Der Talisman

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Betty Paoli: Der Talisman (1854)

1
Die zehnte Stunde hallt vom Turm
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In dumpfen, langgezog'nen Schlägen;
3
Den Wald durchschnaubt der wilde Sturm,
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In kalten Güssen strömt der Regen.
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Gott schütze den, der diese Nacht
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Auf banger Irrefahrt durchwacht
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Anstatt sein Haupt zur Ruh' zu legen!

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Da, horch! was ist's? was regt sich dort,
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Wo Oede mit der Nacht im Bunde?
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Ein Schatten gleitet dämm'rig fort,
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Es knistert in dem Waldesgrunde,
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Jetzt huscht es hin auf steiler Höh',
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So scheu, so flüchtig wie ein Reh,
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Wenn hinter ihm die grimmen Hunde.

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Ein Mädchen bahnt sich hier den Weg,
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Trotz bietend all dem nächt'gen Grause.
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Nicht schrecket sie der Schwindelsteg,
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Des Gießbachs donnerndes Gebrause,
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Der Sturm, der durch die Lüfte streicht!
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Nun endlich ist ihr Ziel erreicht,
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Sie pocht an Fatmes dunkle Klause.

22
Einlaß gewährend öffnet sich
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Die Thür der schwacherhellten Halle.
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Geräte, seltsam, schauerlich,
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Bedecken rings die Wände alle.
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Es zeigt der Ampel trüber Schein
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Den Totenkopf, das Tiergebein,
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Den Wolfszahn und des Uhus Kralle.

29
Aus jedem Winkel nickt und grüßt
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Ein Heer phantastischer Gestalten,
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Und in dem Kreise, wirr und wüst,
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Sieht sie ein Weib geschäftig walten.
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Trotz Alter, Kummer, Mißgeschick
34
Flammt aus des Weibes Aug' ein Blick
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Eindringend in der Seele Falten.

36
Sie wendet sich. Estrellas Herz
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Pocht angstvoll unter ihrer Schaube.
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Doch jene ruft mit grellem Scherz:
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»kein Wunder, d'ran ich jetzt nicht glaube!
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Was führt bei Regen, Nacht und Wind
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Zu mir das schöne Grafenkind?
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In's Eulennest die weiße Taube?«

43
Mit leisem Ton beginnt die Maid:
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»mir ist ein selig Los gefallen!
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Mit ihm, dem ich mein Herz geweiht,
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Soll morgen zum Altar ich wallen!
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Erreicht hab' ich der Wonne Höh'!
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Doch hört' ich oftmals: Schmerz und Weh,
49
Sie droh'n den Erdenkindern allen!

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Und diese Angst ist's, die zu dir
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Mich heimlich in der Nacht getrieben!
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Was frommt mir jede Lebenszier,
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Was frommt mir selbst Rodrigos Lieben,
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Wenn ich mir zitternd sagen muß,
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Nur flüchtig sei des Glückes Gruß,
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Und könne wie ein Traum zerstieben?!«

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»benütze denn die Gnadenfrist!
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Was soll ich sonst dir offenbaren?«
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»o hör' mich! hör' mein Fleh'n! du bist
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In jeder Zauberkunst erfahren:
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So lehr' mich einen mächt'gen Bann,
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So gib mir einen Talisman,
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Mein Glück auf ewig mir zu wahren!«

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Es glüht ihr schönes Angesicht,
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Zur Bitte faltet sie die Hände,
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Der feuchte Glanz des Auges spricht:
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Gewähre mir die Wunderspende!
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Ein Lächeln spielt um Fatmes Mund,
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Mit Wehmut und mit Spott im Bund:
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»du willst ein Glück, das nimmer ende?

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In dieser stets bewegten Welt,
72
Wo, gleich der Flut im Meeresschoße,
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Des Schicksals Woge steigt und fällt,
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Suchst du das ewig Wandellose?
75
Viel ist's, was du begehrst! – Wohlan!
76
Empfange hier den Talisman
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Aus meiner Hand, du junge Rose!

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Gering an Wert scheint er dir wohl,
79
Doch muß selbst der Demant ihm weichen!
80
Es grub in diesen Karneol
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Ein Magier geheime Zeichen.
82
Der Sterbliche, der ihn besitzt,
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Ist vor des Unglücks Macht geschützt,
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Und nimmer wird sein Stern erbleichen!

