgewinn, ob auch der Tod ihm droht:
133
Er stürmt zum Ziel und denkt nicht an den Tod.

134
Wer viel begehrt, den läßt die Habsucht nimmer
135
Behaglich seines Eigentums sich freuen,
136
Denn stets auf Zuwachs hoffend, wird er immer,
137
Was er gewann, vermindern und verstreuen,
138
Und wenn sich bis zum Überfluß erneuen
139
Die Schätze, schaffen sie im Überdruß
140
Armut des Herzens bei Goldüberfluß.

141
Das Streben aller ist, in alten Tagen
142
Wohlhäbig, sorglos und geehrt zu leben;
143
Alles für eins und eins für alles wagen
144
Wir stets bei diesem oft gekreuzten Streben.
145
Um Ehre wird das Herzblut hingegeben
146
Im Kampf; um Reichtum Ehre, und so stirbt
147
In Schande, wer voll Gier um Schätze wirbt.

148
Wir hören auf, das was wir sind, zu sein
149
Bei schlechtem Spiel um ein erhofftes Glück,
150
Und unser Ehrgeiz schafft uns stete Pein,
151
Nur Mängel im Besitz zeigt er dem Blick;
152
Denn immer vorwärts sehn wir, nie zurück
153
Auf was wir haben – so den Sinn verkehrend
154
Und unser Etwas durch ein Nichts vermehrend.

155
Bei solchem Glücksspiel muß nun auch Tarquin
156
Die Ehre opfern seiner schnöden Lust,
157
Und
158
Sich selbst betrügen, seiner Schmach bewußt.
159
Wer frech die Treue bricht in eigner Brust,
160
In Selbstvernichtung Lastern nachzujagen,
161
Der darf sich über andre nicht beklagen.

162
Schon kam die todesstille Zeit der Nacht,
163
Und Schlaf lag auf den Augen schwer wie Blei;
164
Am Himmel selbst kein Stern des Trostes wacht;
165
Kein Laut als Wolfsgeheul und Eulenschrei.
166
Nun für das Lamm schleicht die Gefahr herbei;
167
Wie reine Seelen ruht es still und stumm,
168
Nur blutiger Mord und Wollust geh'n jetzt um.

169
Nun auf von seinem Lager springt Tarquin,
170
Den Mantel wirft er hastig um den Arm,
171
Begierd' und Furcht wahnsinnig schütteln ihn,
172
Süß schmeichelt jene, diese droht mit Harm
173
Und warnt ihn redlich – aber süß und warm
174
Lockt Wollust; und die Furcht, die lang' sich sträubt,
175
Weicht endlich, von der Wollust hirnbetäubt.

176
An einen Stein schlägt er mit seinem Schwert
177
Und zündet eine Fackel dann am Licht
178
Des Strahls, der aus dem Feuersteine fährt,
179
Als Leitstern für sein lüsternes Gesicht,
180
Derweil er also zu der Flamme spricht:
181
»wie ich aus kaltem Stein ließ Feuer springen,
182
Muß ich Lucretia mir zu Willen zwingen.«

183
Hier, bleich vor Furcht, vordenkend nun erwägt er
184
Die Fährnis seines schändlichen Beginnens,
185
Und schlimme Folgen ahnend überlegt er,
186
Mehr sei hier des Verlierens als Gewinnens.
187
Er schmäht die schwache Rüstung seines Minnens,
188
Der nicht zu traun, und die Gedankensünde
189
Bekämpft er so durch tugendliche Gründe:

190
»erlisch, o Fackel! leihe nicht dein Licht,
191
Ein Licht zu trüben heller als das deine!
192
Befleckt, unheilige Gedanken, nicht
193
Mit eurem Sündenschmutz die göttlich Reine!
194
Bringt heiligen Weihrauch ihrem Heiligenschreine;
195
Beug' einer Tat vor, schöne Menschlichkeit,
196
Die reiner Liebe weiß Gewand entweiht.

197
O Schmach auf Rittertum und Wappenglanz,
198
Wenn ich der Ahnen heilig Grab entweih'!
199
Solch' Tun umschlösse alles Böse ganz;
200
Ein Krieger Sklav, der Liebesschwärmerei!
201
Der wahre Mut gibt nicht die Ehre frei,
202
Die Schande, mich so weit verirrt zu haben,
203
Blieb ewig meinem Antlitz eingegraben.

204
Ja, sterb' ich, wird die Schmach mich überleben
205
Als Dorn im Aug' den Wappen eingeprägt;
206
Ein Merkmal würde mir der Herold geben,
207
Zu zeigen, wie mich schnöde Lust bewegt,
208
Daß meine Kinderzorn- und schamerregt
209
Mich noch verfluchen, wenn ich schon begraben,
210
Und wünschen, solchen Vater nicht zu haben.

211
Was würde, find' ich, was ich suche, mein?
212
Ein Traum, ein Hauch, ein flüchtiger Lustgewinn.
213
Wer kauft Minutenlust um Wochenpein?
214
Wer gibt den Weinstock um die Traube hin?
215
Ein Tand für ewige Schmach hat keinen Sinn,
216
Und ließe, um der Krone Glanz zu tragen,
217
Ein Bettler d'rum vom Szepter sich erschlagen?

218
Wenn Collatin von meinem Vorsatz träumt,
219
Wird er nicht aus dem Schlaf in wilder Wut
220
Auffahren und hereilen ungesäumt,
221
Dem Sturm zu wehren auf sein höchstes Gut,
222
Und seine Ehr' an meinem Frevelmut
223
Zu rächen, daß durch mich nicht Unschuld sterbe
224
So jung, und Gram das Alter nicht verderbe?

225
Was kann ich zur Entschuldigung erfinden,
226
Zeiht er mich solchen Frevels? Mein Gebein
227
Wird kläglich zittern und mein Aug' erblinden,
228
Das Herz wird bluten, stumm die Zunge sein.
229
Wie groß die Schuld, ist auch die Furcht nicht klein,
230
Und große Furcht wagt weder Kampf noch Flucht,
231
Bricht feig zusammen vor des Schreckens Wucht.

232
Hätt' er mir Vater oder Sohn erschlagen,
233
Oder mich meuchlings selbst bedroht am Leben,
234
Und wär' er nicht mein Freund, so könnt' ich sagen:
235
Vergeltung ließ nach seinem Weib mich streben;
236
Doch da er mir als treuer Freund ergeben
237
Und Blutsverwandtschaft mich mit ihm verbindet,
238
Bleibt's eine Schmach, die nie Entschuld'gung findet.

239
Ja, schmachvoll ist's! – doch, kann man's nicht verschweigen
240
Haßwürdig ist's! – doch Liebe kennt kein Hassen.
241
Ich fleh' um Liebe – die nicht mehr ihr eigen.
242
Das Schlimmste wär', dürft' ich sie nicht umfassen!
243
Längst hat mein Wille die Vernunft verlassen.
244
Wer Schwäche scheut aus lasterhaftem Einwand,
245
Dem wird selbst bange vor bemalter Leinwand.«

246
So läßt er seine Gluten ohne Schranken
247
Zu Rat mit eisigem Bewußtsein gehn,
248
Weist von sich alle besseren Gedanken,
249
Damit die schlechtern stets im Vorteil stehn,
250
Die jeden guten Vorsatz gleich verdrehn,
251
Und ihn selbst so verwirren, einen Schein
252
Von Tugend seinem schnöden Werk zu leihn.

253
Er sprach: »Sie nahm mich freundlich bei der Hand,
254
Als scharf sie in mein lüstern Auge sah,
255
Wie ängstlich forschend nach des Heeres Stand,
256
Ob ihrem Collatinus nichts geschah.
257
Wie reizvoll färbte Furcht ihr Antlitz da!
258
Bald Rosen glich's, auf Linnen schneeweiß rein,
259
Bald glich es solchem Linnen ganz allein.

260
Wie sie mich, meine Hand ergreifend, zwang,
261
Bei ihrem treuen Beben mitzubeben!
262
Und, immer mehr erbebend, in mich drang,
263
Bis ich die beste Kunde ihr gegeben
264
Von ihm, um dann ein Lächeln zu erleben,
265
So hold ... hätt' es Narciß gesehn, gewiß:
266
Selbstliebe hätte nicht ertränkt Narciß.

267
Warum denn nach Entschuldigungen jagen?
268
Des Redners Kunst verstummt, wo Schönheit spricht;
269
Ein armer Tropf mag sich mit Skrupeln plagen,
270
Ein liebend Herz erbangt vor Schatten nicht.
271
Die Liebe ist mein Feldherr und mein Licht,
272
Läßt sie ihr reichgeschmücktes Banner wehn,
273
Wird selbst dem Feigling Mut zum Kampf erstehn.

274
Fort, kind'sche Furcht und banges Überlegen!
275
Vernunft und Rücksicht dient nur welken Greisen;
276
Dem Auge stellt das Herz sich nicht entgegen,
277
Bedächtig Zaudern ziemt betagten Weisen,
278
Doch Jugend will in eignen Bahnen kreisen.
279
Lust sei mein Feldherr, Schönheit meine Beute;
280
Wer, der bei solchem Ziel das Sinken scheute!«

281
Wie junge Saat dem Unkraut, also weicht
282
Bedächt'ge Furcht dem stürmischen Verlangen,
283
Wie er mit Lauscherohren vorwärts schleicht
284
Und freche Hoffnung mit verlegnem Bangen
285
(das unterdrückt zwar, doch nicht ganz vergangen)
286
So in ihm stritt, daß immer noch ein Schwanken
287
Blieb zwischen Lustbegier und Furchtgedanken.

288
Ihm zeigt sein innres Aug' ihr himmlisch Bild,
289
Doch auch zugleich das Bild von Collatin;
290
Der Blick auf sie macht ihn ganz wirr und wild,
291
Allein der Himmelsblick, den sie auf ihn
292
Gerichtet, will ihn läuternd aufwärts ziehn,
293
Sein sündig Herz für bessre Regung werben.
294
Umsonst! Zu tief schon steckt er im Verderben.

295
Die bösen Lüste, dienend ihm verbunden,
296
Geschmeichelt von des Führers heiterm Schein,
297
Erfüllen ihn wie die Minuten Stunden,
298
Bestrebt, so munter wie er selbst zu sein,
299
Und mehr Tribut, als nötig, ihm zu weihn.
300
So tollkühn zu Lucretiens Bette schreitet
301
Der Herrscher Roms, von wilder Gier geleitet.

302
Die Türen zwischen ihrem Schlafgemach
303
Und seinem Willen tun, von ihm gesprengt,
304
Sich auf, doch rufen knarrend Vorsicht wach
305
In ihm, daß er bei jeder Schwelle denkt
306
Des Räuberziels, das seine Schritte lenkt;
307
Da kreischen Wiesel auf, die ihn entdecken,
308
Sie schrecken ihn, doch er besiegt den Schrecken.

309
Und wie die Pforten ihm den Weg erschweren,
310
Kämpft auch durch Mauerspalten mit dem Licht
311
Der Wind, und bläst, um seine Qual zu mehren,
312
Die Fackel aus, den Rauch ihm in's Gesicht,
313
Daß ihm zum Ziel die Führung nun gebricht;
314
Doch bleibt sein glühend Herz ihm treu verbündet,
315
Daß er die Fackel bald aufs neu entzündet.

316
Auf Binsenmatten sieht er bei dem Licht
317
Lucretiens Handschuh', die nah' vor ihm lagen;
318
Er greift danach, doch eine Nadel sticht
319
Ihn in die Hand, als wollte sie ihm sagen:
320
»die Handschuh' können Tändeln nicht vertragen,
321
Du hast's gefühlt; leg' rasch sie wieder hin,
322
Der Putz ist keusch wie die Gebieterin.«

323
Doch hemmt ihn kein so dürft'ges Warnungszeichen,
324
Er deutet sie im schlimmsten Sinne nur,
325
Ihm müssen Türen, Wind und Handschuh' weichen,
326
Er sieht in allem nur des Zufalls Spur,
327
Gleichsam Gewichte, die die Stundenuhr
328
Im Gang verzögernd hemmen, bis der Stunde
329
Die Schuld entrichtet jegliche Sekunde.

330
Er sprach: »Stets hemmt Verzug der Zeiten Schwingen,
331
Wie schwacher Nachtfrost oft dem Lenz noch dräut.
332
Damit die Knospen um so schöner springen,
333
Der Vögel Sang sich fröhlicher erneut,
334
Nur der gewinnt, wer die Gefahr nicht scheut;
335
Es dräu'n Piraten, Sturm und Fels zu stranden
336
Dem Kaufmann, eh' er reich daheim darf landen.«

337
Nun hat er schon des Zimmers Tür erreicht,
338
Die ihn vom Himmel seiner Wünsche trennt;
339
Nichts mehr als eine Klinke, die bald weicht,
340
Hält ihn zurück vom Schönsten, was er kennt
341
Und zu erlangen so gottlos entbrennt,
342
Daß er zum Himmel fleht um Hilf und Huld –
343
Gleichwie zum Hohn auf himmlische Geduld.

344
Doch während seine Bitten sich vergebens
345
Frech an die ew'gen Himmelsmächte wenden,
346
Daß er das holde Ziel unholden Strebens
347
Erreiche – fühlt er selber sein Verblenden,
348
Fährt plötzlich auf und spricht: »Ich muß sie schänden!
349
Der Himmel kann mir keine Hilfe leihn
350
Bei meiner Tat, die ihm ein Greu'l muß sein.

