Hell sprühten des Kamines Flammen

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Betty Paoli: Hell sprühten des Kamines Flammen Titel entspricht 1. Vers(1854)

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Hell sprühten des Kamines Flammen,
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Frisch war die Lampe angefacht,
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Im Kreise saßen wir beisammen
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In einer stillen Winternacht.
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Ein heit'rer Austausch von Gedanken
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Hingaukelnd zwischen Ernst und Scherz,
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Flocht seine duft'gen Blüthenranken
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Um jeden Sinn, um jedes Herz.

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Wir sprachen von der Menschheit Loosen,
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Wann sie den froh'sten Sieg errang,
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Und welche Zeit die schönsten Rosen
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Ihr krönend um die Stirne schlang;
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Wann von der Gottheit Angesichte
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Der Strahlen hellster auf sie floß,
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Wann sie am Quell vom Glück und Lichte
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Den reinsten Labetrunk genoß.

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Und Einer rief: »Mögt ihr noch fragen?
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Seid ihr der Antwort nicht gewiß?
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Es war in jenen heitern Tagen,
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Die Perikles die seinen hieß.
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O Hellas! Land der Heldensöhne!
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Der Kunst geliebtes Vaterland!
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Du hieltst des Lebens Kraft und Schöne
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In deinen Zauberkreis gebannt.

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Da war das Sein noch nicht gespalten
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Und Geist und Körper nicht im Streit,
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Der Stoff war von des Geistes Walten
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Beseelt, veredelt und geweiht!
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Den wir umsonst zu lösen streben,
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Der Zwiespalt zwischen hier und dort,
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Er blieb dir fremd und all dein Leben
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Ein voller, seliger Accord!« –

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Ein Zweiter sprach: »Nicht jenem Alter
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Der Menschheit klagt mein Sehnen nach!
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Dem spätern, wo sie gleich dem Falter,
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Durch ihrer Träume Hüllen brach,
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Wo vor des Kindes armer Krippe
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Sie betend auf die Kniee sank,
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Und von des Menschgeword'nen Lippe
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Das Heil und die Erlösung trank.

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Wo eine fremde Macht, der Glaube,
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Beseligend ihr Herz durchdrang,
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Wo sich dem niedern Erdenstaube
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Ein heil'ger Blüthenflor entrang,
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Wo von dem Strahl der Geistersonne
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Heraufgeführt der Weihetag,
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Wo in dem Schmerz die höchste Wonne
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Und Hoffnung in dem Tode lag!

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Ihr allzufrüh entschwund'nen Zeiten,
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Wie sehnt nach euer'm Friedensglück
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Mein Geist, erschöpft vom Kampf und Streiten
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Sich bang und wehmuthsvoll zurück!
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Da grünte schattenreich der Glaube
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Als Eiche, die gebietend steht –
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Doch unser Denken gleicht dem Laube,
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Das jeder Windeshauch verweht.« –

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Ein Dritter: »Wardst du noch nicht inne,
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Daß Glaube ein erborgter Strahl?
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Für heil'ger gilt in meinem Sinne
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Das selbsterrung'ne Ideal!
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Drum preis' ich jener Zeit Zerwürfniß,
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Wo sich die Menschheit unverzagt
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Ihr tiefstes, flammendstes Bedürfniß,
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Ihr schmerzlichst Missen abgefragt.

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Wo sie in stillen Mitternächten
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Zum Quell selbsteignen Forschens drang,
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Wo kühn sie mit des Zweifels Mächten,
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Wie Jakob mit dem Geiste rang,
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Bis abgestreift die Nebeldecken,
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Umsegelt war das dunkle Riff
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Und sie sich selbst, mit sel'gem Schrecken
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Als göttliche Idee begriff!« –

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Ich aber rief: Sind eure Herzen
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Der Vorwelt sehnend zugewandt,
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Mit meinen Freuden, meinen Schmerzen
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Bin ich an uns're Zeit gebannt!
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Und wie zum Vaterland die Liebe
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Sich nie verlernt und nie vergißt,
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Häng' ich an ihr mit frommem Triebe,
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Die meines Geistes Heimath ist.

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Mag es auch schön're Länder geben
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Und duft'ger blüh'n die fremde Flur,
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Es wurzelt unser wahrstes Leben
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Doch in dem Heimathboden nur.
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So hält mich uns're Zeit umschlungen,
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Die mich, bedingend und bedingt,
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Mit ihrem Hauch so tief durchdrungen,
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Wie sie der meine tief durchdringt.

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Ich bin ihr Kind und nicht ihr Richter!
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In meinen Adern wallt ihr Blut,
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Entbrannt sind meines Geistes Lichter
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Am Widerscheine ihrer Gluth,
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Sie ist an jedem Keim betheiligt,
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Der sich in meiner Brust erschloß,
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Als Mutter ist sie mir geheiligt,
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Und ihr Geschick, es ist mein Loos!

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O mater dolorosa! Thränen
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Verdunkeln deiner Augen Licht,
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Und deinem tiefsten frommsten Sehnen
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Noch ward ihm die Erfüllung nicht,
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Allein geheimnißvolle Zeichen
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Gewahr' ich rings, entzückt und bang,
103
Und Ahnung will mich froh beschleichen,
104
Daß keinem Schooß das Heil entsprang! –

105
So nimm mich hin als dir zu eigen,
106
Mit meines Wesens tiefstem Sinn!
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Laß mich in Wort und Thaten zeigen,
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Daß ich dein Kind, dein treues bin!
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Und mag ich gleich dem Laub zerstieben,
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Das jeder Windeshauch verstreut,
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Der Stamm, der zeugend mich getrieben,
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Er wurzelt in der Ewigkeit! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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