Jüngst hab' ich drüber nachgedacht

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Betty Paoli: Jüngst hab' ich drüber nachgedacht Titel entspricht 1. Vers(1854)

1
Jüngst hab' ich drüber nachgedacht,
2
Verstimmt und unzufrieden,
3
Was mir die Gabe eingebracht,
4
Die mir Natur beschieden.

5
Mit welchem Kranze mich umlaubt
6
Mein Dichten und mein Denken?
7
Und schweigend mußte ich das Haupt
8
Mit bittrem Lächeln senken. –

9
Des Liedes sanfter Wellenschlag
10
Geht im Gebraus verloren!
11
Was soll der Dichter heutzutag?
12
Er singt vor tauben Ohren.

13
Warum ward nicht des Sanges Kraft
14
Anstatt in meine Seele,
15
Wo sie mir doch nur Leiden schafft,
16
Gelegt in meine Kehle?

17
Da wär' ich Königin im Reich
18
Der Triller und Kadenzen,
19
Mein Name würde sternengleich
20
In den Journalen glänzen. –

21
Statt daß der Schönheit reine Norm
22
Sich meinem Geist enthüllte,
23
O, daß sie doch in Tanzesform
24
Mein Gliederspiel erfüllte!

25
Da würden sie mit Mund und Hand
26
Mich als »Ereignis« grüßen!
27
Zwei Welten lägen, froh entbrannt,
28
Anbetend mir zu Füßen.

29
Das wäre mir ein Glückeszug!
30
Das wären mir Talente,
31
Die man mit gutem Recht und Fug
32
Mit diesem Namen nennte! –

33
So dachte ich, mein Unmut schwoll,
34
Und ganz von ihm befangen
35
Bin ich, im Herzen finstern Groll,
36
Hinaus zum Wald gegangen.

37
Ein schöner, milder Herbsttag war's,
38
Vielleicht die letzte Spende,
39
Der letzte Sonnenblick des Jahrs,
40
Das nah schon seinem Ende.

41
Wohl sprach der Blätter Gelb und Rot
42
Von Scheiden und Verzichten,
43
Doch um so treuern Gruß entbot
44
Das Immergrün der Fichten.

45
Ein sanfter Geist des Friedens hieß
46
Mich hier willkommen wieder;
47
Auf einem moos'gen Steine ließ
48
Ich mich zur Ruhe nieder.

49
Hoch über mir das reine Blau,
50
Um euch ein Meer von Strahlen,
51
Zu Füßen mir der Morgentau,
52
Bunt schillernd gleich Opalen!

53
Es schienen Erd' und Himmel traut
54
In Eines zu verschwimmen!
55
Da wurd' es plötzlich in mir laut
56
Von wundersamen Stimmen.

57
In meiner Seele ward es Tag,
58
Ich jauchzte auf und fühlte,
59
Wie unsichtbarer Flügelschlag
60
Die heiße Stirn mir kühlte.

61
Mein Geist, von frischem Mut geschwellt,
62
Trieb neue Blütenranken
63
Und es umwob mich eine Welt
64
Von tönenden Gedanken. – –

65
Des Leid's hab' ich nicht mehr gedacht,
66
Davon ich erst beklommen;
67
Dank einer rätselhaften Macht
68
War es von mir genommen.

69
Lebendig ward mir im Gemüt
70
Der eig'nen Kraft Erinnern,
71
Und tief beseligt, dankerglüht
72
Rief es in meinem Innern:

73
Trinkt immerhin vom gold'nen Wein
74
Des Ruhms in vollen Zügen!
75
Mir ward die Gabe, die allein
76
Sich selber kann genügen!

77
Die Kunst, die himmelangehaucht,
78
In stillen Waldeslauben,
79
Den Beifall nicht der Menge braucht
80
Um an sich selbst zu glauben.

81
Ihr müßt nach einem Publikum
82
Mit Sehnsuchtblicken spähen,
83
Und bleibt dies ferne oder stumm,
84
So ist's um euch geschehen!

85
Doch
86
Tritt allwärts mir entgegen,
87
Am öd'sten Strand entböte sie
88
Mir ihren Gruß und Segen.

89
Sie hebt mich über all den Wust
90
Mit ihren starken Schwingen
91
Und heißet frisch in meiner Brust
92
Des Liedes Quellen springen.

93
Und wenn dem Lied voll Lust und Schmerz
94
Auch keine Seele lauschet,
95
Genug, daß es mein eig'nes Herz
96
Begeistert und berauschet!

97
Nehmt Gold und Ruhm als Lohn dahin,
98
Sirenen und Silphiden!
99
Mir ward der Dichtkunst Strahl – ich bin
100
Mit meinem Teil zufrieden!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.