351
Nun sei'n mir Glück und Liebe Gott und Rat!
352
Den Willen unterstützt verwegner Mut;
353
Gedanken sind nur Träume bis zur Tat,
354
Vergebung macht die schwerste Sünde gut,
355
Das Eis der Furcht schmilzt in der Liebe Glut.
356
Des Himmels Aug' erlosch, und finstre Nacht
357
Verhüllt die Scham, die nach der Lust erwacht.«

358
Nun hebt die Klinke seine Sünderhand,
359
Er öffnet mit dem Knie die Türe weit;
360
Fest schläft das Täubchen, das die Eule fand;
361
Verrat, eh' man Verräter sieht, gedeiht.
362
Sonst springt, wer eine Schlang' erblickt, beiseit';
363
Doch sie, der Schlange Näh' nicht ahnend, liegt
364
Ihr preisgegeben, süß in Schlaf gewiegt.

365
Mit weitem Räuberschritt schleicht er in's Zimmer,
366
Sieht das noch unentweihte Lager, dicht
367
Verhüllt vom Vorhang. Spähend gieriger immer
368
Rollt ihm das Aug' im glühenden Gesicht,
369
Bis es zur Hand, das Herz verratend, spricht:
370
Fort mit den neid'schen Wolken, die mir ganz
371
Verhüllen dieses Mondes Silberglanz!

372
Wie wenn in hellster Glut aus Wolkenwogen
373
Die Sonne steigt und blendet das Gesicht,
374
So wird, als er den Vorhang weggezogen,
375
Sein Aug' geblendet von noch schön'rem Licht.
376
Ob es Lucretiens holden Anblick nicht
377
Ertragen kann? Ob Scham es übergossen?
378
Genug, es schließt sich und es bleibt geschlossen.

379
O, wär' es tot in dunkler Hast geblieben,
380
Daß es nichts Schlimmres sähe, als es sah!
381
Dann ruhte, hochbeglückt durch treues Lieben,
382
Ihr Collatin noch bei Lucretia.
383
Doch als es aufging, war das Unglück da,
384
Das, um geweihte Bande unbekümmert,
385
Der beiden ganzes Lebensglück zertrümmert.

386
Die Lilienhand ruht an der Rosenwange,
387
Das Küssen so dem Kissen mit ihr wehrend,
388
Worüber dies, geteilt, in zorn'gem Drange
389
Hochaufschwillt, sich nach beiden Seiten kehrend,
390
Im Anblick ihres Hauptes sie verehrend.
391
So liegt sie da, ein Monument der Tugend,
392
Zur Augenweide lasterhafter Jugend.

393
Die andre Hand liegt auf der grünen Decke
394
Des Betts, und zeigt solch' makelloses Weiß,
395
Wie Blüten im April an Baum und Hecke,
396
Noch glänzend von des Frühtaus Perlenschweiß.
397
Ihr Augenpaar im dunkeln Doppelkreis
398
Gleicht Ringelblumen, bis es sich erschließt
399
Und auf den Tag ein hellres Licht ergießt.

400
Ihr Goldhaar, wie sie atmet, steigt und sinkt
401
In üpp'ger Zucht und zücht'ger Üppigkeit;
402
Im Bild des Tods Triumph des Lebens schwingt
403
Sein Banner, das den Tod zum Leben weiht
404
Und beiden solchen Schönheitsglanz verleiht,
405
Als ob kein Streit mehr zwischen ihnen schwebte,
406
Der Tod im Leben, dies im Tode lebte.

407
Die Brust, zwei Globen wie von Elfenbein,
408
Zwei nie von andern unterworfne Welten
409
Als von dem Auserkornen, dem allein
410
Sie sich im Treugelübde zugesellten,
411
Und die so hoch Tarquin's Gelüsten schwellten,
412
Daß er, verhöhnend Ehre, Treu und Glauben,
413
Kam, um des Herrschers Doppelthron zu rauben.

414
Was konnt' er sehn, das er nicht eifrig merkte?
415
Was eifrig merken, das er nicht begehrte?
416
Und jeder neue Augenreiz verstärkte
417
Nur die Begier. Nicht staunend bloß verehrte
418
Er so viel Reiz: sein Auge förmlich zehrte
419
Vom Grübchenkinn, den Lippen von Korallen,
420
Der feinen Haut und von den Reizen allen.

421
Wie sich des Raubs, der nicht mehr kann entfliehn,
422
Der Löwe freut, schon halb gesättigt schier,
423
So vor der Schlafenden steht nun Tarquin.
424
Beim Anschaun wird die wilde Lustbegier
425
Gedämpft, doch nicht gelöscht; denn wie er ihr
426
Zur Seite steht, bald wiederum befeuern
427
Die Augen ihn, den Aufruhr zu erneuern.

428
Die Adern – gleich kampflustigen Vasallen
429
Und Knechten, die nach Blut und Beute jagen,
430
In jeder wüsten Untat sich gefallen,
431
Nach Kinderschrei und Mutterweh nicht fragen –
432
Treibt nun der Stolz, das Äußerste zu wagen;
433
Des Herzens Schlag gibt laut das Angriffszeichen,
434
Im Sturme, was sie mögen, zu erreichen.

435
Das Aug' erfrischt sich an des Herzens Schlagen
436
Und überträgt die Führung seiner Hand,
437
Die, stolz auf solch' Vertraun, mit kühnem Wagen
438
Gleich auf dem nackten Busen ihren Stand
439
Nimmt, als dem Herzenspunkt vom ganzen Land,
440
Des Türmchen, durch die Hand erstürmt, erblassen,
441
Von ihrer Adern blauen Reihn verlassen.

442
Das Blut der Adern flüchtet in die Kammer
443
Zurück, wo seine teure Herrin liegt,
444
Und bringt die Meldung ihr voll Weh' und Jammer,
445
Daß sie belagert sei, schon halb besiegt.
446
Erschreckt fährt sie empor vom Schlaf, es fliegt
447
Ihr Blick in den Tumult, doch jählings wendet
448
Er sich zurück, vom Fackellicht geblendet.

449
Nun denkt euch eine Frau, in stiller Nacht
450
Aus wilden Träumen bebend aufgeschreckt,
451
Im Wahn, durch eines bösen Geistes Macht,
452
Der sie im Traum bedroht, sei sie geweckt;
453
Und die nun wachend Schlimmres noch entdeckt,
454
Da Wirklichkeit ihr grell vor Augen brachte,
455
Was jedes Glied im Traum erbeben machte.

456
Von tausend Ängsten hin und her gezerrt
457
Liegt sie, dem pfeilgetroffnen Vogel gleich;
458
Sie will nicht sehn, allein vergebens sperrt
459
Ihr Auge sich: wie aus dem Schattenreich
460
Erscheinen Bilder, fratzenhaft und bleich,
461
Die, zürnend, daß die Augen sich verschließen,
462
Als Schreckgebilde nachts vorüberschießen.

463
Die Hand, die er auf ihre Brust noch hält
464
(als Sturmbock auf den Wall von Elfenbein)
465
Fühlt, wie ihr wundes Herz bald steigt, bald fällt,
466
Verzweifelnd ringend gegen Todespein,
467
Und zittert mit der Zitternden, – allein
468
Dies mehrt nur seine Glut, heißt Mitleid schweigen,
469
Die holde Burg im Sturme zu ersteigen.

470
Die Zunge, als Trompete, zum Beginn,
471
Ertönt dem Feinde, daß er sich ergebe;
472
Aus weißer Decke taucht ein weißres Kinn
473
Und fragt: warum solch' Lärm sich da erhebe!
474
Tarquin hält stumm die Antwort in der Schwebe.
475
Sie aber forscht laut flehend nach dem Grunde
476
Des schnöden Überfalls zu solcher Stunde.

477
Er spricht: »Dein holdes Antlitz ist der Grund,
478
Dem selbst die Lilie seine Weiße neidet,
479
Und das vor Scham der Rose schließt den Mund.
480
In
481
Beim Sturm auf deine Burg; die Schuld ist deine,
482
Dein eignes Aug' verriet dich an das meine.

483
So zeig' ich, grollst du, dir die eigne Schuld,
484
Denn deine Schönheit fing dich diese Nacht,
485
Drin du dich mir mußt fügen mit Geduld,
486
Da du in mir die Gluten angefacht,
487
Die ich umsonst bekämpft mit ganzer Macht;
488
Durch mein Gewissen ward die Lust beschworen,
489
Durch deine Schönheit ward sie neu geboren.

490
Ich weiß, mein Angriff wird mir Unheil bringen,
491
Ich weiß, die Rose wird vom Dorn bewacht,
492
Und aus dem Honig seh' ich Stacheln dringen, –
493
Das hab' ich alles vorher wohl bedacht;
494
Doch Lust hat meinen Willen taub gemacht
495
Für guten Rat, – ganz von der Schönheit Licht
496
Bezaubert, hat er Sinn für andres nicht.

497
Erwogen hab' ich recht in tiefster Seele,
498
Welch' Unglück, Leid und Weh' der Tat entspringt;
499
Doch Leidenschaft gehorcht nicht dem Befehle
500
Der Klugheit, ob, was sie im Sturm erringt,
501
Auch nichts als Schmach und Reuetränen bringt,
502
Verachtung, Feindschaft, Lösung teurer Bande –
503
Doch streck' ich meinen Arm aus nach der Schande.«

504
So sprechend, schwingt er seine Römerklinge,
505
Die, wie der Falke, der zum Himmel steigt,
506
Den Vogel unterm Schatten seiner Schwinge
507
Festbannt, weil über ihm der Tod sich zeigt;
508
So unter seinem Schwerte zitternd neigt
509
Lucretia sich dem dräuenden Gesellen,
510
Dem Vogel gleich, hört er des Falken Schellen.

511
»lucretia«, spricht er, »mein wirst du zur Nacht,
512
Und sträubst du dich, bricht die Gewalt mir Bahn,
513
Im Bett wirst du von mir dann umgebracht,
514
Und noch ein armer Sklav' wird abgetan
515
Und dir gesellt, und allen, die dir nahn,
516
Schwör' ich, damit du ehrlos wirst, ich hätte
517
Den niedern Buhlen dir erwürgt im Bette.

518
So wird in Schmach dein Mann dich überleben,
519
Ein Merkziel jedes offnen Auges sein,
520
Kein Blutsverwandter darf sein Haupt erheben,
521
Als Bastard schilt man jedes Kind, das dein,
522
Und als der Quell der Schmach giltst du allein;
523
In Liedern wird ein Nachhall deiner Schande
524
Durch alle Zeiten gehn und alle Lande.

525
Doch gibst du nach, so bleibt dein Freund verschwiegen,
526
Verschwiegne Schuld ist Schuld, die nicht getan,
527
Zu großem Zweck ein wenig seitwärts biegen,
528
Heißt noch nicht weichen von der rechten Bahn.
529
Die stärksten Gifte sind uns untertan;
530
Vermischt mit reinem Stoff und Gegengiften,
531
Vermögen sie kein Unheil anzustiften.

532
Um deines Gatten, deiner Kinder willen
533
Erhöre mich, daß sie nicht allzumal
534
Den Schandruf erben, den dann nichts zu stillen
535
Vermag! Ein Sklaven- und ein Muttermal
536
Ist nicht so schlimm als solcher Schande Qual.
537
Was kann der Mensch, der schwache Schwächenhehler,
538
Für die Natur und ihre eignen Fehler?«

539
Mit Basiliskenblicken tödlich lugend,
540
Reckt er sich stumm jetzt, zuckt die finstren Brauen, –
541
Und sie, das Bild der reinsten Frauentugend,
542
Wie eine weiße Hindin, die im Grauen
543
Der Wüste, wo kein Recht gilt, vor den Klauen
544
Des Greifen bebt, – fleht zu dem Menschentier,
545
Das kein Gesetz kennt als die wilde Gier.

546
Wenn vom Gebirg her dunkle Wolken dräuen,
547
Im Wettersturm das Tiefland zu ereilen,
548
Gelingt's oft sanftem Wind, sie zu zerstreuen
549
Und ihre schwarzen Dünste so zu teilen,
550
Daß sie unschädlich flatternd oben weilen.
551
So hemmt ihr Wort jetzt seinen stürm'schen Drang,
552
Wie Pluto nickt bei Orpheus' Zauberklang.

553
Doch grausam, wie die krallenscharfe Katze
554
Mit einer Maus, treibt er nur Scherz mit ihr;
555
Statt gleich zu schwelgen im ersehnten Schatze,
556
Nährt er durch ihre Tränen seine Gier,
557
Im Überfluß vor Hunger lechzend schier;
558
Sein hartes Herz kann Mitleid nicht bewegen,
559
Wird auch ein Stein erweicht durch langen Regen.

560
Ihr mitleidflehend Auge wehvoll ruht
561
Auf seinem mitleidslosen Angesicht,
562
Ihr sittsam Wort schwimmt wie auf Seufzerflut,
563
Voll Anmut rührend klingt so, was sie spricht.
564
Oft paßt des Satzes Schluß zum Anfang nicht,
565
Oft auf ein Wort muß sie vergeblich sinnen,
566
Einmal zu sprechen zweimal erst beginnen.

567
Beim hehren Zeus, bei ihres Gatten Liebe,
568
Bei allem, was ihr hoch und heilig schien,
569
Bei Ehr' und Freundschaft, jedem guten Triebe
570
Der Menschenbrust beschwört sie weinend ihn,
571
Den Treubruch und ihr Schlafgemach zu fliehn,
572
Als Gastfreund in sein Bett zurückzukehren
573
Und nicht mit ihr sich selber zu entehren.

