Als dämmernd noch das Leben vor mir lag

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Betty Paoli: Als dämmernd noch das Leben vor mir lag Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Als dämmernd noch das Leben vor mir lag,
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Mein Herz noch nichts errungen, nichts verloren,
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Nicht ahnt' ich da, daß mir an diesem Tag
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Mein bestes Kleinod ward zur Welt geboren!
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Nicht ahnte ich, daß heut' der hellste Stern
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An meinem Horizonte aufgegangen,
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Daß meines Wesens innerlichster Kern
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Den vollen Abschluß heute erst empfangen.

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Ich ahnt' es nicht; erst jetzt erkenn' ich's ganz!
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Nur eines kann ich auch noch jetzt nicht fassen:
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Daß deiner Liebe heller Strahlenkranz
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Auf meine Stirn sich mochte niederlassen.
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Es heißt ja doch, daß nur um Gleich und Gleich
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Die Bande sich wahrhaft'ger Freundschaft weben.
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Du aber bist so reich, so überreich,
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Und ich, – – was hab' ich Arme dir zu geben?

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Nichts als mich selbst! doch diese Gabe schafft
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Dir Sorgen nur und immer neue Mühen!
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Denn stützen mußt du mich mit deiner Kraft,
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Dein böses altes Kind zum Guten ziehen.
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Du mußt, bald ernst und streng, und bald gelind,
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Hier raten, trösten, strafen dort und wehren,
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Und die Gedanken, die das Leben sind,
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Den erdgebund'nen Geist erst denken lehren.

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Tief schmerzlich überkommt mich's manchesmal:
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O daß ich früher, früher dich gefunden,
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Als ungetrübt noch meines Auges Strahl,
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Und meine Brust noch rein von Schuld und Wunden!
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Dann wäre nie des Samums glüher Hauch
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Vergiftend über mich hinweggegangen!
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Ich gliche nicht dem blitzversengten Strauch,
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Und könnte geben, statt nur zu empfangen!

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Doch, hat voreinst nicht aus des Heilands Mund
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Die schmerzenmüde Welt dies Wort vernommen:
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»für jene nicht, die kräftig und gesund,
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Nein! für die Kranken ist der Arzt gekommen«?
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Du treuer Arzt! so hast, als, wüst und wirr,
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Das Fieber mich der Leidenschaft bezwungen,
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Du mich gepflegt, und liebest nun in mir
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Die Beute, die dem Tod du abgerungen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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