2.

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Betty Paoli: 2. (1854)

1
Kein Lebenslaut stört die Natur
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In ihrem herbstlich stillen Leide;
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Es scheint die Sonne lässig nur
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Hernieder auf die braune Haide.
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Da ist kein Baum, umwebt von Moos,
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Aus dessen Zweigen Vögel sängen,
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Da ist kein Fels, aus dessen Schoß
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Krystallne Quellen lustig sprängen!

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Den Wanderer aber, den zur Stund'
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Die Abendstrahlen uns hier zeigen
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Den kümmert nicht der öde Grund,
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Des Himmels Grau, der Gegend Schweigen!
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In seinem Herzen jauchzt ein Lied,
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In seiner Seele springt ein Bronnen,
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Seit ihn das heimische Gebiet
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Aufnahm mit seinen trauten Wonnen.

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Mac Dugald ist's, der rasch und leicht
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Als liehe ihm die Sehnsucht Flügel
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Hin durch die braune Haide streicht,
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Und froh erklimmt die steilen Hügel.
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Von diesen Stätten, ihm so wert,
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Wie lange ist er fern geblieben!
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Wie lang, wie schwer hat er entbehrt
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Den teuern Anblick seiner Lieben!

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Er war ein gar so junges Blut,
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Als in sein Dorf die Werber kamen
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Und ihn aus seiner Mutter Hut
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Am nächsten Morgen mit sich nahmen.
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Nun dient er an fünf Jahre schon
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In Englands kriegerischem Heere,
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Und, traun! es macht des Hochlands Sohn
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Durch Mut und Treu dem Hochland Ehre.

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Er folgte seinem Regiment
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Ins Land, wo hoch die Palmen stehen,
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Die Sonne heiß herniederbrennt
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Auf Bombays Tempel und Moscheen,
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Wo tausend Scenen bunt und wild
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Den Sinn berauschen und umfloren,
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Allein der fernen Heimat Bild
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Blieb seiner Seele unverloren.

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Und als er nun nach manchem Jahr
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Der Trennung Schottlands Felsenküste,
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Vom Meer umbraust, umkreist vom Aar,
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Mit frohem Jubel wieder grüßte,
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Da schien ihm leicht das schwerste Joch,
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Hell lag die Welt vor seinen Blicken,
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Nur eines, eines fehlt' ihm noch:
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Die Mutter an die Brust zu drücken.

49
Er trat vor seinen Offizier
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Und bat mit raschem Herzensschlage,
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Mit feuchtem Aug': »Gebt Urlaub mir
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Nicht länger, Sir, als auf drei Tage.
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Möcht' einmal noch die Mutter seh'n,
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Die Mutter, die,« – er stammelt's leise,
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Sein Blick nur unterstützt sein Fleh'n,
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Stumm, doch in vielberedter Weise.

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»»Du dientest brav und tüchtig stets,
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Nicht will ich dir den Wunsch versagen.
59
Geh! aber denk' an das Gesetz,
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Das Rückkehr heischet nach drei Tagen!««
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»meint ihr, daß meinen Fahneneid
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Ich falschen Sinnes brechen könnte?
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Seid ruhig, Sir! zur rechten Zeit
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Bin ich zurück beim Regimente.« –

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O wie er hastet, wie er jagt
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Nicht zu verlieren eine Stunde!
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Der Berg, der dunkelmächtig ragt,
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Der Strom, das Moor im Haidegrunde,
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Sie halten seinen Schritt nicht auf,
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Ihn hemmen weder Berg noch Welle,
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Bis er in nimmermüdem Lauf
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Erreicht des Mutterhauses Schwelle.

73
Es fliegt sein Herz, wie zum Gebet
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Treibt's ihn die Hände fromm zu falten,
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Dann tritt er näher, forschend späht
76
Sein Auge durch des Ladens Spalten.
77
Er sieht die Mutter bei dem Licht
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Des Kienspans emsig dreh'n den Rocken;
79
O wie so bleich ist ihr Gesicht
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Und wie ergraut sind ihre Locken! –

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Die Liebe lehrt ihn mit Bedacht
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Zu melden ihr die frohste Kunde,
83
Und an den Laden pocht er sacht,
84
Wie ein Besuch zu später Stunde.
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»wer ist's?« Als Antwort gellt ein Pfiff.
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»wer ist's?« Es schwinden ihr die Sinne,
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Den Span faßt sie mit raschem Griff,
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Springt auf, und hält dann zitternd inne.

89
O wohl hat sie den Pfiff erkannt,
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Womit ihr Sohn den Falken lockte!
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Sie steht, wie auf den Fleck gebannt,
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Ihr ist, als ob ihr Herzblut stockte.
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Jetzt tönt ihr, Wonne ihrem Ohr,
94
Ein liebvertrautes Lied entgegen;
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Aufjauchzend rafft sie sich empor,
96
Durchzuckt von tiefster Freude Segen.

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»mein Dugald! o mein Sohn, mein Sohn!«
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Fort stürzt sie, schneller als Gedanken,
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Doch auf der Schwelle fühlt sie schon
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Des Jünglings Arme sie umranken.
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»so kommst du endlich, endlich doch!«
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Sie ruft es, ihre Kniee beben,
103
Nur eines weiß und denkt sie noch:
104
Daß ihr der Sohn zurückgegeben.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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