574
»vergilt nicht das Vertraun, das dir geschenkt,
575
Mit solcher Greueltat, wie du ersannst,
576
Die Quelle trübe nicht, die dich getränkt,
577
Beschäd'ge nicht, was du nicht heilen kannst,
578
Such' andres Ziel, eh' du den Bogen spannst;
579
Der ist ein schlechter Schütz, der nicht errötet,
580
Wenn er die Hindin statt des Hirsches tötet.

581
Als meines Gatten Freund verschone mich,
582
Du bist ja stark und mächtig, ich bin schwach;
583
Mißbrauche nicht zu Schand' und Hohne mich;
584
Du siehst nicht aus wie ein Betrüger – mach'
585
Dich nicht dazu! Aus meinem Schlafgemach
586
Blies ich mit Seufzersturm dich gern von hinnen –
587
O, laß nicht hilflos meine Tränen rinnen.

588
Die, ein empörtes Meer, an's Herz dir schlagen
589
Und flehn, mich nicht dem Untergang zu weihn,
590
Dein hartes Herz zu sänftigen durch mein Klagen –
591
Zu Wasser wird ja, löst man ihn, der Stein;
592
Und willst du härter noch als Kiesel sein?
593
Laß meine Tränen Mitleid in dir schüren –
594
Mitleid bahnt sich den Weg durch Eisentüren.

595
Ich nahm dich freundlich auf hier als Tarquin;
596
Kamst du, um Schmach ihm anzutun, hieher?
597
O all' ihr Götter! Wird die Schuld verziehn,
598
Zu schänden hoher Fürsten Nam' und Ehr'?
599
Du bist nicht, was du scheinst, und wenn es wär',
600
Scheinst du nicht, was du bist; denn Fürstenhoheit.
601
Ist göttergleich und meidet Schmach und Roheit

602
Welch' böse Saat wird dir dein Alter tragen,
603
Knospt deine Sünde so im Lenze schon!
604
Darfst du, in Hoffnung noch, das Schlimmste wagen,
605
Was wagst du erst, wenn auf dem Königsthron?
606
Bedenk', des bösen Leumunds Zungen drohn
607
Selbst den Vasallen, die gefrevelt haben:
608
Mit Königen wird nicht ihre Schmach begraben.

609
Aus Furcht nur liebt man dich nach solcher Tat,
610
Doch gute Fürsten fürchtet man aus Liebe,
611
Als Räuber dulden müßtest du im Staat,
612
Daß straflos der gemeinste Räuber bliebe;
613
Darum bekämpfe deine bösen Triebe,
614
Denn Fürsten sind für ihre Untertanen
615
Buch, Schul' und Spiegel, an das Recht zu mahnen.

616
Willst du denn Schule schnöder Wollust sein?
617
Das Buch, das der Verführung Lehren künde?
618
Der Spiegel, darin alle, Groß und Klein,
619
Das Recht zum Unrecht sehn, Gewähr für Sünde?
620
Willst du, daß jede Schande sich verbünde
621
Mit deinem Namen, so beutst du die Stirne
622
Dem guten Ruf, machst ihn zur feilen Dirne.

623
Hast du Gewalt? Durch den, der sie verlieh,
624
Bezwinge deinen Willen, den Rebellen!
625
Doch nicht dein Schwert zum Schutz des Lasters zieh',
626
Es ward dir, um die Lasterbrut zu fällen.
627
Wie wolltest du dein Fürstenamt bestellen,
628
Wenn jeder Frevler dich mit Recht gemahnte,
629
Daß du es warst, der ihm die Wege bahnte?

630
Bedenk', wie widrig würd' es für dich sein,
631
Die eigne Schuld in andern zu entdecken!
632
Der Mensch sieht selten seine Fehler ein
633
Und sucht sie gern parteiisch zu verstecken.
634
Dies würde selbst im Bruder dich erschrecken
635
Als todeswert. Wie tief doch die schon fielen,
636
Die bei der eignen Untat seitwärts schielen!

637
Zu dir erheb' ich flehend Herz und Hand,
638
Zu dir – gelöst von sündigem Unterfangen:
639
Ruf' heim die Majestät, die du verbannt,
640
Dann fällt von selbst der Trug, der dich umfangen,
641
Ihr Ansehn bändigt frevelndes Verlangen,
642
Die Nebel fliehn vor ihr, dein Blick wird reiner;
643
Erkenn' dich selbst und du erbarmst dich meiner!« –

644
»genug!« rief er, »Flut, die so ungeheuer
645
Anschwoll wie meine, läßt sich nicht mehr halten;
646
Ein Licht erlischt im Wind, – ein großes Feuer
647
Wird mit dem Sturm nur mächtiger sich entfalten.
648
Das süße Wasser, das den Meeresgewalten
649
Täglich Tribut bringt aus den Binnenländern,
650
Nährt sie, ohn' ihren Salzgeschmack zu ändern.« –

651
»du bist«, sprach sie, »ein König, bist ein Meer,
652
Und strebst, die ungezähmte Flut zu nähren
653
Durch Schmach und Wollust, Sünden schwarz und schwer,
654
Die deines Blutes Wellen ganz entehren
655
Und deine eigne Art dir so verkehren,
656
Daß du als Meer selbst wirst zur Pfütze sinken,
657
Und machst die kleinen aus der großen trinken.

658
So steigst vor Sklaven du vom Thron herab
659
Und kleidest
660
Du wirst ihr Leben und sie sind dein Grab,
661
In Unwert sie und du in Stolz geschmäht.
662
Kehr' um zu deiner Hoheit, eh's zu spät.
663
Die Zeder beugt sich nicht den niedren Knorren,
664
Die ihr zu Füßen welken und verdorren.

665
D'rum deine Sinne, die Vasallen, laß ...«
666
»nichts mehr, beim Himmel!« ruft er, »will ich hören!
667
Gib meiner Liebe nach, sonst wird mein Haß,
668
Was Liebe sanft umfinge, rauh zerstören,
669
Und dann, des Leumunds Ohren zu betören,
670
Zum Lager eines Sklaven trag ich dich,
671
Vereint mit ihm fällst du, wie er, durch mich!«

672
Er spricht's, löscht mit dem Fuß die Fackel aus,
673
Denn Lust und Licht sind auf den Tod entzweit;
674
Hüllt Sünde sich in nächt'gen Dunkels Graus.
675
Wächst mit dem Dunkel ihre Grausamkeit.
676
Ein Raub des Wolfs das arme Lämmchen schreit,
677
Bis es zuletzt, vom eignen Vlies erdrückt,
678
Im Schmerz verstummend sich zusammenbückt.

679
Denn mit dem Nachtgewand verhüllt er dicht
680
Ihr Haupt, daß man am Schrei'n sie nicht entdeckt,
681
Und kühlt in ihren Tränen sein Gesicht,
682
Die aus der reinsten Keuschheit Gram erweckt.
683
O, daß das Laster so die Tugend schreckt!
684
Vertilgten Tränen solchen Fleck der Schmach,
685
Lucretia ließe nie mit Weinen nach.

686
Mehr als das Leben wert, hat sie verloren,
687
Und er verlöre gern, was er gewonnen.
688
Aus solchem Bund wird neuer Zwist geboren,
689
Endlose Qual für kurze, flücht'ge Wonnen.
690
In Abscheu ist die glühnde Lust zerronnen.
691
Die Keuschheit hat nun ihren Schatz nicht mehr,
692
Die Lust, der Dieb, ist ärmer als vorher.

693
Wie Falk' und Jagdhund, wenn sie, übersatt,
694
Zum Beizen und zum Spüren ungeschickt,
695
Die Beute lassen, oder doch nur matt
696
Und lässig treiben, was sie sonst entzückt,
697
So fühlt, erschlafft, sich jetzt Tarquin bedrückt;
698
Sein Wonnerausch, in Überdruß verkehrt,
699
Verzehrt den Willen, der von

700
O Sünde, tiefer als es auszusprechen
701
Das Wort vermag und der Verstand ergründen!
702
Das Laster muß aus Ekel sich erbrechen,
703
Noch eh' es ganz erkannt hat seine Sünden.
704
Nichts hemmt ein Feuer, das Begierden zünden,
705
Bis es zuletzt in eigner Glut verglimmt,
706
Dem Gaul gleich, der im Lauf sich übernimmt.

707
Und dann mit fahlen, abgehärmten Wangen,
708
Trübäugig, stirngefaltet, matt von Schritten,
709
Beweint den Fall kleinmütig das Verlangen,
710
Wie ein Verarmter, der Bankrott erlitten.
711
Wenn Fleisch den Kampf mit Schönheit ausgestritten,
712
Erlischt die Glut mit dem Erlangten schnell:
713
Um Gnade fleht der schuldige Rebell.

714
So sollt' es nun dem Herrscher Roms auch gehn;
715
Als er erlangt, was glühend er begehrt,
716
Mußt' er, sich selber richtend, eingestehn:
717
Durch aller Zeiten Lauf sei er entehrt,
718
Der Seele schöner Tempel ganz verheert,
719
Und Sorgen ziehn in Scharen zu den Trümmern,
720
Durch Fragen die Entweihte zu bekümmern.

721
Sie spricht: der wilde Aufruhr der Vasallen
722
Hab' ihr geweihtes Heiligtum entweiht,
723
Durch tödliches Vergehn sei sie verfallen
724
Dem Sündenfluche der Unsterblichkeit,
725
Gequält nun von lebendigen Todes Leid,
726
Sie habe all' das klar vorausgesehen
727
Und dennoch nicht vermocht zu widerstehen.

728
So treibt's ihn, scheu im Dunkeln fortzueilen,
729
Als Sieger, der sich nur Verlust gewann,
730
Und Wunden, die durch keine Kunst zu heilen.
731
Und hinter sich in noch viel schlimmerm Bann
732
Läßt seine Beute der unsel'ge Mann;
733
Sie trägt die Bürde seiner schnöden Lust,
734
Er schweres Schuldbewußtsein in der Brust.

735
Er schleicht davon gleich einem diebischen Hunde,
736
Sie liegt, ein müdes Lamm, trostlos allein;
737
Er flucht sich selbst und seiner bösen Stunde,
738
Sie gräbt in's eigne Fleisch die Nägel ein.
739
Er flieht, gehetzt von wilder Angst und Pein,
740
Sie flucht der Nacht, d'rin sie ihr Heil verloren,
741
Und er der Lust, die Unheil ihm geboren.

742
Er hastet fort, schwer seine Schuld zu büßen,
743
Sie bleibt zurück in hoffnungslosen Weh'n;
744
Er seufzt danach, das Morgenrot zu grüßen,
745
Sie möchte nie das Tageslicht mehr sehn:
746
»denn«, sprach sie, »es enthüllt der Nacht Vergehn,
747
Und fremd ist mir die Heuchelkunst der Dirne,
748
Schuld zu verhüllen unter heitrer Stirne.

749
Die selbsterkannte Schmach ist furchterfüllt,
750
Daß jedes Menschenauge sie erspähe,
751
Und darum bleibt sie gern in Nacht verhüllt,
752
Erbangend vor dem Licht und Menschennähe.
753
Sie möchte nicht, daß man die Tränen sähe,
754
Die auf die Wangen ihrer Schande Mal
755
Eingraben wie sich Wasser frißt in Stahl.«

756
Lucretia scheucht die Ruh' durch ihren Schmerz
757
Und wünscht den Augen ewiges Erblinden,
758
Schlägt an die Brust und hält so wach ihr Herz
759
Und möchte gern sich seiner ganz entwinden,
760
Ihm eine reinre Wohnstatt aufzufinden;
761
Und so vom Gram zur Raserei gebracht,
762
Schmäht sie die stille Heimlichkeit der Nacht:

763
»trostlose Nacht, der Hölle bist du gleich,
764
Du Lasterbuch und Unheilpflegerin!
765
Du Trauerbühne, stets an Morden reich!
766
Du Sündenchaos, Kupplerhegerin
767
Und jeder Schmach verruchte Trägerin!
768
Du Todeshöhle, Wollustschülerin,
769
Zu jeder Missetat Verführerin!

770
Verhaßte, dunstige, nebelgiftige Nacht!
771
Da du verschuldet mein unheilbar Leid,
772
So zeig nun auch dem Tage deine Macht,
773
Bekämpfe den gemeßnen Lauf der Zeit!
774
Und magst du nicht der Sonne Herrlichkeit
775
Im Aufgehn hemmen: laß beim Niedergehn
776
Dein Giftgewölk' ihr goldnes Haupt umwehn.

777
Mit faulem Dunst entweih' den frischen Morgen,
778
Der Reinheit Urquell selbst, das Sonnenlicht,
779
Dein Gifthauch treffe, eh' es sich geborgen
780
Sieht in der Mittagsruh', sein Angesicht,
781
Mit Nebelschleiern hüll' es ein so dicht,
782
Daß, rauh erstickt, sein Licht schon untergehe
783
Zur Mittagszeit und ewige Nacht entstehe!

784
Wär' selbst die Nacht – nicht nur ihr Sohn – Tarquin,
785
Er brächte Luna's Silberglanz zu Schanden,
786
Und ihre Sterne würden schwarz durch ihn,
787
Entehrt in ihren schimmernden Gewanden;
788
Genossen wären meiner Qual erstanden,
789
Und wie Geplauder lange Wege mindert,
790
Würde durch Mitgefühl mein Leid gelindert.

