Der Trinker von Gottes und Rechts wegen

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Wilhelm Müller: Der Trinker von Gottes und Rechts wegen (1810)

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Ich hatt' in meiner Mutter Leib
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Gewohnt ein halbes Jahr,
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Da sprang zu hoch das junge Weib,
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Dacht' nicht an die Gefahr.
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Auf einem Weinberg tanzte sie
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Bei einem Winzerfest;
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Das Röcklein flog bis an die Knie',
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Das Mieder saß nicht fest.

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Da roch ich was von Rebensaft,
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Da hört' ich Gläserklang,
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Und flugs heraus aus meiner Haft
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Sprang ich in wildem Drang.
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Sie legten mich auf Rebenlaub,
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Sie sprengten mich mit Wein,
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Ich blieb nicht blind und stumm und taub,
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Und sog die Tropfen ein.

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Ein Schenkwirth war mein Herr Papa,
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Goß immer ein und aus.
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Das Wasser stand dem Weine nah
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Allzeit in seinem Haus.
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Und als der Pfaff nach Wasser rief',
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Daß er mich taufte drein,
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Mein Vater sich in Eil' verlief
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Und brachte blanken Wein.

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Damit begoß der heil'ge Mann
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Mein Haupt und mein Gesicht,
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Und sprach dazu den Segen dann,
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Ich schrie und muckte nicht.
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In sel'gem Rausche lag ich da
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Den ganzen lieben Tag;
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Sie glaubten schon mein Ende nah,
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Da ward ich jauchzend wach.

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Und als ich lernte selber stehn,
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Trieb ich's, wie mein Papa:
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Sollt' ich zum Wasserfasse gehn,
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Gar oft ich mich versah,
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Und schöpfte nebenbei heraus
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Und nebenbei hinein;
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Ich war der einz'ge Gast im Haus,
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Der zechte reinen Wein.

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Und nun, ihr Leute, sagt mir an,
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Wie sollt' es anders sein,
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Als daß mein Mund nichts trinken kann,
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Als guten reinen Wein?
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Er ist's, der vor der Zeit mich rief
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In diese Welt heraus;
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Wär' er nicht mehr, fürwahr, ich lief'
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Auch vor der Zeit hinaus.

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Er ist es auch, der mich hernach
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Zum Christen hat gemacht,
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Das hab' ich mir so manchen Tag.
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Fein christlich überdacht.
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Und weil's muhamedanisch ist,
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Zu trinken keinen Wein,
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Will ich beim Wein ein guter Christ
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Trotz Türk' und Teufel sein!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Müller
(17941827)

* 07.10.1794 in Dessau, † 30.09.1827 in Dessau

männlich, geb. Müller

deutscher Dichter des 19. Jahrhunderts (1794-1827)

(Aus: Wikidata.org)

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