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Oed' liegt das Land, denn unbestellt
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Blieb Wiese, Flur und Ackerfeld.
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Der frühlingsmilde Morgenwind
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Macht keine grünen Halme wogen;
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Die Dörfer stehen leer, es sind
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Die Männer in den Kampf gezogen. –
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Als von Paris die Kunde kam
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Des Endes, das der König nahm,
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Als man's versucht, dem Volk den Glauben,
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Den Seelen ihren Hort zu rauben,
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Da hat, im Teuersten verletzt,
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Sich die Vendée zur Wehr gesetzt.
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Cathelineau, der schlichte Mann,
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Aus seinen stillen Einsamkeiten
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Gerissen von dem Sturm der Zeiten
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Zerbrach zuerst den dumpfen Bann.
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Durchglüht von einem tiefen Schmerz,
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Verschmähte Trauer er und Klagen;
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Nach frischer That, nach kühnem Wagen
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Verlangte sein gewaltig Herz.
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Zum Aufstand rief er, und in Haufen
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Kam jung und alt ihm zugelaufen,
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Denn durch sein Wort ward jede Brust
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Des eig'nen Dranges sich bewußt.
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Nach ihren Jagdgewehren griffen
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Sie raschen Muts, nach Spieß und Speer,
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Die Beile wurden zugeschliffen,
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Der Knittel selber ward zur Wehr,
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Und, ungesäumt, in Feindesmitten,
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Ward zu des Plans Vollzug geschritten.
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Die Schergen der verhaßten Macht,
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Die, vom Convent hieher gesandt,
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Dem Lande maßlos Weh gebracht,
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Schlug und vertrieb der Bauern Hand.
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Jetzt stand ein blut'ger Weg nur offen,
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Und Heil war nur vom Kampf zu hoffen!
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Drum that es not, für ihr Beginnen
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Erprobte Führer zu gewinnen,
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Die, schlachtenkundig und erfahren,
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Befehligten die wirren Scharen.
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Die aufzufinden war nicht schwer!
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Auf allen Schlössern ringsumher,
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So weit des Himmels Wölbung blaut,
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Ringsum auf allen Adelssitzen
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Hat die Erhebung sich're Stützen,
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Mit Krieg und Waffenwerk vertraut.
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Es traten zum ersehnten Streite
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Die Herren auf der Bauern Seite,
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Wie, von der Lüfte Zug bewegt,
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In's Flammenmeer die Flamme schlägt!
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Ein großer Brüderbund erstand
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Zum Dienste der gemeinen Sache;
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Derselben Liebe starkes Band,
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Derselbe heiße Durst nach Rache
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Vereinigt Edelmann und Knecht.
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Einstehend für das alte Recht
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Sind alle gleich bereit, ihr Leben
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Als Kaufpreis für den Sieg zu geben. –
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Vertrauend auf ihr Waffenglück
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Entbeut ein Heer die Republik.
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Ein Heer von solcher Uebermacht,
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Daß es in einer off'nen Schlacht
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Den Aufstand, wie er keck sich rüste,
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Das wissen die Vendéer auch,
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Verteilt im waldigen Gebiet;
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Wie Truppen nicht, in Reih' und Glied,
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Sie kämpfen nach Guerillabrauch.
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In Schluchten, ihnen nur bekannt,
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Und in dem Schatten dichter Hecken
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Verborgen, zielen sie und strecken
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Die Blauen nieder auf den Sand.
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Ein Irrlicht, welches dort und hie
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Auftaucht, doch zu erreichen nie,
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Verlocken sie den Feind mit List,
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Sein Heer in Haufen zu zersplittern,
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Und, wenn der Plan gelungen ist,
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Dann stürzen sie, gleich Ungewittern,
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Eh' noch die Gegner sich besonnen,
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Sich auf die einzelnen Kolonnen. –
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Von Tag zu Tag wächst ihre Schar
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An Zahl und Stärke, immerdar
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Zum Marsch bereit, zum Angriff fertig,
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Des Rufs der Führer stets gewärtig,
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So stürmisch und so kühn im Wagen,
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Wie fest und standhaft im Ertragen.
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Zu ihnen steht ihr Heimatland
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Mit vollem Herzen, off'ner Hand!
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Ein jeder wirkt und sorgt und schafft
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Für sie, nach seiner Art und Kraft.
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Ob auch die Republik mit Tod
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Den Frauen selbst und Kindern droht,
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Die Beistand den Brigands zu leisten,
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Verweg'nen Sinnes, sich erdreisten,
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Das furchtbar nahe Strafgericht
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Schreckt die entbrannten Seelen nicht!
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Sie beten selbst noch unterm Beil
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Für ihrer Sache Sieg und Heil!