791
Jetzt hab' ich niemand, mit mir zu erröten,
792
Gekreuzten Arms mit mir das Haupt zu senken,
793
Ich bin allein in meines Herzens Nöten,
794
Muß mit verhüllter Stirn der Schande denken,
795
Mit heller Tränenflut die Erde tränken;
796
Ein bald verschwindend Denkmal sind die Zähren,
797
Gesetzt den Leiden, welche ewig währen.

798
O Nacht, mit höllenschwarzem Rauchgewande,
799
Verhüll' dem neidischen Tage mein Gesicht,
800
Das unter deinem Mantel seine Schande
801
Verbirgt, ob's auch vor Qual zusammenbricht!
802
O, weich' von deinem finstren Platze nicht!
803
Die Sünden alle sein, die mich verloren,
804
In dir begraben, wie aus dir geboren!

805
O, gib mich preis nicht dem geschwätzigen Tage,
806
Denn lesen würde man in seinem Lichte
807
Das Schuldbewußtsein, das ich in mir trage;
808
Mit Tränen steht geschrieben im Gesichte
809
Der Keuchheit Fall, des Ehbruchs Schmachgeschichte;
810
Selbst wer sonst nie mit Schrift vertraut gewesen,
811
Wird meine Schuld aus meinen Augen lesen.

812
Die Amme wird von mir dem Kind erzählen,
813
Ihm drohen mit dem Namen des Tarquin;
814
Der Redner wird's zum Schmuck der Rede wählen:
815
Wie mich Tarquin betrog, ich Collatin,
816
Und wenn zum Festgelag' die Sänger ziehn,
817
Dann singen sie, die Hörer zu entflammen,
818
Die Schuld Tarquin's mit meiner Schmach zusammen.

819
Um meines Gatten teurer Liebe willen,
820
Laß meinen guten Namen unbefleckt!
821
Von gift'gen Mißtrauns Wehe, nie zu stillen,
822
Wird Collatin sonst selbst leicht angesteckt
823
Und so mit unverdienter Schmach bedeckt
824
Sein Ruf, der rein vom Schimpf, den ich erlitten,
825
Rein wie ich selbst bis da in meinen Sitten.

826
O Schimpf, unsichtbar dem nur, der ihn trägt!
827
O, vom Empfänger nicht gefühlte Wunde!
828
Auf Collatin's Gesicht ist Schmach geprägt
829
Und nur Tarquin versteht die Schrift, die Kunde
830
Gibt von Verrat und heimlich schnödem Bunde.
831
Ach! Viele müssen solche Narben tragen,
832
Die niemand kennt als der, der sie geschlagen.

833
Ich sollte tragen deiner Ehren Krone,
834
Mein Collatin! Geraubt ward sie zumal
835
Mit meinem Honig, und als arme Drohne
836
Verkomm' ich jetzt in unfruchtbarer Qual,
837
Da roher Zwang mir alles, alles stahl.
838
Die Wespe hat, die in den Stock gedrungen,
839
Der keuschen Biene Honig dir verschlungen.

840
Zwar trag' ich Schuld am Schiffbruch deiner Ehren,
841
Doch dir zu Ehren nur empfing ich ihn!
842
Du sandtest ihn; könnt' ich ihm Zutritt wehren?
843
Dies hätte
844
Da er vom Weg ganz übermüdet schien
845
Und nur von Tugend sprach. Wer fürchtet Leid
846
Vom Teufel, der erscheint im Tugendkleid?

847
Wie kommt's, daß Würmer zarte Knospen töten?
848
Wie kommt's, daß Spatzen Kuckuckseier brüten?
849
Wie kommt zum reinsten Quell das Gift der Kröten?
850
Wie in das edle Herz tyrannisch Wüten?
851
Wie, daß selbst Könige ihr Gesetz nicht hüten?
852
Ach! Nichts ist so vollkommen in der Welt,
853
Daß nichts Gemeines sich ihm zugesellt.

854
Der Greis häuft Schätze, die ihm nichts mehr taugen,
855
Denn Krämpfe plagen ihn und Gicht und Fluß,
856
Kaum sieht er noch sein Gold mit schwachen Augen
857
Und sitzt in Qual davor wie Tantalus,
858
Häuft seiner Klugheit Frucht mit Überdruß;
859
Er hat kein Glück als Leid, daß ganze Haufen
860
Von Gold ihm doch Gesundheit nicht erkaufen.

861
Er hat es erst, wenn ohne Nutz' und Freuden,
862
Und läßt es bald den Kindern zum Verwalten,
863
Die's rasch in stolzem Übermut vergeuden; –
864
Den Jungen fehlt das Maß, wie Kraft dem Alten,
865
Das fluchbeladne Gold lang zu erhalten.
866
So sehn wir das erwünschte Gut zerronnen
867
Fast schon im Augenblick, da wir's gewonnen.

868
Den holden Lenz durchtosen rauhe Stürme,
869
Wie Unkraut dicht bei duft'gen Blumen treibt;
870
Wo Vögel singen, zischt auch Giftgewürme,
871
Wie stets das Laster sich an Tugend reibt;
872
Es gibt kein Gut, das sicher unser bleibt,
873
Und dessen Leben oder Eigenart
874
Gelegenheit ganz vor Verderbnis wahrt.

875
Gelegenheit, ja, deine Schuld ist groß!
876
Denn du nur führst Verräter zum Verrat,
877
Du stellst dem Wolf das arme Lämmchen bloß,
878
Das sündige Gelüst machst du zur Tat,
879
Höhnst Recht, Gesetz, Vernunft und guten Rat;
880
Aus deiner Höhle, ungesehn, ergreift
881
Die Sünde jeden, der vorüberstreift.

882
Du, du allein brichst der Vestalin Eid,
883
Du schürst die Glut, und alle Scham schmilzt hin;
884
Du schändest Treue, mordest Redlichkeit,
885
Der Tugend Opfer wird dir zum Gewinn,
886
Du Sündensporn, ruchlose Kupplerin!
887
Durch dich wird Leid aus Lust, aus Honig Galle,
888
Das Schönste, Reinste kommt durch dich zum Falle.

889
Verstohlenem Genuß folgt laute Schmach
890
Und offenes Fasten stillen Festeszeiten,
891
Den Schmeichelworten folgt Beschimpfung nach,
892
Aus Süßem mußt du Bittres stets bereiten,
893
Vergänglich sind all' deine Eitelkeiten;
894
Wie kommt es denn, daß, statt dich zu verfluchen,
895
Gelegenheit, so viele stets dich suchen?

896
Wann wirst du hilfreich dich zum Armen wenden,
897
Gewährung seiner Bitten zu erlangen?
898
Wann suchen, lange Zwietracht kurz zu enden
899
Und zu befrein, wen Elend hält gefangen?
900
Wann kommst zu Trost und Heilung du gegangen?
901
Der Arme, Lahme, Blinde kriecht und schreit
902
Zu dir und trifft dich nie, Gelegenheit.

903
Der Kranke stirbt – der Arzt schläft in der Kammer;
904
Die Waise darbt – ihr Vormund nährt sich gut;
905
Gerechtigkeit schwelgt bei der Witwe Jammer,
906
Der lust'ge Rat hemmt nicht der Seuche Wut.
907
Vor allem Guten bist du auf der Hut,
908
Doch wo es Mord gibt, Raub, Verräterei
909
Und Unzucht, bist du hilfreich stets dabei.

910
Wenn Treu' und Tugend dich um Hilfe flehn,
911
So fehlt dir's, nicht zu helfen, nie an Gründen;
912
Sie kaufen dich, frei darf das Laster gehn,
913
Denn sportelfrei bei dir sind alle Sünden
914
Und du stets froh, dich ihnen zu verbünden;
915
Fern hieltst du meinen treuen Collatin
916
Und gabst mich preis dem tückischen Tarquin!

917
Du trägst die Schuld an Meineid, Mord und Lug,
918
An Raub, Verrat, Verführung und Zerstörung,
919
An jeder Schändlichkeit und jedem Trug;
920
Du treibst zur Unzucht durch des Bluts Empörung,
921
Und bist Gehilfin jeglicher Betörung
922
Und jeden Frevels in der Weltgeschichte
923
Vom Schöpfungstage bis zum Weltgerichte.

924
Und du, der Nacht Mitschuld'ge: Scheusal Zeit,
925
Vertilgerin der Jugend, Sorgenschwinge,
926
Treulose Botin schnöder Üppigkeit,
927
Packpferd der Sünde und der Tugend Schlinge,
928
Du aller Wieg' und Grab im Weltenringe:
929
Da du die Ehre mir zu rauben kamst,
930
Nimm auch mein Leben, dessen Schmuck du nahmst!

931
Durch deine Sklavin, die Gelegenheit,
932
Betrogst du mich um meines Schlafes Frieden,
933
Erlaubtest ihr, mit wilder Grausamkeit
934
Mich in ein endlos Leidensjoch zu schmieden.
935
Du hast dich ganz von deiner Pflicht geschieden!
936
Denn Zeit soll Irrtum klären, Zwietracht enden,
937
Doch nicht ein keusches Ehbett plündernd schänden.

938
Ihr Ruhm ist, Zwist der Könige beizulegen,
939
Den Trug entlarvend, Wahrheit aufzudecken;
940
Vergangner Zeit den Stempel aufzuprägen,
941
Die Nacht zu schützen und den Tag zu wecken,
942
Aus ihrer Schuld die Schuldigen aufzuschrecken,
943
Prachtbauten in Ruinen umzustürmen
944
Und Staub auf ihren goldnen Schmuck zu türmen.

945
Mit hehren Kunstgebilden Würmer füttern,
946
Vergessenheit mit dem Verfall der Dinge,
947
Den Inhalt alter Bücher zu zerknittern,
948
Den Kiel zu ziehn aus alter Raben Schwinge,
949
Zu sehn, daß Nachwuchs altem Stamm entspringe, –
950
Am harten Stahl des Altertums zu nagen,
951
Das Wirbelrad des Glückes umzuschlagen.

952
Großmütter laß den Blick auf Enkel richten,
953
Zum Kinde mach' den Mann, das Kind zum Manne,
954
Vernichte Tiger, lebend vom Vernichten,
955
Des Löwen und des Einhorns Wildheit banne,
956
Die List in ihre eigne Klemme spanne,
957
Zu reicher Ernte laß die Saat gedeihn
958
Und höhl' mit weichen Tropfen hart Gestein!

959
Warum nur wirkst du als Vertilgerin,
960
Statt heilend auch der Sühne dich zu weihn?
961
Ein Augenblick der Rückkehr, Pilgerin,
962
Erkaufte tausend Freunde dir, und rein
963
Von Schuld schnell würde mancher Schuldige sein.
964
Von dieser Unglücksnacht nur eine Stunde
965
Gib mir zurück, so ging' ich nicht zugrunde!

966
Laß, vielgeschäftige Hand der Ewigkeit,
967
Den flüchtigen Tarquin die ganze Wucht
968
Des Unheils fühlen! Schaff ihm Kreuz und Leid,
969
Daß er die nächt'ge Freveltat verflucht!
970
Von bleichen Schatten sei er heimgesucht, –
971
Erfüll' sein Schuldbewußtsein so mit Grauen,
972
In jedem Busch ein Schreckgespenst zu schauen!

973
Verstör' ihm ruhelos die Zeit der Ruhe,
974
Den Peiniger im Bett mit Schmerz zu peinigen;
975
Was du ihm Böses antun kannst, das tue,
976
Und laß kein Mitleid seiner Qual sich einigen;
977
Laß Herzen, härter noch wie Stahl, ihn steinigen,
978
Und sanfter Frauen angeborne Mildheit
979
Verkehre sich bei ihm in Tigerwildheit.

980
Vergönn' ihm Zeit, daß er sein Haar zerraufe,
981
Zeit, daß er mit Verachtung selbst sich schmähe,
982
Zeit, zu verzweifeln an der Zeit Verlaufe,
983
Zeit, daß er sich als niedren Sklaven sehe,
984
Zeit, daß von Bettlern er sein Brot erflehe,
985
Und Zeit, daß, die von Mitleid selber leben,
986
Verschmähn, verschmähte Brocken ihm zu geben!

987
Laß Zeit ihm, daß er Freund' als Feinde sehe
988
Und aller Narren Spott zu werden meine,
989
Und Zeit, zu sehn, wie langsam Zeit vergehe
990
Zur Zeit des Grams, – und wie so kurz erscheine
991
Die Zeit des Lasters und der Lust wie seine, –
992
Und ewig laß sein Schuldbewußtsein währen,
993
Den Gram des Mißbrauchs seiner Zeit zu nähren!

994
Zeit, Lehrerin des Guten und des Schlechten,
995
Lehr' mich auf deinen Sündenzögling fluchen!
996
Laß ihn mit seinem eignen Schatten fechten
997
Und sich allstündlich selbst zu töten suchen,
998
Um Selbstmord ihm als letzte Schuld zu buchen,
999
Denn wo lebt sonst ein Mensch, so feil und schlecht,
1000
Ein Henker sein zu wollen diesem Knecht?

1001
Am tiefsten sinkt, wer auf den Thron geboren,
1002
Wenn er die hohe Hoffnung täuscht durch Schande
1003
Und gibt sein Ehrenteil dem Haß verloren,
1004
Denn Menschenruhm und Schmach wächst mit dem Stande,
1005
Die Fürstenschuld ist höchste Schuld im Lande.
1006
Den Mond vermißt man hinter Wolkendunkel,
1007
Doch nicht der kleinen Sterne Glanzgefunkel.

