4.

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Betty Paoli: 4. (1854)

1
Kaum hat der purpurne Morgenstrahl
2
Vom Schlummer geweckt die Erde,
3
Da hält er vor des Schlosses Portal
4
Und schwingt sich herab vom Pferde.
5
Warum er also hastet und jagt,
6
Er weiß sich's selbst nicht zu deuten!
7
Ist frei Geleit ihm doch zugesagt
8
Vom Früh- bis zum Abendläuten!

9
Er pochet, lächelnd ob seiner Hast,
10
Jetzt an die eichene Pforte.
11
Geöffnet wird sie dem frühen Gast
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Mit lässig zögerndem Worte.
13
Er schreitet hin durch der Diener Reih',
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Die, halb noch im Schlafe, stammeln:
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»wohl manche Stunde schleicht noch vorbei
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Bis sich die Herren versammeln.

17
Ich denke, deß hat es keine Not!
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Sie werden so lang nicht bleiben.
19
Des Kaisers Befehl, der mich her entbot,
20
Wird sie auch zur Eile treiben.
21
Geht! bringet mir einen frischen Trank,
22
Nach alter, gastlicher Sitte!
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Ich will indessen auf dieser Bank
24
Ausruhen vom langen Ritte!«

25
Umsonst! zur erwünschten Ruhe läßt
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Ihn Ungeduld nicht gelangen.
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Er murmelt, die Hand zur Faust gepreßt:
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»ist das ein Hangen und Bangen!«
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Zwei Stunden verschleichen. Die Sonne flammt
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Schon hoch am azurenen Sitze, –
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Da endlich kommen sie allesamt,
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Herr Puchau an ihrer Spitze.

33
»wo ist der Kaiser? mein gnäd'ger Herr?«
34
Baumkircher erhebt die Frage.
35
»ach! leider befiel ein Siechtum schwer
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Den Kaiser am gestrigen Tage.
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Von Fieberglut das Auge getrübt,
38
Muß sorgliche Ruh' er halten.
39
So wollen wir nun, wenn's Euch beliebt,
40
Ohn' ihn der Geschäfte walten.«

41
Baumkircher tritt an den Sprecher dicht,
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Es zucket um seine Brauen.
43
»so soll ich sein teu'res Angesicht,
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Das lang entbehrte, nicht schauen?«
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»ihr hört ja: ihn hält die Krankheit gebannt.
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Notwend'gem muß man sich fügen!
47
Doch hat er uns statt seiner entsandt, –
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Ich denke, das mag genügen.«

49
Baumkircher zögert; er prüft und sinnt,
50
Ob er sich dem unterwerfe,
51
Doch, rasch sich setzend, Puchau beginnt
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Mit näselnder Stimme Schärfe:
53
»»Erleuchtung wünschend bei ihrem Thun
54
Den Herren all', die da kamen,
55
Beginne ich die Verhandlung nun
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In Kaisers Auftrag und Namen!

57
Ihr wisset, Ritter, warum er Euch
58
Vor dieses Gericht beschieden:
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Mit Aufruhr verstörtet Ihr das Reich,
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Verletztet den Landesfrieden.
61
Doch will der Kaiser in seiner Huld
62
Nicht hoffnungslos Euch vervehmen!
63
Ein reuvoll Geständnis Eu'rer Schuld
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Kann sie vom Haupte Euch nehmen!««

65
Mit festem Mut Baumkircher versetzt:
66
»wohl habe ich mich vergangen!
67
Doch wer ward schwerer als ich verletzt?
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In ärgern Schlingen gefangen?
69
Beging ich Unrecht, so wird davon
70
Die Schuld nur jener gesteigert,
71
Die, jahrelang, unter Spott und Hohn,
72
Mein gutes Recht mir verweigert!«

73
»ihr spielt auf Eu're Forderung an?
74
Nicht rühmlich ist solch' Verlangen!
75
Sagt! ziemt sich's für einen Rittersmann
76
So gierig am Gold zu hangen?«
77
»am Golde? ich? Nun, bei Christi Blut!
78
Wem da die Geduld nicht endet!
79
Hab' ich denn nicht all mein Hab und Gut
80
Zum Dienst des Kaisers verwendet?

81
Und hätte der Feind das Purpurkleid
82
Von seinen Schultern gerissen,
83
Mir wär' um meinen Verlust nicht leid!
84
Gern wollt' ich den Bettel missen.
85
Die nicht von ihm verschuldete Not
86
Ertrüge ich fest und heiter,
87
Und willig suchte ich mir mein Brot
88
Als Landsknecht oder als Reiter.

