O, wäre mir das heitre Loos gefallen

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Betty Paoli: O, wäre mir das heitre Loos gefallen Titel entspricht 1. Vers(1854)

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O, wäre mir das heitre Loos gefallen,
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Das still beglückend andern Frauen fällt,
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In schirmender Beschränkung hinzuwallen
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Durch eines engen Kreises kleine Welt;

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Mein Herz gleich einer Blume zu verschließen,
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Vor jedem Sturm und jedem Weh der Zeit,
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Des Lebens Freuden harmlos zu genießen
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In ahnungsloser Unbefangenheit!

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Doch anders hat sich mein Geschick gewendet,
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Ein Kampfplatz nur war meine Lebensbahn;
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Der Kindheit Blüthenruh ward mir entwendet
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Und hingeopfert einem eitlen Wahn!

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In starrem Zwang verflossen jene Tage,
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In strenge Regeln ängstlich eingeschult,
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Indessen meines jungen Herzens Klage
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Um frische Luft und Sonnenlicht gebuhlt.

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Ich rang dawider, doch es war vergebens,
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Und als ich nun entwachsen jener Zucht,
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Da drang die feindlich finstre Macht des Lebens
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Wild auf mich ein mit ihrer ganzen Wucht.

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Mich schirmte keines Freundes treues Lieben,
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Durch meinen Frost drang keines Herzens Glut,
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Und in die Fremde ward ich fortgetrieben
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Ohn' andre Stütze als den eignen Muth.

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Was ich bedurfte, mußt' ich selbst erringen,
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Auskämpfen selber jeden herben Streit,
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Und drückend lasteten auf meinen Schwingen
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Die schweren Fesseln der Nothwendigkeit.

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Weh Jedem, der in seinem Thun und Lassen
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Dem inneren Gesetz nicht folgen kann!
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Mein Unglück läßt sich in zwei Worte fassen:
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Ich war ein Weib und kämpfte wie ein Mann!

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Daß ihm am Tag der Schlacht die Wehr nicht fehle,
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Erwarb mein Geist sich Schärfe, Kraft und Licht,
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Doch blüthenlos blieb meine ernste Seele –
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Im Waffenkleid pflegt man der Blumen nicht.

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Nur
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Verheißend lag vor mir ein schönes Glück;
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Doch kaum erblüht, sank es, zu Tod getroffen,
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Und eine Wunde nur blieb mir zurück.

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So glitt, fast ungeahnt an mir vorüber
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Des Liebefrühlings träum'rische Gestalt,
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Und trüber ward mein Sinn und immer trüber,
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Mein Herz, gleichwie die Todten, schwer und kalt.

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Und wie vom Hauch der herbstlich scharfen Winde
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Sich rauh verhärtet manch ein zartes Reis:
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So legte sich um mein Gemüth die Rinde
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Des Lebensüberdrusses starr, wie Eis.

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Und nun, da schon mein bess'res Theil im Grabe,
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Da meine Stirn des Zweifels Brandmal trägt,
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Nun, da ich es schon fast vergessen habe,
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Was einst so stürmisch meine Brust bewegt;

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Nun, da im Lebenssande meine Zähren
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Versickert längst, da ich mit stolzem Sinn
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Nichts mehr vermissend, Alles kann entbehren,
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Tritt deine Liebe leuchtend zu mir hin!

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Suchst du denn Rosen unterm Leichentuche,
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Und grünes Laub am blitzzerschellten Stamm?
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Zu spät! der Segen wird an mir zum Fluche –
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Mein Schicksal ist ein andrer Bileam!

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O warum bist du damals nicht gekommen,
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Als ich nach Liebe suchte, nach ihr rief?
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Jetzt kann mir dein Erscheinen nicht mehr frommen,
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Denn meine Sonne steht schon allzutief! –

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Das Weib, das aus den häuslichen Bezirken
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Heraustrat in das brausende Gewühl,
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Mit eigner Hand zu schaffen und zu wirken,
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Gezwungen zu beherrschen sein Gefühl;

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Das, fortgetrieben von den heim'schen Laren,
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Auf mühevoller, ruheloser Flucht,
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Durch rauhe Wirklichkeit gelernt, erfahren,
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Was andre Frau'n zu denken nie versucht;

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Das, wie Ödip, mit unheilvollem Munde
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Des dunklen Räthsels düstre Lösung fand,
75
Vor der die Sphynx des Glaubens sich zur Stunde
76
Verzweifelnd stürzet von dem Felsenrand: –

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Das mag wohl ferner mit erschloss'nen Augen
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Rasch vorwärts streben auf der Bahn zum Licht,
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Zum Forschen, zum Erkennen mag es taugen;
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Allein zum Lieben und zum Küssen nicht!

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Und darum ist's, daß ich von dir begehre:
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Laß mich allein mit meinem Geistesschmerz!
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Der Liebe Lust, der Liebe Grameszähre,
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Sie füllen nicht mein abgrundtiefes Herz!

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Du aber stehst in deiner Jugend Prangen,
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Um welche nie ein trüber Schatten floß,
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Dein Auge flammt, es blühen deine Wangen –
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Drum geh' und suche dir ein bess'res Loos!

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Und denke nicht, daß ich dein frommes Werben
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Hochmüth'gen Sinn's verworfen und verschmäht!
91
Ich sage dir ja nur, was man im Sterben
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Zu allem Glücke sagt: Zu spät! zu spät!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Betty Paoli
(18141894)

* 30.12.1814 in Wien, † 05.07.1894 in Baden bei Wien

weiblich, geb. Paoli

österreichische Lyrikerin, Novellistin, Journalistin und Übersetzerin

(Aus: Wikidata.org)

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