1008
Die schwarze Krähe mag im Schlamme baden
1009
Und ohne Spur des Schmutzes weiter fliegen!
1010
Dem weißen Schwane aber würd' es schaden,
1011
Der Schmutz bleibt auf dem Silberflaume liegen.
1012
Der König – Tag – wird Nacht, den Knecht, besiegen.
1013
Dem Flug des Adlers folgen aller Blicke,
1014
Doch niemand achtet auf den Flug der Mücke.

1015
Schweigt, leere Worte! Diener hohler Narren,
1016
Fort mit euch armen, tönenden Vermittlern!
1017
Dient der pedant'schen Schulgelehrten Sparren,
1018
Den Silbenklaubern und den Sinnzersplittrern,
1019
Den feilen Richtern und verdrehten Krittlern!
1020
Mir sind Beweise keinen Strohhalm wert,
1021
Da meinen Fall kein Wort zum Beßren kehrt.

1022
Vergebens fluch' ich der Gelegenheit,
1023
Der Zeit, Tarquin und meiner Unglücksnacht,
1024
Vergebens lieg' ich mit mir selbst im Streit;
1025
Unwiderruflich ist die Schmach vollbracht,
1026
Das Wort hat mich zu retten keine Macht,
1027
Von allen Mitteln tut nur eins mir gut:
1028
Selbst zu vergießen mein entehrtes Blut.

1029
Wie, arme Hand, macht mein Entschluß dich beben?
1030
Du ehrst dich, mich von Schande zu befrein,
1031
In dir wird, sterb' ich, meine Ehre leben,
1032
Doch leb' ich fort, ist meine Schande dein;
1033
Da du nicht konntest Schutz der Herrin sein,
1034
Zu feige warst, dem Tugendraub zu wehren,
1035
So töte dich und sie für dies Entehren!« –

1036
Und bei dem Wort, aus dem zerwühlten Bette
1037
Springt sie und sucht nach einer Todeswaffe,
1038
Doch beut kein Mordwerkzeug die Ruhestätte,
1039
Nichts, was gewaltsam eine Öffnung schaffe,
1040
Die weiter als das Tor der Lippen klaffe,
1041
Um auszumünden ihren Lebenshauch
1042
Wie Glut des Ätna, wie Kanonenrauch.

1043
»verfehlt«, rief sie, »hab' ich des Lebens Zweck
1044
Und kann dies Unglücksleben doch nicht enden!
1045
Beim Schwert Tarquin's ergriff mich Todesschreck,
1046
Kann denn ein Messer jetzt mein Elend wenden?
1047
Ich fürchtete, doch ohne mich zu schänden,
1048
Blieb, was ich war und bin: ein treues Weib; –
1049
Doch nein! Tarquin entweihte Seel' und Leib!

1050
Hin ist des Lebens teuerstes Juwel,
1051
Drum darf ich mich dem Tod nicht zeigen schwach,
1052
Denn er allein bringt Sühne meinem Fehl
1053
Und gibt, als Ehrenzeichen meiner Schmach,
1054
Der Lebenden ein sterbend Leben nach.
1055
Hilflose Hilfe, die zu helfen glaubt,
1056
Zerstört sie das, woraus der Schatz geraubt!

1057
Nie, teurer Collatin, sollst du erfahren,
1058
Daß meine Lippen für dich nicht mehr rein,
1059
Nie, treues Herz, werd' ich dir offenbaren,
1060
Wie ich mir untreu rauben ließ, was dein!
1061
Nein, nie soll dieses Bastardreis gedeihn,
1062
Noch der es pflanzte, deinen Namen schändend,
1063
Dich sehn, dem Bastard Vaterliebe spendend.

1064
Nie soll er heimlich auch nur in Gedanken
1065
Dich höhnen, noch in seiner Freunde Kreise.
1066
Und du sollst wissen, daß kein Gold die Schranken
1067
Der Keuschheit brach: nur wilde Räuberweise!
1068
Doch, ich bin Herrin meiner Lebensreise
1069
Und will mein Zwangsvergehn mir nicht vergeben,
1070
Bis ich es ganz gesühnt mit Leib und Leben.

1071
Ich will dich nicht mit meiner Schmach vergiften,
1072
Noch sie beschönigen durch Entschuldigungen,
1073
Nicht decken Sündenschwarz mit goldnen Schriften,
1074
Wahrheit zu bergen, falscher Nacht entsprungen:
1075
Frei sag' ich alles! – Wie durch Niederungen
1076
Bergquellen fließen, sollen reine Zähren
1077
Aus meinem Aug' die schmutzigen Worte klären.«

1078
Und schon verstummt der klagende Gesang
1079
Der Nachtigall von ihren nächt'gen Sorgen;
1080
Die Nacht in feierlichem Trauergang
1081
Zog höllenwärts; errötend naht der Morgen,
1082
Um holden Augen holdes Licht zu borgen;
1083
Lucretia nur mag sich vor Scham nicht sehn
1084
Und möchte trauernd ganz in Nacht vergehn.

1085
Durch alle Spalten späht das Tageslicht
1086
Nach ihr allein und sieht sie weinend sitzen,
1087
Die ihm entgegenseufzt: »O Weltenlicht,
1088
Warum kommst du, in's Fenster mir zu blitzen?
1089
Die Schläfer kitzle mit den Strahlenspitzen,
1090
Das Brandmal dieser Nacht läßt mich nicht ruhn
1091
Und Nacht hat mit dem Tage nichts zu tun.«

1092
So hadert sie mit allem, was sie sieht,
1093
Denn Gram ist eigensinnig wie ein Kind,
1094
Dem, schmollt es einmal, nichts zu Dank geschieht.
1095
Nur alter Schmerz, nicht neuer, trägt sich lind,
1096
Denn jenen zähmt die Zeit, doch wildgesinnt
1097
Treibt dieser, rastlos um sich zappelnd, immer
1098
Zum Abgrund wie ein ungeschickter Schwimmer.

1099
So tief in einem Meer von Sorgen sieht sie
1100
Sich stets mit allem ringsumher in Streit,
1101
Und alles Schlimme zur Vergleichung zieht sie
1102
Mit sich heran und steigert so ihr Leid
1103
Zum Äußersten – bald stumm vor Traurigkeit
1104
Und bald im Schmerzensausdruck überschwenglich
1105
An Worten, jedem Tröste unzugänglich.

1106
Der Vögel froher Sang zur Morgenstunde
1107
Treibt bis zu finstrem Wahnsinn ihre Klagen,
1108
Denn Frohsinn wühlt den Gram auf bis zum Grunde,
1109
Wer trübgemut, kann Heitres nicht ertragen,
1110
Der Gram fühlt nur am Grame sein Behagen,
1111
Wie tiefes Leid nur da Erleicht'rung findet,
1112
Wo gleiches Leid sich tröstlich ihm verbindet.

1113
Zwiefach stirbt, wer ertrinkt schon nah' dem Land,
1114
Den Hunger steigert ein erblicktes Mahl,
1115
Das Nahn der Salbe mehrt der Wunde Brand;
1116
Was man zum Trost ihr tun will, nährt die Qual.
1117
Das tiefe Leid gleicht stiller Flut im Tal,
1118
Die, wenn gedämmt, weit überschwemmt das Land,
1119
Scherzt man mit Gram, geht er aus Rand und Band.

1120
»begrabt, ihr Vögel, euren Spottgesang«,
1121
Rief sie, »in eurer federweichen Brust;
1122
Seid stumm und still, mein Ohr haßt muntren Klang!
1123
Mir ruhelosen Grames pflichtbewußt,
1124
Hab' ich, trübsel'ge Wirtin, keine Lust
1125
An lustigen Gästen; ganz in Schmerz verloren,
1126
Leih' ich nur Trauertönen meine Ohren.

1127
Sing', Philomele, der Entehrung Sang,
1128
Mach dir mein wirres Haar zum Trauerhain,
1129
Und wie die Erde weint beim Schmerzenklang,
1130
Soll feucht mein Aug' bei deinen Klagen sein,
1131
Mein tiefes Seufzen dir den Grundton leihn;
1132
Dumpftönend soll Tarquinens Nam' erklingen,
1133
Wenn du, kunstreicher, wirst von Tereus singen.

1134
Du drückst dich an den Dorn, daß er dich ritze,
1135
Um deinen herben Gram stets neu zu wecken,
1136
Ich drücke eines scharfen Messers Spitze
1137
An's Herz mir, um mein Auge zu erschrecken,
1138
Und blinzt es, soll ein Stoß mich niederstrecken.
1139
Dies soll der Steg sein, welcher stimmverwandt
1140
Die Klagesaiten unsrer Herzen spannt.

1141
Und daß du, armer Vogel, schamhaft spröde
1142
Das Tag'slicht fliehst, im Singen ungesehn,
1143
Laß fern uns suchen eine dunkle Öde,
1144
Wo wir vor Frost und Hitze nicht vergehn
1145
Und dort den Tieren klagen unsre Weh'n,
1146
Daß sie gerührt die wilde Art verwandeln,
1147
Sanft werden, da die Menschen tierisch handeln.«

1148
Wie aufgeschreckt ein Reh scheu um sich blickt,
1149
Um auszuspüren, welchen Weg es flieh',
1150
Wie, wer in einem Labyrinth verstrickt,
1151
Nachsinnt, daß er dem Wirrwarr sich entzieh',
1152
So mit sich selbst in Widerspruch ist sie,
1153
Was wünschenswerter, Leben oder Tod,
1154
Wo Schmach dem einen wie dem andern droht.

1155
Sie sprach: »Mich töten, würde in Entehrung
1156
Zugleich den Körper mit der Seele ziehn;
1157
Wer halb verliert, trägt leichter die Entbehrung,
1158
Als wenn sein alles schwindet im Ruin.
1159
Die, wenn ihr von zwei Kindern eins erliegt,
1160
Das andre tötet und nun keins mehr wiegt.

1161
Leib oder Seele, was war mehr zu schätzen,
1162
Als jener rein war, diese göttlich schien?
1163
Was war in Liebe näher mir zu setzen,
1164
Dem Himmel gleich geweiht und Collatin?
1165
Die Rinde von der stolzen Pinie ziehn,
1166
Macht, daß sie welke und ihr Saft verschwinde;
1167
So geht's der Seele, nehm' ich ihr die Rinde.

1168
Ihr Haus ward wüst, die Ruhe wich dem Leid,
1169
Geplündert ward ihr Heim von roher Hand,
1170
Beraubt ihr heiliger Tempel und entweiht,
1171
Das höchste Kleinod frech daraus entwandt –
1172
Drum werd' es nicht Gottlosigkeit genannt,
1173
Wenn ich die schon erstürmte Burg zerschlage
1174
Und fort die kummervolle Seele trage.

1175
Doch sterben will ich nicht, bis Collatin
1176
Erfuhr von meines frühen Todes Grunde,
1177
Sein Schwert zur Rache gegen den zu ziehn,
1178
Der Ursach' wurde meiner Todeswunde.
1179
Mein Blut vermach' ich in der letzten Stunde
1180
Tarquin, der es befleckt', um den es fließt,
1181
Sein Erbteil sei's, daraus die Rache sprießt!

1182
Und meine Ehre soll das Messer erben,
1183
Das vom entehrten Körper mich befreit;
1184
Zur Ehre wird's, ist man entehrt, zu sterben,
1185
Der Ehre gibt der Tod Unsterblichkeit.
1186
Aus meiner Schande Asche neu geweiht
1187
Ersteht mein Ruf, – die lebend ich verloren,
1188
Die Ehre, wird mir sterbend neugeboren.

1189
Doch, teurer Ehgemahl, des Heiligtum
1190
In mir beraubt ward, was vermach' ich
1191
Sieh', mein Entschluß zu sterben, sei dein Ruhm,
1192
Das Vorbild deiner Rache find' in mir!
1193
Wie an Tarquin zu handeln, lies es hier:
1194
Ich sterbe, weil ich treulos dir geworden,
1195
Ich morde mich, wie du Tarquin sollst morden!

1196
So soll denn kurz mein letzter Wille sein:
1197
Den Geist dem Himmel und den Leib der Erde
1198
Will ich, doch dir, Gemahl, die Rache weihn,
1199
Dem Stahl die Ehre, und dem Frevler werde
1200
Die Schmach, mir angetan an deinem Herde,
1201
Und meinen guten Nachruf will ich schenken.
1202
All' denen, die in Ehren mein gedenken

1203
Du, Collatin sollst der Vollstrecker sein
1204
Des Testaments; verwünsch' mich nicht dabei!
1205
Mein Blut wäscht mich von aller Schande rein,
1206
Von böser Tat macht guter Ausgang frei.
1207
Ermatte nicht, o Herz, sag' fest: es sei!
1208
Ergib der Hand dich, der du mußt erliegen,
1209
Du stirbst mit ihr, doch sterbt ihr beid' im Siegen.« –

1210
Als sie den Tod beschlossen, lebenssatt,
1211
Wischt sie die salz'gen Tränen vom Gesicht
1212
Und ruft, mit einer Stimme tonlos, matt,
1213
Die Dienerin, die mit beschwingter Pflicht
1214
Herbeifliegt. Wie wenn Schnee im Sonnenlicht
1215
Auf Winterwiesen eben angefangen
1216
Zu schmelzen, schienen ihr Lucretia's Wangen.