89
Nur daß er, nachdem der Sieg ihm ward,
90
Mich kalt von sich abgeschüttelt,
91
Die schlimme Kränkung hat allzu hart
92
An meiner Treue gerüttelt.
93
Ein Wort aus des Kaisers Munde bricht
94
Mein Bündnis mit Ungarns Horden!
95
Doch wisset: eher ruhe ich nicht,
96
Bis volles Recht mir geworden.«

97
»wohlan! so thut uns vor allem kund,
98
Wohin jene Summen geflossen,
99
Die Ihr, hat Eure Behauptung Grund,
100
Dem Kaiser einst vorgeschossen?«
101
»das fragt Ihr mich noch? Bei meinem Schwert!
102
Die Antwort liegt nah' zu Handen:
103
Die Söldner hab' ich damit ernährt,
104
Die für ihn im Felde standen!«

105
»gemach! zum Worte, das Einer spricht,
106
Muß sich der Beweis gesellen,
107
Drum frag' ich Euch: könnt Ihr dem Gericht
108
Glaubwürdige Zeugen stellen?«
109
»zwar bin ich gewohnt, daß männiglich
110
Sich meinem Ritterwort beuge,
111
Doch, muß es sein, so füge ich mich:
112
Der Eggenberg ist mein Zeuge.«

113
»wen, Ritter, habt Ihr uns da genannt?«
114
Fragt Puchau mit Truggebärden.
115
»herr Eggenberg weilt in fernem Land,
116
Kann hier nicht vernommen werden.
117
Verzichtet auf seine Zeugenschaft,
118
Wie gerne er sie Euch gönnte,
119
Und sucht nach andrer Beweiseskraft,
120
Bringt Schriften und Dokumente!«

121
Baumkircher zieht aus des Gurtes Hut
122
Ein Täschlein mit Goldgespänge.
123
»sind Dokumente zu etwas gut,
124
Da habt Ihr deren die Menge!
125
Genügt der Beweis Euch, wirr und kraus,
126
Dem Tintenfasse entquollen?«
127
Und auf den Ratstisch streut er aus
128
Die pergamentenen Rollen. –

129
Die Stunden enteilen wie im Flug
130
Beim Forschen und beim Vergleichen;
131
Geprüft wird jeglicher Strich und Zug,
132
Geprüft jedes Siegel und Zeichen.
133
Die Räte schauen sich müd' und matt,
134
Daß ihnen die Augen schwimmen!
135
Hier fehlt das Datum auf einem Blatt,
136
Dort will die Rechnung nicht stimmen!

137
Wann sah man wohl jemals ein Gericht
138
So eifrig wie dieses tagen?
139
Die wackern Herr'n beachten es nicht,
140
Daß längst es zwölf Uhr geschlagen.
141
Gewissenhaft ist jeder bestrebt,
142
Den Wert der Ford'rung zu schätzen,
143
Bis endlich sich Herr Puchau erhebt,
144
Dem Fleiße ein Ziel zu setzen.

145
»bleibt uns auch manches und vieles noch
146
Zu sichten, zurecht zu legen,
147
So mein' ich, wir sollten vorher doch
148
Ein bischen des Leibes pflegen.
149
Ein Stündlein sei der Geschäfte Last
150
Von unsern Schultern genommen!
151
Ihr, Ritter Baumkircher, seid als Gast
152
Des Kaisers uns hochwillkommen!«

153
»herr Puchau! laßt uns die werte Zeit
154
Vergeuden nicht beim Bankette!
155
Ihr wißt es ja selbst: mein frei Geleit
156
Gilt nur bis zur Abendmette.«
157
»wir halten dran nicht so peinlich fest.
158
Seid deshalb ganz außer Sorgen!
159
Mit wenigen Federstrichen läßt
160
Es sich verlängern bis morgen.«

161
»das wolltet Ihr thun?« »Gewiß! gewiß!
162
Zum beiderseitigen Frommen!
163
Unmöglich dünkt es mich ohnedies
164
Noch heut' zu Ende zu kommen.
165
Doch morgen fällen wir, Euch zu Dank,
166
Den Spruch nach bestem Ermessen.
167
Nun aber folgt mir, bei Speis' und Trank
168
Der Sorgenlast zu vergessen!«

169
Wie duften die Speisen würzig fein
170
In silbergetrieb'nen Schalen!
171
Wie schäumt und perlet der edle Wein
172
In dunkelgrünen Pokalen!
173
Als sorglicher Wirt hat Puchau baß
174
Beim Gast seinen Platz genommen.
175
Er legt' ihm vor, er füllt ihm das Glas, –
176
Wohl mög' es dem Ritter bekommen!

177
Vertraulich rückt er ihm näher und schwört,
178
Wie sehr ihm's am Herzen nagte,
179
Daß man so lange, vom Scheine bethört,
180
Dem Treuen sein Recht versagte.
181
Und leiser flüstert er ihm in's Ohr:
182
»so sind die Fürsten, die besten!«
183
Baumkircher! Baumkircher! sieh dich vor!
184
Schon neigt die Sonne nach Westen!