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Dein ist er! wenn nun Dornen auch
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Sich scheinbar um dein Leben winden,
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Du weißt: wie Dunst und Nebelhauch
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Wird jede Trübung bald verschwinden!
89
Obsiegen wirst du jedem Feind,
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Und was dir schon verloren scheint,
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Du wirst es schöner wiederfinden!

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An deiner Brust verbirg den Stein!
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Kein fremdes Auge darf ihn sehen!
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Er labe deinen Blick allein,
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Sonst ist's um seine Kraft geschehen.«
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»hab' Dank! hab' Dank! Nimm hier dies Gold,
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Es ist ein allzu armer Sold
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Für meines Glückes Fortbestehen!«

99
Sie eilet heim. Des Morgens Licht
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Strahlt ihres Lebens schönstem Feste.
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Mit treubesorgter Liebe spricht
102
Das Mutterherz, das angstgepreßte:
103
»welch Los wird meinem Kind zu teil?«
104
»o zittre nimmer für mein Heil!
105
Mein Glück ist eine sich're Feste!«

106
Es gleitet Jahr auf Jahr dahin,
107
Dem Heute gleicht nicht stets das Morgen,
108
Doch heiter bleibt Estrellas Sinn, –
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Was hätte sie auch zu besorgen?
110
Wenn rauh und ungleich ihre Bahn,
111
Da blickt sie auf den Talisman,
112
Und fröhlich fühlt sie sich geborgen.

113
Wohl ist's ein großer, heißer Schmerz,
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Der sie im Innersten durchschüttert,
115
Als, wankelhaft, Rodrigos Herz
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Von neuer Liebe Hauch erzittert!
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Allein ihr mutig Hoffen spricht:
118
»ob auch der Sturm manch Zweiglein bricht,
119
Den Stamm läßt er doch unzersplittert.«

120
Und also kam's. Er, der, bethört,
121
Ein eitles Wahngebild umschlungen,
122
Zurück in ihre Arme kehrt
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Er bald, von ihrem Wert bezwungen.
124
Nicht Groll und Harm, nicht Kampf und Müh',
125
Nein! Hoffnung war die Waffe, die
126
Ihr diesen werten Sieg errungen. –

127
Von Feinden, Neidern rings umstellt,
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Erliegt Rodrigo ihrer Tücke;
129
Im Kerker schmachten muß der Held,
130
Damit sein Glanz die Gegner schmücke.
131
Nicht wankt noch weicht Estrellas Mut!
132
Sie schwöret ihm bei Christi Blut:
133
»ich baue dir die Rettungsbrücke!«

134
Mit starkem Herzen, festem Sinn,
135
Mit Worten, kühn wie Flammenschwingen,
136
Tritt vor des Königs Thron sie hin, –
137
Sie weiß, mit ihr ist das Gelingen!
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Das stärkt, das kräftigt ihren Geist,
139
Und ihre zarte Hand zerreißt
140
Des Truges schlau gewob'ne Schlingen.

141
Nur einmal will die heitre Kraft,
142
Der sichre Mut sich ihr entwinden:
143
Ihr liebes Kind wird ihr entrafft,
144
Im Grabe sieht sie es verschwinden!
145
Doch sagte nicht die Zaub'rin einst:
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Was als verloren du beweinst,
147
Du wirst es schöner wiederfinden?!

148
Aus Fatmes Mund sprach das Geschick!
149
Wie dürfte sie zu zweifeln wagen?
150
Und unter Thränen hebt ihr Blick
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Sich himmelan, es flieht das Zagen.
152
Von still geheimem Trost erhellt,
153
Fühlt sie in einer höhern Welt
154
Die Seele ahnend Wurzel schlagen.

155
So hat der mächt'ge Talisman
156
Ihr Schicksal stets zum Heil gewendet!
157
Jetzt tritt der Tod an sie heran,
158
Er winkt, – sie stirbt! sie hat vollendet.
159
Und von dem Antlitz, bleich und schmal,
160
Ergießet sich ein Siegesstrahl,
161
Der glorienhaft das Auge blendet.

162
Noch lag auf ihrer Brust der Ring.
163
»was mag es zu bedeuten haben,
164
Das wirr und kraus beschrieb'ne Ding?«
165
So fragten, die den Sarg umgaben.
166
Ein weiser Maure fand sich ein
167
Und sprach: »Es ist in diesen Stein
168
Das Wort nur ›

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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