Stundenglas und Weinglas

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Wilhelm Müller: Stundenglas und Weinglas (1810)

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Der Alte, der die Stunden mißt,
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Hat Sand in seinem Glase,
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Daher er auch so grämlich ist
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Vom Zeh bis in die Nase.
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Hätt' er im Glase unsern Wein,
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Was würden das für Zeiten sein!

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Da würde sie den trägen Schritt
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Gar bald verlernen müssen,
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Die gute Zeit, sie müßte mit
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Auf Händen und auf Füßen,
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Sie müßte mit uns, Zug auf Zug,
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Hinauf, hinab, in leichtem Flug!

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Nun aber rinnt sie stäubchenweis
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Durch ihre Nadelöhre,
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Und ängstlich guckt der finstre Greis,
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Daß nichts den Paß ihr störe.
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Und wenn das Glas ist ausgeleert,
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So wird es wieder umgekehrt.

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Hätt' er im Glase unsern Wein,
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Ich glaub', es könnt' geschehen,
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Daß dann viel flinker aus und ein
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Die Stunden thäten gehen.
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Das Glas wär' schneller ausgeleert
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Und öfter wieder umgekehrt.

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Nun, Kronus, bleib' in deinem Gang!
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Ich geh' nach meinen Sinnen,
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Und lasse keine Stunde lang
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Mein Glas feintröpfelnd rinnen.
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Hinein, heraus mit
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Zum Schleichen ist noch Zeit genug.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Wilhelm Müller
(17941827)

* 07.10.1794 in Dessau, † 30.09.1827 in Dessau

männlich, geb. Müller

deutscher Dichter des 19. Jahrhunderts (1794-1827)

(Aus: Wikidata.org)

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