Ihr, meine Todten! kommt, o kommt

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Betty Paoli: Ihr, meine Todten! kommt, o kommt Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Ihr, meine Todten! kommt, o kommt
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Zum Frieden mir das Herz zu wenden!
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Die einz'ge Labung, die mir frommt,
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Die habt nur ihr mir noch zu spenden,
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Herauf! herauf aus eurer Gruft!
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Laßt euern Blick mich still durchdringen!
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Die starke Liebe, die euch ruft,
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Sie muß des Grabes Bann bezwingen! –

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Mit ernstem Gruß trittst du heran,
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Du Freund aus meinen Jugendtagen.
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An's lichte Endziel deiner Bahn
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Hat frühe dich dein Flug getragen.
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O Gott! ich weiß kein Menschenbild,
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Das groß und rein, wie deines ragte!
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Kein Aug', in welchem Trost so mild,
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So siegreich wie in deinem tagte!

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Der mächt'ge Tod, der Alles bricht,
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Hat deine Macht nicht überwunden!
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Du strahlst, ein erdenfremdes Licht,
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Herein in meine trübsten Stunden.
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Und will mein Geist, vom Natterstich
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Des Zweifels blutend, bang verzagen,
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Dann rufst du: »Auf! besinne dich!
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Dein Loos ist Wirken und Ertragen!«

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Und wie mein Ohr dem Worte lauscht,
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Kehrt auch die alte Kraft mir wieder!
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Durch meinen Busen strömt und rauscht
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Geheimnißvoll der Strom der Lieder.
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Das Walten fühl' ich deiner Hand,
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Den Trieb mich deinem Glanz zu einen!
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Wie Märtyrer im Flammenbrand
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Bekenn' ich froh mich zu den Deinen!

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So bist du mein Befreier, drängst
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Mich rastlos fort zu neuen Siegen,
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So wirkst du noch durch mich, ob längst
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Zum Todtenreich hinabgestiegen.
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Von dir gestützt, getragen, ringt
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Mein Geist sich durch des Kampfes Wehe,
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Den Hauch wahrhaft'gen Friedens bringt
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Mir deine ewig theure Nähe! – –

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Du, And're! sprich! was stehst du scheu,
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Wie im Gefühl der Schuld befangen?
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Mahnt bang Erinnern dich auf's neu',
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Daß du dich einst an mir vergangen? –
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Die Thräne, die mein Auge trübt,
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Sie sage dir, wie ich dich richte!
47
Ich weiß, du hast mich viel geliebt – –
48
Dein Schuldbrief, ward längst zu nichte! –

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Und du, verklärte Lichtgestalt!
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Geliebteste von ihnen allen!
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Mich faßt der Sehnsucht Gramgewalt,
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Auf meine Kniee möcht' ich fallen!
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Du schwebtest, leuchtend, wie ein Schwan,
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In's Reich der unbewölkten Wonnen!
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Als ew'ge Lust für dich begann,
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Hat ew'ger Schmerz für mich begonnen.

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Und diese unermess'ne Pein
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Den Menschen darf ich sie nicht klagen!
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Nur dir, mein Alles! dir allein
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Darf ich in meinem Liede sagen:
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Daß von den Thränen, die es trank,
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An jedem Morgen feucht mein Kissen,
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Mein Leben an der Wurzel krank,
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Mein Herz im tiefsten Kern zerrissen!

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Daß auf dem weiten Erdenrund
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Ich nichts als deinen Hügel sehe,
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Daß ich in meiner Seele Grund
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Ein ewig Schmerzenfest begehe!
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Genug! die keinem Aug' sich zeigt,
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Du deutest sie die Hieroglyphe,
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Und was das arme Wort verschweigt
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Lies es in meiner Wunden Tiefe! –

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Du lächelst sanft und feierlich?
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O wohl versteh' ich dieses Lächeln!
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Als ew'gen Lenzhauch fühle ich
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Es meinen Schmerzen Kühlung fächeln!
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Der Strahlenschimmer, der dich krönt,
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Scheint rosig mir die Nacht zu färben!
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O, nur der heil'ge Tod versöhnt
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Mit dieses Lebens stetem Sterben! – –

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Ihr theuern Todten, die ihr lebt
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In uns'rer Sehnsucht, uns'rer Trauer,
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Den heißen Schmerz um euch durchbebt
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Allew'gen Lebens Wonneschauer!
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Wie glaubte an Vergänglichkeit,
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An spurlos Schwinden und Verwehen
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Die Seele, d'rinnen Lieb und Leid
88
In wandelloser Blüthe stehen?! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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