Der Morgen findet sie vereint

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Betty Paoli: Der Morgen findet sie vereint Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Der Morgen findet sie vereint
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Beim kärglich schlichten Frühmahl sitzen.
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Verklärt der Mutter Antlitz scheint,
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Mac Dugalds Augen leuchten, blitzen,
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Indem er ihr erzählt, was er
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An Mühen, Nöten und Gefahren,
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An Kämpfen ernst und heiß und schwer,
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Bestanden in der Trennung Jahren

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Und wie zuletzt sich doch zum Glück
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Zum Guten alles mußte fügen!
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Sie lauscht und lauscht und kann den Blick
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Nicht wenden von den teuern Zügen.
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Hat ihn verschönert denn ein Trank,
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Gebraut am nächt'gen Zauberherde!
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Sein Aug' so kühn, sein Wuchs so schlank,
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So stolz und edel die Gebärde!

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Als nun zu Ende sein Bericht,
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Fragt er, wie es denn ihr ergangen.
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Sie schüttelt leis' das Haupt und spricht:
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»o trage darnach nicht Verlangen!
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Wozu auch das vergang'ne Leid
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Gespensterhaft heraufbeschwören,
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Und dieser Stunde Seligkeit
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Mit Qualerinnerungen stören?

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Was war mein Jammer und mein Schmerz?
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Daß du, mein Dugald, mir entrissen!
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Was drang als Glutpfeil in mein Herz?
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Dich, meinen einzigen Sohn zu missen!
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Die Pein, die damals mich beschlich,
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Wie könnte ich sie jetzt noch fassen?
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Mein bist du, mein! ich halte dich
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Um nimmermehr von dir zu lassen.«

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Befremdet blickt sie Dugald an.
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»wie mögt Ihr Mutter also sprechen?
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Ihr wißt, ich bin des Königs Mann
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Und darf ihm meinen Eid nicht brechen.
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O glaubet mir! leicht wird mir's nicht,
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Die Heimat neuerdings zu meiden,
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Allein der strenge Ruf der Pflicht
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Heißt mich schon morgen von Euch scheiden.«

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Ein Donnerschlag trifft sie dies Wort,
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Wild springt sie auf von ihrem Sitze.
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»du wolltest, – – wolltest wieder fort,
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Du meines Alters einz'ge Stütze?
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So willst du, daß verzweifelnd sich
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Das Herz in meinem Busen spalte?
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Und meinst du denn, ich ließe dich,
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Da ich dich endlich wieder halte?«

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»wie, Mutter, wie? nicht fasse ich
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Was Euern Sinn umstrickt, bethöret,
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Daß Ihr so heiß und flehentlich
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Unmögliches von mir begehret!
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Sagt selbst! soll ich ein niedrer Wicht
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Dem Dienst des Königs feig entlaufen,
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Verletzen die beschworne Pflicht
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Und Freiheit mir mit Schmach erkaufen?«

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»schmach nennst du es, wenn stolz und rein,
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Frei wie die Luft auf seinen Bergen,
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Der Sohn des Hochlands nichts gemein
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Will haben mit den fremden Schergen?
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Ich nenn' es Schmach dem Sassanagh,
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Dem frechen Kronendieb zu dienen!
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O Fluch dem unheilvollen Tag,
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Wo seine Scharen hier erschienen!

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Geh hin durch's Land und frage, wie
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Sie hier gehaust in diesen Thälern,
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Die Schlösser, Hütten zähle, die
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Verwandelt sie zu Grabesmälern!
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Empor zum Himmel hör' das Blut
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Der Frommen schreien, der Gerechten,
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Und dann, dann diene wohlgemut
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Noch länger jenen Henkersknechten!

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Doch nein! o nein! vergib den Hohn!
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Ist's Thorheit doch, mich so zu quälen!
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Ich weiß es: nimmer wird mein Sohn
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Der Schande Teil für sich erwählen!
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Es galt ja nur, von deinem Aug'
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Die Binde falschen Wahns zu streifen,
79
Das that ich, und jetzt wirst du auch
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Das rechte, festen Sinns, ergreifen.«

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»und wähnt Ihr denn, daß sie mich hier
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Nicht baldigst suchten, baldigst fänden?«
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»o freilich wohl! Doch wollen wir
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Dem Dorf alsbald den Rücken wenden.
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Wir wollen flieh'n zur Waldesschlucht,
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Nach unserer Berge steilsten Höhen,
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Von Aar und Möwe nur besucht, –
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Dort wird kein Häscher dich erspähen.

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Dort wirst du leben frank und frei,
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Wie Wallace einst in alten Tagen,
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Die Klipp' erklettern nach dem Weih,
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Das flücht'ge Reh, den Damhirsch jagen.
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Die Brust von frischem Mut geschwellt,
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Treu deinem König, deinem Gotte,
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Lebst du in deiner eig'nen Welt,
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Ein freier Mann, ein echter Schotte!«

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So dringt sie in ihn, bittet, fleht,
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Den Sinn des Jünglings zu erweichen.
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Stumm mit verschränkten Armen steht
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Mac Dugald vor der Schmerzenreichen.
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Bewegt sieht er ihr Angesicht
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Das teu're, überströmt mit Zähren,
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Doch was sie heischt, er darf es nicht,
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Bei Gott! er

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»nein!« ruft er endlich, »nein! und nein!
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Genug habt Ihr mit Euern Bitten
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Die Seele mir erfüllt mit Pein,
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Mir tief genug in's Herz geschnitten.
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Fahrt Ihr damit noch länger fort,
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Könnt Ihr mir neue Qual bereiten,
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Doch nimmermehr wird Euer Wort
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Zu schnödem Treubruch mich verleiten.

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Ihr wißt es, Mutter, Euer Leid
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Kann ich nicht heben, ach! nur teilen.
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Verpfändet hab' ich meinen Eid,
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Nicht länger als drei Tag' zu weilen.«
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»und wenn du eine läng're Frist
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Dich unterfingest zuzugeben?«
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»so wahr ich ein Soldat und Christ,
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Nichts rettete alsdann mein Leben!«

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»nichts?« fragt sie leise, und ein Licht
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Flammt plötzlich auf in ihrem Blicke,
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Als ob durch Nebel, schwer und dicht,
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Der Sonne Strahl belebend zücke.
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»nichts?« wiederholt sie langsam und
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Von ihrem Antlitz flieht das Bangen,
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Wie Hoffen zuckt's um ihren Mund,
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Es röten sich die bleichen Wangen.

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Welch ungeahnter Himmelsstrahl
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Hat tief sich in ihr Herz ergossen?
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Ward aus dem Labyrinth von Qual
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Ein Ausweg plötzlich ihr erschlossen?
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So ist es! einen Rettungsport
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Ersah ihr Auge freudetrunken!
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Sie lächelt still, sie spricht kein Wort,
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Und steht in Sinnen tief versunken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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