185
Da, endlich auf Sicherheit bedacht,
186
Zieht er Herrn Puchau beiseite:
187
»verlängert, wie Ihr's vorhin verspracht,
188
Mir schriftlich mein frei Geleite!«
189
»auf meine Gefahr? das geht nicht an!
190
Zwar diente ich Euch mit Freuden,
191
Doch über den geächteten Mann
192
Darf nur der Kaiser entscheiden.«

193
»der Kaiser? Sagtet Ihr nicht, er sei
194
Für niemand zu sehen, zu sprechen?«
195
»für mich ist er's wohl! Mir steht es frei,
196
Die strenge Klausur zu brechen.
197
Ich eile zu ihm, ihm nach Gebühr
198
Der Dinge Stand zu erklären.
199
Harrt meiner indeß im Saale hier,
200
Bald seht Ihr mich wiederkehren!«

201
Fort eilt er. – Baumkircher blickt ihm nach,
202
Verwirrt, mit sich selbst im Streite.
203
Den Blick gesenkt, durchmißt das Gemach
204
Er sinnend die Läng' und Breite.
205
Der Argwohn faßt ihn, mit gift'gem Blick
206
Das fromme Vertrauen lähmend,
207
Allein der Ritter weist ihn zurück,
208
Im Herzen sich seiner schämend.

209
»nein!« denkt er, »noch gilt des Eides Band,
210
Und dieses hält sie gebunden!
211
Ich bin in einem christlichen Land,
212
Bin nicht unter Türkenhunden!
213
Ein Wortbruch? O rettungslose Schmach,
214
Vor der selbst der Räuber schaudert!«
215
Und, wieder durchschreitend das Gemach:
216
»wie lang doch der Puchau zaudert!«

217
Baumkircher! siehst du die Berge nicht,
218
Die schirmend die Stadt umkränzen,
219
Im weithin strahlenden Purpurlicht
220
Des scheidenden Tages glänzen?
221
Blick auf, und sieh die Wellen im Strom
222
Wie flüssiges Gold erglühen,
223
Die steinernen Blumen dort am Dom
224
Im Abendschein farbig blühen!

225
Jetzt fährt er empor! Ein wilder Schrei,
226
Ein Fluch, – und fort aus dem Saale,
227
An Marschalk und Trabanten vorbei,
228
Stürmt er hinab zum Portale.
229
Er schwingt sich mit einem Sprung auf's Pferd,
230
Er drückt ihm den Sporn in die Weichen,
231
Er rast dahin wie der Sturmwind fährt,
232
Wie eilende Wolken streichen!

233
Schon ist der äuß're Zwinger erreicht!
234
Gottlob! das Pförtlein noch offen!
235
Sein stürmisch fliegendes Herz beschleicht
236
Auf's neue ein frohes Hoffen.
237
Wie jagt er! wie flattern silberweiß
238
Im Winde des Greises Locken!
239
Da, horch! ertönt in den Lüften leis'
240
Das Läuten der Abendglocken.

241
Und eh' noch des Wächters Hornruf gellt,
242
Ist an dem Pförtlein der Ritter!
243
Weh! vor den Nüstern des Rosses fällt
244
Herunter das Eisengitter.
245
Jetzt schmettert auch des Hornes Signal, –
246
Es singet ihm Sterbelieder!
247
Doch nein! noch dämmert ein Hoffnungsstrahl!
248
Den Rappen wendet er wieder.

249
Greif aus! greif aus! – Auf felsiger Bahn,
250
Von Abendnebeln umflossen,
251
Sprengt er zum obern Thore hinan, –
252
Auch dies, auch dieses verschlossen!
253
Es zuckt noch über sein Angesicht
254
Ein tiefstes, ein letztes Wehe,
255
Dann faltet er die Hände und spricht:
256
»mein Gott! dein Wille geschehe!«

257
Die Schlüssel kreischen, der Riegel knarrt,
258
Aufthut sich des Thores Weite,
259
Die Schergen, die schon des Fangs geharrt,
260
Umstellen die edle Beute.
261
Voran ein Priester, des Heiles Pfand,
262
Das Kruzifix in der Rechten,
263
Und hinter ihm, im roten Gewand,
264
Der Henker mit seinen Knechten. –

265
Baumkircher! du Held, vom Ruhm erkiest
266
Auf seinen Bahnen zu wallen!
267
Trotz Schuld und blutiger Sühnung ist
268
Das bess're Teil dir gefallen!
269
So grimm kann die Axt des Henkers nicht
270
Des Lebens Mark unterwühlen,
271
Wie ihres eig'nen Gewissens Gericht
272
Die Meuchler auf seid'nen Pfühlen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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