Was für ein ärmlich traurig Leben

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Betty Paoli: Was für ein ärmlich traurig Leben Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Was für ein ärmlich traurig Leben
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Mit fahlen Fäden dich umspinnt!
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Der Freuden mußt du dich begeben,
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Du armes, du verlass'nes Kind.
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Von gold'ner Zier, von Sammt und Seide
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Wird deiner Schwestern Reiz verklärt,
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Umwallt vom grauen Alltagskleide
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Sitzt Aschenbrödel still am Herd.

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So sitzt sie schon seit manchen Jahren
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Und wirkt und schafft den ganzen Tag,
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Aufsammelnd für die Undankbaren,
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Der Mühen köstlichen Ertrag,
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Zerstreut, gedankenlos empfangen
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Sie, was die Arme ihnen reicht,
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Und merken nicht, wie ihrer Wangen
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Sanft blühend Rosenlicht erbleicht.

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Nur selten, wenn für flücht'ge Stunden
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Des Kummers fast vergess'ne Macht
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Den Weg zu ihrer Brust gefunden,
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Wird Aschenbrödels auch gedacht.
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Da muß das treue Herz sie laben,
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Das sie so oft, so schwer verkannt,
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Und Trost, den sie ihr niemals gaben,
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Empfangen sie aus ihrer Hand.

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Doch, wenn aus dem geriss'nen Schleier
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Die Sonne freundlich wieder blickt,
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Wenn neu beginnt die Freudenfeier
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Wird Aschenbrödel fortgeschickt.
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Da stürzen sie ins Weltgebraus'e
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Mit hast'ger Ungeduld hinein,
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Und wieder sieht im öden Hause
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Arm Aschenbrödel sich allein.

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Sie kann dem Gram nicht länger wehren,
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Der ihr verlass'nes Herz bezwingt;
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Still fließen ihre heißen Zähren –
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Doch was ist dieß? das Fenster klingt,
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Durch ihre Kammer rauschen Töne
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Voll Himmelslust, voll sel'gem Weh,
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Und vor ihr steht in Zauberschöne
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Die Poesie, die gute Fee!

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Hold lächelnd neigt sie sich hernieder
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Und segnet das gebeugte Haupt:
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Von meiner Huld empfange wieder,
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Was dir das Leben hat geraubt.
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Mit meinem Strahlendiademe
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Verklär' ich jeden reinen Schmerz,
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Die von der Welt Verstoss'nen nehme
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Ich liebend an mein Sonnenherz.

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Wo trüb und einsam eine Seele
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Verkümmern will im starren Frost,
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Und ird'sche Hilfe fern, da stehle
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Ich mich zu ihr mit lindem Trost,
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Bis sie, die trauernd stand im Leben,
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Ein fremder, unwillkommner Gast,
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Die Luft der Heimat trinkt, daneben
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Das Glück der Glücklichen erblaßt.

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Drum bin ich dir auch jetzt erschienen
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In meines Kummers trüber Nacht!
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Sieh, was an Perlen und Rubinen
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Ich meinem Kinde mitgebracht!
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Voll stolzer Mutterfreude schmück' ich
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Mit reicher'm dich als Königsglanz
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In deine weichen Locken drück' ich
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Den unverwelkbar heil'gen Kranz.«

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Doch wie ihr also herrlich prangend
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Das Spiegelglas ihr Antlitz zeigt,
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O wie sie schüchtern da und bangend
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Das Haupt in frommer Demuth neigt!
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»der Glanz auf meinem Angesichte
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Ich nenn' ihn nun und nimmer mein!
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Er ist von einem ew'gen Lichte
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Geheimnißvoller Widerschein!«

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Hinweg aus ihrer armen Klause
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Sieht sie mit süßem Schreck sich jetzt
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In eines Festes Lustgebrause
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Mit einem Zauberschlag versetzt.
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Die sonst mit herrisch stolzen Mienen
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Gekränkt des Kindes weichen Sinn,
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Die huldigen ihr nun und dienen
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Ihr wie der schönsten Königin. –

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Doch wehe! wehe! kalt und nüchtern
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Herein das Licht des Morgens fällt,
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Von seinem Strahl entfliehet schüchtern
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Die vielgeliebte Traumeswelt,
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Dahin die Perlen, das Geschmeide,
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Die heitre Pracht, die ihr beschert!
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Umwallt vom grauen Alltagskleide
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Sitzt Aschenbrödel still am Herd.

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Allein ihr Stern ist nicht verglommen,
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Und freudig lächelt sie in Weh,
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Sie weiß, bald wird sie wiederkommen
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Die schöne, die geliebte Fee!
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Bald nimmt sie, was ihr Kind auch quäle,
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Von hinnen mit Erlösungsmacht –
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Und ahnend harrt die Dichterseele
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Entgegen ihrer Weihenacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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