1217
Sie beut der Herrin sittsam guten Morgen,
1218
Im sanften Tone der Bescheidenheit,
1219
Sieht trüben Blickes ihre schweren Sorgen
1220
An ihres Angesichtes Trauerkleid;
1221
Doch wagt sie nicht zu fragen, welches Leid
1222
Den Augensonnen so umwölkt das Licht
1223
Und warum tränenfeucht ihr Angesicht.

1224
Doch wie die Erde weint, neigt sich die Sonne,
1225
Daß jede Blum' ein schmelzend Auge scheint,
1226
Entquollen Tränen jetzt dem Augenbronne
1227
Der Magd, die um die beiden Sonnen weint,
1228
Die der Gebietrin himmlisch Antlitz eint.
1229
In salziger Flut erlosch die lichte Pracht,
1230
D'rum weint das Mädchen wie die tauige Nacht.

1231
So hübsche Weile stand das hübsche Paar,
1232
Zwei Brunnenbildern gleich von Elfenbein;
1233
Die eine weint mit Recht, die andre war
1234
In Tränen nur, Gesellschaft ihr zu leihn.
1235
Gar leicht stellt sich bei Frau'n das Weinen ein,
1236
Denn schnell sind sie erregt durch fremden Schmerz,
1237
Und weinten sie dann nicht, so bräch' ihr Herz.

1238
Wie Marmor ist der Mann, wie Wachs die Frau,
1239
Dem harten Marmor muß das Wachs sich fügen;
1240
Dem unterdrückten Weib prägt sich genau
1241
Des Mannes Stempel auf in Form und Zügen.
1242
Nicht das Metall, die Stempel nur betrügen;
1243
Drum sind die Frau'n nicht selber anzuklagen,
1244
Wenn sie Gepräge eines Teufels tragen.

1245
Ihr sanft Gemüt, ein freundlich offnes Feld,
1246
Läßt jedes Würmchen sehn, das darauf kriecht;
1247
Im Mann ein rauh verwachs'nes Dickicht hält
1248
Geheim die Bestie, die im Dunkeln liegt.
1249
Wenn auf Kristall auch nur ein Staubkorn fliegt,
1250
Wird er befleckt. Der Mann birgt leicht die Sünden,
1251
Die Frau'ngesichter wie ein Buch verkünden.

1252
Nicht die verwelkte Blume soll man schelten,
1253
Vielmehr den Winter, der sie welk gemacht;
1254
Nur dem Zerstörer darf der Tadel gelten,
1255
Nicht dem Zerstörten. Wenn die rohe Macht
1256
Des Mannes eine Frau zu Fall gebracht,
1257
Sollt'

1258
Dies zeigt sich klärlich bei Lucretia;
1259
Nachts aufgeschreckt, bestürmt in Angst und Not,
1260
Hier Untergang und dort die Schande nah',
1261
Die den Gemahl mitschändet, ist sie tot.
1262
Wo so den Widerstand Gefahr bedroht,
1263
Ist todesstarr die Frau im Machtbereiche
1264
Des Mannes, willenlos wie eine Leiche.

1265
Zu ihrer Dienerin, dem holden Bilde
1266
Des eignen Grams, begann nun so zu sprechen
1267
Lucretia mit teilnahmvoller Milde:
1268
»kind, flutet dein Gesicht von Tränenbächen
1269
Um Leiden, welche
1270
Wenn Tränen hülfen, würd' ich durch die meinen
1271
Allein genesen, doch mir hilft kein Weinen.

1272
Doch sag' mir, Kind, wann ging (und hier versagt
1273
Das Wort ihr und sie seufzt) Tarquin von hinnen?«
1274
»ach, als ich noch im Bett lag!« sprach die Magd;
1275
»schilt mich die trägste aller Dienerinnen!
1276
Nur dies kann mir Entschuldigung gewinnen,
1277
Daß ich schon auf war, eh' die Sonne schien,
1278
Und lang vor Tagesanbruch ging Tarquin.

1279
Doch, hohe Herrin, darf die Magd es wagen,
1280
Zu forschen, was dich so bedrückt und quält?« –
1281
»ach!« rief Lucretia, »könnt ich's dir auch sagen,
1282
Nicht leichter trüg' ich's, wenn ich's dir erzählt –
1283
Es ist ein Weh, wofür das Wort uns fehlt,
1284
Und Qual, für die wir keine Worte kennen,
1285
Kann man wohl eine Höllenmarter nennen.

1286
Geh', hol' mir Tinte, Feder und Papier –
1287
Doch nein, es ist zur Hand – du kannst verweilen.
1288
Was wollt' ich doch? – Laß einen Sklaven mir
1289
Bereit sich halten, gleich mit ein'gen Zeilen
1290
Zu meinem lieben, teuren Herrn zu eilen:
1291
Sag', es eilt sehr; er halte sich gewärtig
1292
Zum Aufbruch, ich bin gleich mit Schreiben fertig.«

1293
Die Magd verschwand; und sie beginnt zu schreiben.
1294
Erst flüchtig über's Blatt hin fährt der Kiel,
1295
Einander unruhvoll bekämpfend, treiben
1296
Verstand und Gram mit ihm ein traurig Spiel.
1297
Es löscht der Wille, was dem Geist gefiel,
1298
Und wie die Menschen im Gedräng' am Tor,
1299
Drängt ein Gedanke sich dem andern vor.

1300
Zuletzt beginnt sie so: »Dem würdigen Gatten
1301
Wünscht die unwürdige Gattin Wohlergehn.
1302
O wolle, Teurer, huldvoll mir gestatten
1303
(verlangt es Dich, Lucretia noch zu sehn),
1304
Um eiligsten Besuch Dich anzuflehn. –
1305
Aus unserm Trauerhause. – So empfehle
1306
Ich kurz mich Dir mit kummervoller Seele.«

1307
Sie schließt den Brief, der schwer geheimes Wehe
1308
Nur leicht andeutungsweise offenbart,
1309
Daß Collatin aus flücht'gem Wort ersehe
1310
Ihr Leiden, aber nicht des Leidens Art.
1311
Die volle Wahrheit bleibt ihm aufgespart,
1312
Damit er nicht noch Schlimmeres vermute,
1313
Bevor die Schuld gesühnt mit ihrem Blute.

1314
Sie hält die Schmerzensglut in stummem Bann,
1315
Bis selbst er kommt, um alles zu vernehmen,
1316
Und sie mit Seufzern und mit Tränen dann
1317
Das Ungeheure zierlich mag verbrämen,
1318
Die Ehre lösen, den Verdacht beschämen.
1319
Sie will den Brief mit Worten nicht beflecken,
1320
Bis Taten sühnend diese Worte decken.

1321
Mehr rührt ein Leidgesicht als Leidbericht;
1322
Das Aug' erklärt dem Ohr das stumme Spiel
1323
Des Leids, das wahrnehmbar nur dem Gesicht:
1324
Wie schwer auf jeden Teil sein Anteil fiel.
1325
Wer Schmerz bloß schildert, kommt nur halb zum Ziel.
1326
Die seichte Furt rauscht lauter als die See
1327
Und Worthauch ist wie Ebbewind dem Weh'.

1328
Gesiegelt ist der Brief und überschrieben:
1329
»dem Herrn in Ardea, mit größter Schnelle.«
1330
Der harrende Bote nimmt ihn, und getrieben
1331
Zur Eile wird der mürrische Geselle
1332
Wie Vögel von des Nordwinds luft'ger Welle.
1333
In solcher Not erscheint der schnellste Flug
1334
Der Ungeduldigen nicht schnell genug.

1335
Der plumpe Bursch verneigt sich vor ihr tief,
1336
Sieht sie, vor ihrem Blick errötend, an,
1337
Sagt weder Ja noch Nein, empfängt den Brief,
1338
Fort mit verschämter Unschuld eilt er dann.
1339
Sie denkt: »Um
1340
Denn wer sich schuldbewußt, lebt stets in Sorgen,
1341
Daß jeder seh', was in der Brust verborgen.«

1342
Dem Armen lag es fern, Verdacht zu schöpfen!
1343
Blöd' war er, linkisch, aber treu und echt.
1344
Bei so harmlos unschuldigen Geschöpfen
1345
Zeigt nur ihr Handeln, was im Dienste recht;
1346
Manch andrer redet gut und handelt schlecht,
1347
Doch dieses Muster guter, alter Zeit,
1348
Zeigt durch den Blick nur, wie es dienstbereit.

1349
Sein Feuereifer weckt in ihr Verdacht,
1350
Wie seine, glühn errötend
1351
Sie wähnt, er wisse, was Tarquin vollbracht,
1352
Und blickt ihn forschend an; er wird befangen,
1353
Bis ganz in Glut sein Antlitz aufgegangen;
1354
Sie wähnt, je mehr das Blut zu Kopf ihm zieht,
1355
Er um so mehr von ihrer Schande sieht.

1356
Kaum ist er fort, beginnt sie schon zu klagen,
1357
Daß er noch nicht zurück mit dem Gemahl;
1358
Sie weiß die trübe Zeit nicht totzuschlagen,
1359
Das Weinen, Seufzen, Ächzen wird ihr schal,
1360
Ihr Leid ist matt durch Leid, die Qual durch Qual;
1361
Für eine Weile schweigt ihr banges Stöhnen,
1362
Als suche sie nach neuen Trauertönen.

1363
Da fällt ins Auge ihr ein kunstreich Bild
1364
Von Troja, wie die Griechen es bedrohn
1365
Um Helena. Ihr Heer im Kampfgefild'
1366
Ist dargestellt im Sturm auf Ilion,
1367
Das wolkenhohe, nah' dem Falle schon.
1368
Der Maler ließ so hoch die Türme steigen;
1369
Der Himmel schien, sie küssend, sich zu neigen.

1370
Die Kunst schien die Natur zu überringen,
1371
Den Trauerbildern Leben einzuhauchen;
1372
Aus mancher Witwe Augen Tränen dringen,
1373
Die in das Blut gefallner Helden tauchen,
1374
Man sah das rote Blut noch förmlich rauchen;
1375
Manch' sterbend Aug' in mattem Licht noch flimmert,
1376
Wie's nachts von ausgeglühten Kohlen schimmert.

1377
Schanzgräber sind hier rüstig auf den Beinen,
1378
Von Schweiß und Schmutze triefend, schwarz wie Krähen;
1379
Und von den Türmen Trojas wirklich scheinen
1380
Aus Scharten Menschenaugen herzuspähen
1381
Auf's Griechenheer, als ob sie traurig sähen.
1382
Der Maler, mit beseelendem Geschick,
1383
Gab Trauerausdruck selbst dem fernsten Blick.

1384
Wie zeigt in Haltung sich und Angesicht
1385
Der Führer Majestät! Und ihnen weichen
1386
Die jüngern Krieger an Beherztheit nicht.
1387
Doch auch Feiglinge sieht man, die mit bleichen,
1388
Verstörten Zügen bebend vorwärts schleichen:
1389
Sie gleichen Bauern, bangend für ihr Leben,
1390
Man schwört, man seh' sie leibhaft vor sich beben!

1391
Seht Ajax hier und dort Ulysses stehn,
1392
Wie ausdrucksvoll, wie lebenswahr gemalt!
1393
Im Antlitz offen ist das Herz zu sehn,
1394
Das Innre ganz im Äußern abgestrahlt:
1395
Der wilde Ajax, dessen Mut oft prahlt,
1396
Ulysses, dessen kluges, mildes Auge
1397
Zeigt, daß vor allen er zum Herrscher tauge.

1398
Den greisen Nestor sieht man stehn, als feure
1399
Er eben seine Griechen an zum Streit,
1400
Mit ruhiger Handbewegung, scheint es, steure
1401
Er nach begeistrungsvoller Achtsamkeit;
1402
Sein Silberbart, den Worten zum Geleit',
1403
Bewegt sich auf und ab; dem Mund entschweben
1404
Hauchwölkchen, die sich kräuselnd dünn erheben.

1405
Und um ihn wogt ein gaffendes Gedränge
1406
Und scheint des Weisen Rede zu verschlingen.
1407
Nicht zwei sind gleich in dieser Lauscher Menge,
1408
Sie stehn, als hörten sie Sirenen singen
1409
Und wollen alle gern nach vorne dringen.
1410
Fern reckten Köpfe sich, die fast genauer
1411
Sahn als die nächsten dieses Bilds Beschauer.

1412
Der legt die Hand auf eines andern Haupt,
1413
Des Nas' umschattet seines Nachbars Ohr;
1414
Der wird ganz rotgequetscht und keucht und schnaubt,
1415
Der flucht, daß sich ihm andre drängen vor;
1416
Der ist nah' dem Ersticken – und so gor
1417
Die Menge: lauschte sie nicht Nestors Wort,
1418
Wär' es zu Kampf gekommen und zu Mord.

1419
Anregend, geistbelebend wirkt durch's Ganze
1420
Die Schönheit, die Natur mit Täuschung eint;
1421
Man sieht Achilles nicht, nur seine Lanze,
1422
Von stahlbewehrter Hand umfaßt – doch meint
1423
Man ihn zu sehn, der nur dem Geist erscheint.
1424
Oft sieht man nur Gesicht, Kopf, Bein, Hand, Fuß,
1425
Statt der Gestalt, die man sich denken muß.

