Ein Menschenende

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Betty Paoli: Ein Menschenende (1854)

1
Ich sah dich, wie der wilde Lebensdrang
2
Den Ruf des Weh's von meinen Lippen rang,
3
Wie an des Schmerzaltares nassen Stufen
4
Verblutend du die Gottheit angerufen.

5
Wie dann, als dir die Hilfe ward versagt,
6
Du Erd' und Himmel jammernd angeklagt;
7
Und wie du kraftlos und verzweiflungstrunken
8
Auf deines Glückes Grabmahl hingesunken! –

9
Jetzt hat sich dieß geändert wunderbar!
10
Aus heit'rem Antlitz strahlt dein Aug' so klar,
11
Daß nur, wer selber schritt auf solchen Bahnen,
12
Der milden Ruhe bittren Grund kann ahnen.

13
Ein sorglos Lächeln spielt um deinen Mund,
14
Als wär' die Seele kräftig und gesund;
15
Und also harmlos klinget deine Rede,
16
Als wär' geendigt jede Lebensfehde.

17
So staunt die Welt in dir den Menschen an,
18
Der kühn sein Glück dem Schicksal abgewann;
19
Mein Aug' nur kann in deiner Seele lesen,
20
Daß du so elend bist, wie du's gewesen.

21
Die Ruhe, die aus deinem Angesicht,
22
Aus deines Mundes stillem Lächeln spricht,
23
Ist nicht des Friedens heil'ge Offenbarung:
24
Sie ist der Seele tödtliche Erstarrung.

25
Der letzte Schmerzenschrei, der als Gebet
26
Um Rettung und Erbarmung heiß gefleht,
27
Die letzte Klage ob der Schicksalswunde –
28
Sie waren deines Herzens letzte Stunde.

29
Und was seitdem geschah, ist Täuschung nur,
30
Du lebst auf deines Ich's Ruinenspur!
31
So wenig kann das Sein dich mehr bewegen,
32
Daß du die Mühe scheust, es wegzulegen.

33
So fern, so fremd, so fahl scheint dir die Welt,
34
Daß keine Sehnsucht mehr die Brust dir schwellt,
35
Schon längst erdrückt von qualvollem Entsagen
36
Kannst du vor keinem neuen Leid mehr zagen.

37
So wird durch deine Ruhe selbst mir kund
38
Der ew'ge Schmerz in deines Busens Grund!
39
Und wolltest meinen Ausspruch du verneinen
40
Und stark vor mir wie vor den Andern scheinen

41
So fragt' ich dich – die Frag' ist von Gewicht:
42
Ob man bei dunkel mildem Abendlicht
43
Durch eines Wiegenliedes schlichte Töne
44
Nicht heiße Thränen dir entlocken könne?

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.