1.

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Betty Paoli: 1. (1854)

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»das also der Lohn für stete Treu,
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Für Hilfe in Todesnöten,
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Daß, spottend jeglicher Scham und Scheu,
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Mein Recht sie mit Füßen treten?
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Dem Kaiser zu helfen, hab' ich mein Schloß,
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All' meine Güter verpfändet,
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Dem Kaiser, deß schuft'ger Schreibertroß
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Mich tückisch beraubt und schändet!

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Nachdem sie mich wie ein Wild gehetzt,
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Genarrt mich hüben und drüben,
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Erklären sie meine Ford'rung jetzt,
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Die Schurken! für übertrieben!
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Zu deutsch besagt dieser Worte Sinn,
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Ich habe den Kaiser betrogen,
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Aus seinem und des Landes Ruin
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Gewinn und Vorteil gezogen!

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Als Retter aus der höchsten Gefahr
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Begrüßt' er mich einst in Hulden;
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Jetzt läßt er mich mit ergrautem Haar
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Die schwerste Unbill erdulden!
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Verlustig deiner irdischen Hab',
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An deiner Ehre geschädigt,
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Baumkircher! lege dich nur ins Grab!
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Dein Tagewerk ist erledigt!« –

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Mit kaiserlichem Siegel den Brief
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Wirft er zerknüllt in die Ecke,
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Dann stöhnet er auf, so schwer, so tief,
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Und starret empor zur Decke.
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Es fliegt sein Herz, es fiebert sein Hirn
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Von finstrer Gedanken Schwalle;
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Von heißem Zorn gerötet die Stirn,
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Durchmißt er ruhlos die Halle.

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Und wie er in's stolze Herz zurück
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Gewaltsam dränget die Klage,
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Da steigen empor vor seinem Blick
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Die Bilder vergang'ner Tage.
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Er denkt der Zeiten, in denen er
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Mit jugendlich kühnem Wagen,
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Ein Wetterstrahl, das Magyarenheer
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Bei Neustadt zurückgeschlagen.

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Er denkt, wie am Wienerthor er dort,
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Beim Anprall der Feindesbanden,
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Nur er der Stadt und des Kaisers Hort,
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Den blutigen Strauß bestanden!
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Er sieht sich, als, im Tode noch grimm,
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Die Seinen im Staube lagen,
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Allein noch kämpfen, bis hinter ihm
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Die Brücke war abgetragen!

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O wie die wechselnden Bilder ihn,
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Ein Zauberreigen, umschweben!
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Der Kaiser in seiner Burg zu Wien
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Belagert, von Feinden umgeben!
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Mit seinen Bürgern in schwerem Streit,
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Bedroht mit Speeren und Spießen,
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Gebrochnen Mutes, schon halb bereit
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Schmachvollen Frieden zu schließen.

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Wer war's, der ihn da mit starker Hand
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Geschirmt vor Rebellenscharen?
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Wer war es, der ihn flehend vermahnt,
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Die Würde des Throns zu wahren?
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Wer hielt bei ihm aus mit Rat und That,
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Ein Felsen im Braus der Wogen,
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Bis, Hilfe bringend, Herr Podiebrad
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Aus Böhmen herangezogen?

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Und als, da die lange Kriegesfrohn
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Des Schatzes Truhen geleeret,
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Die Söldner den rückständigen Lohn,
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Mit Abzug drohend, begehret:
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Wer hielt sie mit freud'gem Opfermut
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Im Dienste Friedrichs zurücke?
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Wer wagte sein, seines Kindes Gut
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An Habsburgs schwanke Geschicke?

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Er war es! er selbst! Und jetzt! o Gott!
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Kaum weiß er sein Elend zu fassen!
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Von Gläub'gern bedrängt, der Feinde Spott,
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Von seinem Kaiser verlassen!
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Die Wahrheit in schnöden Trug verkehrt,
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Das Recht in Unrecht verwandelt,
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Und er, wenn er das Seine begehrt,
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Als frecher Bettler behandelt!

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»weh euch, die ihr mir mein Recht verwehrt!
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Ich schwör's mit heiligem Eide!«
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Er zuckt mit der Rechten nach dem Schwert,
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Und reißt es halb aus der Scheide.
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Des Greises Augen funkeln und glüh'n
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Gleich unheilkündenden Sternen,
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Und finster murmelt er vor sich hin:
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»sie sollen mich kennen lernen!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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