Baumkircher! welcher Verblendung Nacht

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Betty Paoli: Baumkircher! welcher Verblendung Nacht Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Baumkircher! welcher Verblendung Nacht
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Hielt dir die Sinne umwoben,
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Als du, der Sieger in mancher Schlacht,
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Des Aufruhrs Fahne erhoben?
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Als du, für kurzer Rache Gewinn,
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Den Feind gewählt zum Genossen,
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Und mit dem Ungarkönig Corvin
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Ein frevles Bündnis geschlossen?!

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Unseliger du! trotz Acht und Bann
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Des Rachewerkes beflissen! –
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Hans Stubenberg, seinen Tochtermann,
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Hat er mit sich fortgerissen,
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Die mächt'gen Herren von Liechtenstein
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Sie stehn zu Baumkirchers Fahne, –
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Zum Heer verdichten sich seine Reih'n,
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Der Sturm schwillt an zum Orkane! –

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In Rom, wo er dem Papste sich neigt,
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Erreicht den Kaiser die Kunde,
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Und als er sie vernommen, besteigt
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Sein Pferd er zur selben Stunde.
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Er spricht kein Wort, er hat keinen Blick
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Für Welschlands Schönheit im Lenze;
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Im Fluge geht's nach Deutschland zurück,
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Bis überschritten die Grenze.

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Nicht länger soll der Empörung Graus
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Im Herzen des Reiches walten!
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Er schreibt in Eil' einen Landtag aus,
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Zu Völkermarkt abzuhalten.
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Dem Landtag halten sich klüglich fern,
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Die gegen Friedrich in Waffen,
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Doch auch die ihm treu geblieb'nen Herr'n,
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Sie können nicht Hilfe schaffen.

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»die Länder verwüstet, weit und breit,
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Die Grenzen von Feinden starrend,
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Die Söldnertruppen seit langer Zeit
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Vergeblich auf Löhnung harrend,
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Vom Brand ergriffen das eig'ne Haus, –
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Da ist kein Rat zu ersinnen,
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Als: gleicht Euch mit den Rebellen aus,
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Und trachtet sie zu gewinnen.« –

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Daß nicht ohnmächtigen Zornes Qual
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Das Eis seines Stolzes schmelze,
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Verläßt der Kaiser schweigend den Saal
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Und wandelt nach dem Gehölze.
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Verstohlen folgt ihm auf seinem Pfad
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Ein Männlein mit weißen Haaren,
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Herr Puchau, sein vielvertrauter Rat,
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In allen Ränken erfahren.

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Rings Stille, so tief, so frühlingsklar!
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Im Holze pickt nur der Häher.
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Der Kaiser wird den Alten gewahr
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Und winkt ihm gebietend: Näher!
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Er spricht, – o wie vom verhaltenen Groll
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Die Lippen ihm fahl erbleichen!
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»vernahmst du den guten Rat? Ich soll
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Mich mit Rebellen vergleichen!«

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Ein schwer unterdrückter Haß erglimmt
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Im Aug' des alten Gesellen:
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»mein gnädigster Herr! 's ist, wie man's nimmt!
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Ich weiß nur von
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Baumkircher ist's! der gefährliche Mann,
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Der all' die andern umsponnen!
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Wär' er beseitigt, wie bald wär' dann
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Der Aufstand in Sand verronnen!«

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Das Röslein, das ihm zu Füßen sprießt,
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Stampft wild der Kaiser zu Boden:
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»wohl redest du wahr! Baumkircher ist
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Des Aufstands Seele und Odem!
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Doch weil er es ist, und weil er allein
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Sich kühn gegen uns mag stemmen,
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Verschwindet der letzte Hoffnungsschein,
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Den Lauf des Unheils zu hemmen.«

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»ich meine,« lächelt Herr Puchau kalt,
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»ein Mittel wird es doch geben!
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Weit festere Schlingen als die Gewalt
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Versteht die Klugheit zu weben.
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Ihn trieb erlitt'ne Kränkung allein
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Die Majestät zu beleid'gen; –
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So ruft ihn an Euern Hof, um sein
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Angeblich Recht zu verteid'gen!

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Das ist mein Rat, Herr! kurz und schlicht.
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Seht selber zu, ob er tauge.«
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Als traue er seinen Sinnen nicht,
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Hebt rasch der Kaiser das Auge.
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Er steht, von dem Gedanken erschreckt,
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Der jetzt in ihm aufgegangen,
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Und eine dunkle Röte bedeckt
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Die erst noch so bleichen Wangen.

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»nein!« murmelt er, »nichts, o nichts davon!
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Willst Gift in's Herz du mir streuen?
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Baumkircher hat mir und meinem Thron
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Durch Jahre gedient in Treuen!« –
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»längst hat sein Verrat das wett gemacht,«
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Spricht jener, gebückt zur Erde.
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»jetzt, gnädigster Herr, seid nur bedacht,
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Daß wirklich sein Recht ihm werde.«

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Zu schlichten den arg verworr'nen Streit,
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Soll selbst er zu Graz erscheinen.
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Entbietet ihn! gebt ihm frei Geleit!
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So geht es wohl, sollt' ich meinen.«
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Scheu wendet der Kaiser das Gesicht,
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Er flüstert bang und beklommen:
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»und wenn er nicht käme?« Puchau spricht:
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»seid ruhig, Herr! er wird kommen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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