1426
Und hoch von Trojas schwerbedrängten Zinnen
1427
Sahn, als der kühne Hektor zog in's Feld
1428
Mit ihren Söhnen, viel Trojanerinnen
1429
Den Helden nach, die Augen freuderhellt;
1430
Allein der frohen Hoffnung schon gesellt
1431
In manchem Blick sich trübe Ahnung auch,
1432
Wie plötzlich sich ein Spiegel trübt durch Hauch.

1433
Und her vom Schlachtfeld, vom Dardanerstrande
1434
Strömt bis zum roten Simois das Blut.
1435
Der Fluß, die Schlacht nachahmend, im Gebrande
1436
Treibt bis zur steilen Höhe seine Flut,
1437
Dort bricht am Felsenufer sich die Wut
1438
Der Wellen, die sich brausend übertürmen,
1439
Um schäumend in den Fluß zurückzustürmen.

1440
Auf diesem Bild nun sah Lucretia
1441
Ein Antlitz, das sie ganz gefangen nahm;
1442
Manch' gramdurchfurcht Gesicht trat ihr schon nah',
1443
Doch keins so ganz erfüllt von Schmerz und Gram
1444
Wie Hekuba's, da sie verzweifelnd kam,
1445
Zu sehn, wie ihr geliebter Priamus
1446
Besiegt verblutet unter Pyrrhus' Fuß.

1447
Der Maler stellt hier bis in's kleinste dar
1448
Der Schönheit Untergang durch Gram und Zeit.
1449
Nichts ist geblieben, wie es weiland war:
1450
Das Antlitz trägt ein welkes Faltenkleid,
1451
Der Adern blaues Blut ward schwarz vor Leid,
1452
Es zeigt, da längst sein Nahrungsquell versiegt,
1453
Ein Leben nur, das schon im Leichnam liegt.

1454
Lucretia formt nach diesem Gramgesicht
1455
Ihr eignes Weh'; es soll ihr Antwort geben,
1456
Das Schmerzensbild, doch sprechen kann es nicht,
1457
Kann keinen Fluch auf seine Lippen heben:
1458
Der Maler war kein Gott, es zu beleben
1459
Mit Odem, – und Lucretia bitter klagt,
1460
Daß er so großem Weh' das Wort versagt.

1461
Sie sprach: »Du arme Laute ohne Klang,
1462
Ich will mit Worthauch deinen Schmerz begaben,
1463
Will Pyrrhus fluchen, der den Mordstahl schwang
1464
Auf deinen Gatten, er soll Rache haben,
1465
In Tränen will ich Trojas Blut begraben,
1466
Und allen Griechen, deinen Feinden, dringe
1467
In's tückische Auge meines Messers Klinge!

1468
Die Dirne zeig' mir, die den Krieg verschuldet,
1469
Von meinen Nägeln werd' ihr Reiz verheert;
1470
Um dein Gelüsten, eitler Paris, duldet
1471
Jetzt Ilion den Brand, der es verzehrt;
1472
Dein Aug' entflammte Glut, die wild sich mehrt –
1473
Um deiner Augen Schuld muß Troja sehn
1474
Sohn, Vater, Mutter, Tochter untergehn.

1475
Warum verderbend auf das Haupt so vieler
1476
Soll fallen eines einzigen Sündenlust?
1477
Die Strafe treffe nur den falschen Spieler,
1478
Nicht jene, die sich keiner Schuld bewußt,
1479
Frei bleibe von dem Fluch die reine Brust!
1480
Des einen Schuld gestraft am Allgemeinen,
1481
Will sich mit Recht und Billigkeit nicht einen.

1482
Seht Hekuba hier weinen, Priam sterben,
1483
Seht Troilus und Hektor dort verbluten,
1484
Ein Freund reißt jäh den andern ins Verderben,
1485
Ihn achtlos treffend ohne sein Vermuten –
1486
Und alle das um eines Lüstlings Gluten! –
1487
Hielt Priam seinen Sohn mehr in der Hand,
1488
Von Ruhm dann strahlte Troja, nicht von Brand.«

1489
Lucretia weint über Trojas Weh'n,
1490
Denn Schmerzensausdruck pflegt, wie schwere Glocken,
1491
Einmal im Schwunge – nicht leicht still zu stehn;
1492
Nur schwachen Anstoß braucht es, wenn sie stocken,
1493
Um neuen Trauerton hervorzulocken.
1494
So borgt Lucretia nur vom Bild die Blicke
1495
Und leiht ihr Wort gemaltem Mißgeschicke.

1496
Und wie ihr Blick das ganze Bild umspannt,
1497
Hat sie für jede Trauerszene Klagen.
1498
Jetzt sah sie einen Wicht, der flehend stand
1499
Vor Hirten, die in Fesseln ihn geschlagen,
1500
Doch lauert im Gesicht ein still Behagen:
1501
Wie schmerzlich ihn auch seine Fesseln schnüren,
1502
Geduldig läßt er sich nach Troja führen.

1503
In ihm hat es des Malers Kunst erreicht,
1504
Betrug zu bergen, harmlos zu erscheinen;
1505
Nicht eine Spur von Schmerz die Stime zeigt,
1506
Doch scheint das ruhige Auge feucht von Weinen;
1507
Die Wangen weder weiß noch rot: es einen
1508
Sich so die Farben, daß sie Schuld nicht zeigen,
1509
Noch bleiche Furcht, die falschen Herzen eigen.

1510
Doch ein vollendet eingefleischter Teufel,
1511
Zeigt er so ganz des Biedermannes Züge,
1512
Verschanzt so stark sich gegen jeden Zweifel,
1513
Daß selbst der Argwohn kein Bedenken trüge,
1514
Es könne schleichender Betrug und Lüge
1515
Unheilsgewölk solch' hellem Tag gesellen
1516
Und Höllenschuld den Heiligenschein entstellen.

1517
Das ist der Sinon, der den alten guten
1518
Priam durch trügerische Mär' betörte,
1519
Des Wort aufging in wilden Feuergluten
1520
Und das erhabene Ilium zerstörte
1521
Und selbst den Himmel so zu Zorn empörte,
1522
Daß kleine Sterne von der Stelle wichen,
1523
Die unter Trojas Feuerglanz erblichen.

1524
Bedächtig prüft Lucretia die Gestalt,
1525
Doch möchte sie die Kunst des Malers hassen,
1526
Der es verstand, mit zwingender Gewalt
1527
Das Böse in so edle Form zu fassen;
1528
Sie kann den Blick nicht von dem Bilde lassen,
1529
Bis Wahrheit ihr im offnen Blick so klar
1530
Erscheint, daß sie das Bild nicht hält für wahr.

1531
»das soll der Blick geheimer Tücke sein?«
1532
Rief sie – und will: »das ist unmöglich!« sagen –
1533
Da plötzlich fällt Tarquin's Gestalt ihr ein,
1534
Erst von der Zunge ihr das Wort zu schlagen
1535
Und dann ganz andern Sinn hineinzutragen;
1536
»es ist unmöglich«, sagt sie, »wie ich's fasse,
1537
Doch solch' Gesicht zu niederm Sinn nicht passe.«

1538
»denn wie der schlaue Sinon hier im Bilde
1539
Voll stiller Trauer, kam zu mir Tarquin,
1540
Solch' Ausdruck war von Müdigkeit und Milde
1541
Als Maske seiner Bosheit ihm verliehn;
1542
Sein Laster, das als Ehrbarkeit erschien,
1543
Hat mich, wie Sinon Priamus, betört,
1544
Und ach! auch mir mein Ilion zerstört.

1545
O seht nur, auch aus Priam's Augen bricht
1546
Es feucht hervor bei Sinon's falschen Zähren!
1547
O, Priam, alt bist du, doch weise nicht!
1548
Denn Troermord wird diese Flut gebären,
1549
Als Feuer strömen und kein Wasser nähren,
1550
Die Tränen, denen deine sich gesellen,
1551
Zerstören deine Burg gleich Feuerbällen.

1552
Aus einer lichtlos kalten Hölle holen
1553
Die Teufel ihre Macht: denn Sinon bebt
1554
Vor Kälte, während's in ihm glüht verstohlen:
1555
Und gläubiges Vertraun erweckt und hebt
1556
Der Widerspruch, der so in Eintracht lebt;
1557
So kann er Priam in's Verderben flennen,
1558
Sein Ilion mit Tränen ihm verbrennen.«

1559
Lucretia greift zornig mit der weißen
1560
Hand nach dem Bild, in unruhvoller Hast
1561
Den schönen, falschen Sinon zu zerreißen.
1562
Sie sieht in ihm nur ihren Unglücksgast,
1563
Um dessenwillen sie sich selber haßt;
1564
Doch schmerzlich lächelnd hält sie ein und spricht:
1565
»o Törin! Diesen schmerzen Wunden nicht.«

1566
So wechselt Flut und Ebbe ihrer Sorgen
1567
Und Zeit ermüdet Zeit bei ihren Klagen,
1568
Bald wünscht sie, daß es Nacht sei, und bald Morgen,
1569
Und möchte eins um's andre von sich jagen.
1570
Lang scheint auch kurze Zeit an Schmerzenstagen.
1571
Sei Kummer noch so schwer, er schläft nicht leicht,
1572
Und nur wer wacht, sieht wie die Stunde schleicht.

1573
Versunken ganz im Anschaun jener Bilder,
1574
Vergißt sie fast sich selbst die ganze Zeit
1575
Und fühlt den eignen Kummer etwas milder,
1576
Den Geist beschäftigend mit fremdem Leid.
1577
So wird ein Kurzes wohl das Herz befreit –
1578
Es lindert wohl, doch heilt nicht unsre Wunden,
1579
Zu sehn, daß andre gleichen Schmerz empfunden.

1580
Doch endlich ist der Bote wieder da,
1581
Zugleich kommt mit Gefolge Collatin;
1582
Im Trauerkleid sieht er Lucretia,
1583
Und um ihr Aug', das feucht von Weinen schien,
1584
Wie Regenbogen blaue Ringe ziehn,
1585
Die zeigen in der trüben Atmosphäre,
1586
Daß der vertobte Sturm sich neu gebäre.

1587
So starrt ihr nun in's Antlitz Collatin
1588
Und weiß, von Schmerz betroffen, nichts zu sagen;
1589
Vom Weinen rot und wund ihr Auge schien,
1590
Die Wange leblos; doch ihm fehlt zu fragen
1591
Die Kraft, wie sich das alles zugetragen.
1592
So stumm erstaunt, wie wenn in fremden Landen
1593
Sich Freunde wiedersehn, die beiden standen.

1594
Doch endlich faßt er ihre kalte Hand
1595
Und spricht: »Mein süßes Lieb, welch' wildes Leid
1596
Betraf dich, daß ich dich so bebend fand?
1597
Was hat der Wangen Frische so entweiht
1598
Und warum trägst du dieses Trauerkleid?
1599
Enthülle, Teure, deinen Schmerz mir frei,
1600
Daß ich erforsche, wie zu helfen sei.«

1601
Dreimal tief seufzt sie, eh's
1602
Der Seufzenden, vor Gram zu Wort zu kommen;
1603
Als endlich dann ihr von der Zunge springt
1604
Das Wort, erzählt sie (was wir schon vernommen)
1605
Vom Raub an ihrer Ehre. Schmerzbeklommen
1606
Hört Collatin mit seinen Weggenossen
1607
Lucretias geheimes Weh erschlossen.

1608
Und wie der bleiche Schwan im feuchten Horte
1609
Sein Trauerlied beginnt vor nahem Enden,
1610
Spricht sie: »Der Schuld geziemen wenig Worte,
1611
Entschuldigung kann keinen Fehltritt wenden;
1612
Mehr Leid als Worte hab' ich noch zu spenden,
1613
Und allzulang ist meines Jammers Sage,
1614
Als daß sie eine müde Zunge klage.

1615
Drum lasse sie dich nur dies eine wissen:
1616
Ein Fremder hat dein Heiligtum geraubt
1617
Aus deinem Bett, geruht auf diesem Kissen,
1618
Wo du zu ruhen pflegst dein müdes Haupt;
1619
Verwelkt ist meine Ehre und entlaubt,
1620
Das Ärgste mußte deine Gattin dulden,
1621
Doch nur durch Zwang, nicht eigenes Verschulden.

1622
Im Graun der dunklen Mitternacht beschlich,
1623
Von Fackellicht geführt, hier im Gemach
1624
Mit blankem Schwert ein Ungeheuer mich
1625
Und flüsterte: 'Auf, Römerin, erwach'!
1626
Ergib dich mir, sonst häuf' ich ewige Schmach
1627
Zur Nacht auf dich und alles, was dir teuer,
1628
Willst du nicht löschen meiner Liebe Feuer.

1629
Ich morde', rief er, 'deiner Sklaven einen,
1630
Ergibst du dich nicht fügsam meinem Willen;
1631
Dann werd' ich dich im Tode ihm vereinen
1632
Und schwören: Beide traf ich euch im Stillen
1633
Der Wollust an und tötet' um deswillen
1634
Euch beide im unzüchtigen Umschlingen –
1635
Das wird mir Ruhm, dir ewige Schande bringen.'

1636
Entsetzt fuhr ich empor, fing an zu schrein,
1637
Doch er, sein Schwert gezückt, droht' mir mit Mord
1638
Und schwur, ergäb' ich mich nicht willig drein,
1639
Gesprochen hätt' ich dann mein letztes Wort
1640
Und nur mein Name lebte schimpflich fort,
1641
Denn alle Römer würden von mir sagen,
1642
Daß man bei einem Sklaven mich erschlagen.

