Vom dunkeln Fichtenwald umbraust

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Betty Paoli: Vom dunkeln Fichtenwald umbraust Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Vom dunkeln Fichtenwald umbraust
2
Lehnt die Ruine an dem Hügel;
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Der Zahn der Zeit, des Sturmes Flügel
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Sie haben tüchtig hier gehaust.
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Rot glüht des Abendhimmels Feuer
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Durch das gespaltne Dach herein,
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Von dem geborstenen Gemäuer
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Löst sich zerbröckelnd Stein um Stein.

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Des Epheus grün Geflechte schlingt
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Sich um die Pfeiler und Balkone
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Ein Siegeszeichen, das, zum Hohne,
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Natur, die ewig junge, schwingt!
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Sie, die aus unerschöpfter Fülle
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Stets neues kräft'ges Leben treibt,
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Indeß zu Schutt und zu Gerülle
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Das Werk der Menschenhand zerstäubt.

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Und stille sinnend sitz' ich dort
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So manchen sommerlichen Abend
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Am Glück der Einsamkeit mich labend
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Gestört von keinem Menschenwort,
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Verkehrend nur mit den Gedanken
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Die, wenn der Dämon in mir spricht,
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Durch die bewegte Seele schwanken
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Jetzt dunkel und jetzt wieder licht! –

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So saß ich gestern erst, allein
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Wie immer, in den öden Hallen
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Und ließ an mir vorüberwallen
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Phantast'scher Bilder bunte Reihn.
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Ich fühlte sie mich überkommen,
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Mich überwält'gen je und je;
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Mein Herz war schwer und war beklommen
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Von einem rätselhaften Weh.

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Gedenken mußt' ich schwermutvoll,
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In meines Geistes wachem Träumen,
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Der Zeiten, wo in diesen Räumen
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Der rasche Strom des Lebens schwoll!
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Der längst zu Staub zerfallnen Herzen,
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Die bang und freudig hier gepocht,
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Von Wonnen bald und bald von Schmerzen
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Von Lust und Jammer unterjocht!

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Was schmeichelnd und was ungelind
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Sich wechselnd in ihr Sein verwoben,
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Ihr Lieben, Hassen ist zerstoben,
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Dahingegangen in den Wind!
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Wonach sie heißverlangend stritten
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Bis zu dem letzten Kampf und Hauch,
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Was sie genossen, was sie litten,
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Entschwunden ist's, verweht wie Rauch!

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Wie Rauch? Da sah ich an der Wand
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An des Kamines spitzem Bogen
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Die dunkle Spur, die hier gezogen
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Des Herdes halbverglühter Brand.
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Ich fuhr empor, von Grau'n durchschauert!
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Erschüttert sah ich Glück und Leid
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Der Menschenseele überdauert
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Vom Sinnbild der Vergänglichkeit!

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Ihr Toten! rief ich, tief und fest
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Nun schlummernd in den Grabeshallen,
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Seht hier von eurem Erdenwallen
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Den letzten, einz'gen Erdenrest!
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Der Rauch, der eure Hallen schwärzte,
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Er zeigt sich noch der Enkel Blick, –
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Von dem, was euch beglückte, schmerzte,
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Blieb keine, keine Spur zurück!

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O Gott! mein Gott! ist diese Welt
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Des Menschen Grab wie seine Wiege?
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Ist sie, auf kühner Fahrt zum Siege,
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Nur deiner Kämpfer wandelnd Zelt?
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Vermengt uns mit dem Staub der Erden
70
Ein unerbittliches Geschick?
71
Bleibt, weil wir ganz zum Lichte werden,
72
Kein Schatten hier von uns zurück? – –

73
Noch lange saß ich, wie gebannt,
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Wie einer Geisterantwort harrend,
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Mit unverwandtem Auge starrend
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Auf jene Streifen an der Wand.
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Dann schied ich, doch noch an der Pforte
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Blickt' ich nach ihnen um; mir war's
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Als läse ich die droh'nden Worte
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Vom Gastmahl König Belsazars!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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