1643
Mein Feind war stark,
1644
Als ich durch ihn all' meinen Mut verlor,
1645
Stumm machte mich mein blut'ger Urteilssprecher,
1646
Recht und Verteidigung ließ er gar nicht vor,
1647
Der sein Gelüst zum Zeugen rief und schwor,
1648
Daß meine Schönheit ihm das Herz geraubt,
1649
Und Schuld und Strafe komme auf mein Haupt.

1650
O, lehr' du mich Entschuldigungen finden,
1651
Laß mindestens dies meine Zuflucht sein:
1652
Konnt' ich mein Blut dem Unrecht nicht entwinden,
1653
Blieb mein Gemüt doch makellos und rein
1654
Und frei von Zwang in freier Liebe dein,
1655
Es hat der Unschuld ungetrübte Helle
1656
Bewahrt in seiner pestgeschwärzten Zelle.« –

1657
Er, wie ein Kaufmann plötzlich durch Verlust
1658
Verarmt, steht da, zu schwach, den Schmerz zu tragen,
1659
Den Kopf gesenkt, die Arme auf der Brust,
1660
Die Augen starr. Er möchte gerne klagen,
1661
Was ihn bewegt, und kann's vor Schmerz nicht sagen;
1662
Umsonst strebt er danach in stummer Pein:
1663
Was er ausatmet, trinkt sein Atem ein.

1664
Wie hoch die Flut durch einen Brückenbogen,
1665
Dem Aug' enteilend, mächtig vorwärts drängt,
1666
Um strudelnd gleich darauf zurückzuwogen
1667
Zum engen Tor, durch das sie sich gezwängt,
1668
Und so am Ausgang wieder sich verfängt,
1669
So geht sein Schluchzen stets dieselben Wege,
1670
Nur immer hin und her, gleich einer Säge.

1671
Lucretia weckt aus des Bewußtseins Schlummer
1672
Den Gatten, da sie sieht sein stummes Leid:
1673
»durch
1674
Sprach sie, »wie Flut sich mehrt bei Regenzeit;
1675
Du brauchst den Ausdruck deiner Traurigkeit
1676
Nicht meiner Schmerzensflut hinzuzufügen:
1677
Ein Paar verweinter Augen mag genügen.

1678
Um meinetwillen, die dir treu vereint
1679
Als Gattin war, verzögre nicht die Rache
1680
An meinem, deinem Feind, der selbst sich feind!
1681
Ist auch nichts mehr zu ändern an der Sache,
1682
Zu deren spätem Rächer ich dich mache,
1683
Zu spät für mich – doch töte den Verräter,
1684
Denn schonend Recht vermehrt die Missetäter.

1685
Doch, edle Herrn, eh' nenn' ich ihn euch nicht
1686
(so redet sie zu Collatin's Geleit'),
1687
Bis ihr mir schwört bei eurer Ehrenpflicht,
1688
Daß jeder von euch seinen Arm mir leiht
1689
Zu meiner Sühne ehrenvollem Streit,
1690
Denn dazu haben Edle ihre Waffen,
1691
Wehrlosen Frau'n Gerechtigkeit zu schaffen.«

1692
Voll edlen Eifers sind sie rasch bereit,
1693
Ihr Beistand zu geloben nach Gewissen
1694
Und Ritterpflicht in solchem Ehrenstreit;
1695
Doch möchten sie des Feindes Namen wissen,
1696
Den zu verbergen immer noch beflissen
1697
Lucretia; sie spricht nur: »Sagt mir an,
1698
Womit ich meinen Schandfleck löschen kann!

1699
Worin besteht die Schuld der Sünderin,
1700
Die der Gewalt nicht konnte widerstreben?
1701
Erlöst mich von der Schmach mein reiner Sinn,
1702
Die tiefgesunk'ne Ehre neu zu heben?
1703
Darf ich befrei'nder Hoffnung mich ergeben?
1704
Selbst klärt die Quelle sich, die man getrübt,
1705
Warum wird gleiches nicht in mir geübt?« –

1706
»ja«, riefen alle, »was den Leib geschändet,
1707
Wird durch die reine Seele weggefegt!« –
1708
Doch sie mit freudelosem Lächeln wendet
1709
Ihr Antlitz, das des Unglücks Spuren trägt,
1710
Durch heiße Schmerzenstränen eingeprägt.
1711
»nein«, ruft sie, »ich darf Frau'n, die nach mir leben,
1712
Kein Beispiel leicht gesühnter Sünde geben!«

1713
Und seufzend tief, als wollt' ihr Herz nun brechen,
1714
Stößt sie Tarquinens Namen aus: »
1715
Und nichts als »Er!« kann ihre Zunge sprechen;
1716
Dann hält sie ein, seufzt wieder, atmet schwer
1717
Und haucht noch matt die Worte hinterher:
1718
»er ist's,
1719
Und meine Hand jetzt führt zum Todesstoß.«

1720
Bei diesem Wort durchbohrt der scharfe Stahl
1721
Die reine Brust; empor die Seele schwebt,
1722
Erlöst von des befleckten Kerkers Qual,
1723
Worin sie atmend unruhvoll gelebt;
1724
Der Geist, befreit von Erdenleiden, hebt
1725
Zum Himmel sich, und aus der Wunde fährt,
1726
Was, frei von Zeitgeschicken, ewig währt.

1727
Und wie versteinert bei der Toten da
1728
Stand mit den Freunden Collatin im Bunde,
1729
Doch als ihr Blut Lucretiens Vater sah,
1730
Warf er sich auf sie. Sie traf bis zum Grunde
1731
Ihr Herz; den Stahl zog Brutus aus der Wunde;
1732
Es kamen ihres Blutes Purpurwogen
1733
Dem Stahl, wie Rache heischend, nachgezogen. –

1734
So daß vom Busen ihr zwei Ströme gleiten,
1735
Die so sich scheiden, daß das Purpurblut
1736
Den Körper ganz umfließt von beiden Seiten,
1737
Der mitten wie ein wüstes Eiland ruht,
1738
Entvölkert, nackt in dieser Schreckensflut.
1739
Ein Teil des Blutes rein und rot noch sprudelt;
1740
Doch schwarz scheint andres, von Tarquin besudelt.

1741
Und um das trauerstarre Antlitz scheint
1742
Das schwarze Blut zum Wasserreif zu steigen,
1743
Der um die Stätte der Entweihung weint.
1744
Seitdem, um Mitleid diesem Leid zu zeigen,
1745
Blieb schlechtem Blut solch Wasserzeichen eigen,
1746
Und purpurrot blieb nur das unbefleckte,
1747
Vor Scham errötend um das angesteckte.

1748
»o Tochter, teure Tochter!« rief Lucrez,
1749
»mein eignes Leben hast du dir genommen;
1750
Des Vaters Abbild lebt im Kinde stets,
1751
Wie kann mir ohne dich zu leben frommen?
1752
Nicht darum bist du mir als Kind gekommen!
1753
Stirbt vor den Eltern hin das Kind, dann sind
1754
Nachkommen diese und nicht mehr das Kind.

1755
Zerbrochner Spiegel, o, wie oft erschien
1756
Ich mir in deinem Bilde neu geboren!
1757
Nun, statt der Schönheit, die du ließest fliehn,
1758
Hast du das Bild des Tods heraufbeschworen,
1759
Durch
1760
In Scherben liegt mein Spiegel ganz und gar
1761
Und nimmer seh' ich, was ich weiland war.

1762
O Zeit, geh' selbst zur Ruh', hör' auf zu fliegen,
1763
Mußt du im Flug, was leben soll, erschlagen;
1764
Soll fauler Tod die blüh'nde Kraft besiegen
1765
Und welke Schwäche nur das Leben tragen?
1766
Stirb, alte Biene! laß sich junge plagen.
1767
Erwache, süße Tochter, und sieh' mich,
1768
Den Vater, sterben, nicht der Vater dich!«

1769
Jetzt, wie aus einem Traum, fährt Collatin
1770
Empor und fleht Lucrez an, daß er weiche,
1771
Wirft in Lucretia's strömend Blut sich hin,
1772
Drin badend sein Gesicht, das schmerzensbleiche;
1773
Er liegt wie bei der Leiche eine Leiche,
1774
Bis Mannesscham ihn wieder hebt und spricht:
1775
»steh' auf, zu leben deiner Rachepflicht!«

1776
Der tiefe Schmerz, der seine Brust beklemmte,
1777
Hielt seine Zunge lang in stummem Zwange,
1778
Die, wütend, daß der Schmerz den Lauf ihr hemmte
1779
Und ein befreiend Wort verbot so lange,
1780
Nun plötzlich klang, doch in so wirrem Klange,
1781
Daß, wieviel Klageworte sie auch fand,
1782
Kein Ohr auch nur ein einzig Wort verstand.

1783
Zuweilen war's, als hörte man den Namen
1784
»tarquin«, doch wie zerbissen von den Zähnen,
1785
Der Wortsturm schien, bis Regenschauer kamen,
1786
Nur um sie zu vermehren, sich zu dehnen,
1787
Denn als er schwieg, in Strömen flossen Tränen,
1788
Und Sohn und Vater weinten um die Wette,
1789
Wer um Lucretia reichre Tränen hätte.

1790
Der eine wie der andre nennt sie sein,
1791
Doch keiner will des andern Anspruch tragen.
1792
»mein ist sie!« ruft der Vater, »mein, o mein! ...«
1793
Der Gatte ruft: »Nur
1794
Kein andrer darf, mein Recht verkürzend, sagen,
1795
Er traure um mein Weib, denn sie war mein
1796
Und mir geziemt die Trauer ganz allein!«

1797
»ach!« rief Lucrez, »ich gab dies Leben ihr,
1798
Das sie zu früh und doch zu spät zerstört.«
1799
»weh' mir!« seufzt Collatin, »Weib war sie mir,
1800
Ermordet hat sie, was nur mir gehört.«
1801
So streiten sie, von ihrem Schmerz betört.
1802
»mein Weib! mein Kind!« – von diesem Echo bebt
1803
Die Luft, in der Lucretiens Geist verschwebt. –

1804
Brutus, der aus der Wunde zog den Stahl,
1805
Als er im Wehstreit Sohn und Vater sah,
1806
Schien stolz verändert jetzt mit einemmal,
1807
Der Torheit Schein starb mit Lucretia,
1808
In hoher Würd' und Haltung stand er da!
1809
Nicht länger will er röm'scher Hofnarr heißen
1810
Und Fürsten zum Ergötzen Possen reißen.

1811
Fort wirft er das entstellende Gewand,
1812
Das er aus kluger Vorsicht trug bis jetzt,
1813
Und scheucht mit lang verborgenem Verstand
1814
Den Gram, der Collatinens Auge netzt:
1815
»auf«, spricht er, »edler Held, so schwer verletzt!
1816
Laß jetzt des unbegriffnen Toren Rat
1817
Dich Weisen führen zu der rechten Tat!

1818
Wie, Collatin, kann Weh durch Weh gesunden?
1819
Kann Schmerz dir helfen gegen ein Verbrechen?
1820
Nennst du es Rache, selbst dich zu verwunden,
1821
An dir das Blut des teuren Weibs zu rächen?
1822
Dem Römer ziemen nicht solch' kindische Schwächen!
1823
Willst du so fehlen, wie Lucretia fehlte,
1824
Die, statt des Feinds, sich selbst zum Opfer wählte?

1825
Nein, Römerheld, erweiche nicht dein Herz
1826
Durch Tränentau und unfruchtbare Klagen;
1827
Komm', laß uns knien und blicken himmelwärts,
1828
Daß uns die Götter beistehn, wenn wir wagen,
1829
Die Schande aus den Straßen Rom's zu jagen;
1830
Wir wollen unsre Peiniger wieder peinigen
1831
Und Rom von allem, was verderblich, reinigen.

1832
Und nun beim hohen Kapitole schwört,
1833
Beim Sonnenlicht, das Erdenreichtum nährt,
1834
Und bei dem keuschen Leibe hier, zerstört,
1835
Bei allen Rechten, die uns Rom gewährt,
1836
Und bei Lucretiens Seele, schon verklärt,
1837
Bei ihrem blutigen Stahl – laßt uns versprechen,
1838
Des teuren Weibs unseligen Tod zu rächen.«

1839
Er spricht's, die Hand fest auf die Brust gelegt,
1840
Und küßt den Stahl als seines Eides Zeugen,
1841
Und alle schwören mit ihm tiefbewegt
1842
Und staunend ihre Zustimmung bezeugen,
1843
Wie sie vereint mit ihm die Kniee beugen.
1844
Zum andernmal sagt' ihnen Brutus vor
1845
Den heil'gen Eid, und jeder mit ihm schwor.

1846
Und als sie so gelobt das Strafgericht,
1847
Beschlossen sie, Lucretia fortzutragen;
1848
Die blutige Leiche soll dem Volksgesicht
1849
In Rom Tarquin's verruchten Frevelklagen.
1850
Schnell ward getan, was Brutus vorgeschlagen,
1851
Und von dem ganzen Volk, in Wut entbrannt,
1852
Tarquin auf ewig aus der Stadt verbannt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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William Shakespeare
(15641616)

* 26.04.1564 in Stratford-upon-Avon, † 03.05.1616 in Stratford-upon-Avon

männlich, geb. Shakespeare

englischer Dichter, Theaterunternehmer und Schauspieler, dessen Dramen zu den bedeutendsten Werken der Weltliteratur gehören

(Aus: Wikidata.org)

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