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»solchen Kranz, wie deine Lieb' mir flicht,
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Glaube mir, ach, ich verdien' ihn nicht;
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Läßt mich doch dein flammend Lied erscheinen
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Als der leuchtend Ueberird'schen Einen,
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Der als Götterbild in's Leben ragt,
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Den man betend nur zu lieben wagt.
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O ich weiß, daß deines Lobes Worte
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Wandeln aus wahrhaft'ger Seele Pforte,
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Daß, was Deine Dichterlippe singt,
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Wahr und wirklich dein Gemüth durchdringt:
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Aber Sorge muß mich bang beschleichen,
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Daß die Täuschung endlich wird entweichen,
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Daß, wenn rauher Wirklichkeiten Strahl
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Einst entfärbt dein träum'risch Ideal,
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Der Erkenntnißschmerz dich wird durchbeben:
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Rufen wirst du dann, von Qual durchfleischt:
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Bitter hab' ich ihn und mich getäuscht!
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Und der Mensch wird dir nicht mehr genügen,
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Den im Traum du sahst mit Engelzügen!« –
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»nein, mein Lieb! kein leeres Traumgebild
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Ist's, dem meines Herzens Jubel gilt.
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Nein! ich will dich mit phantast'schem Streben
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Zu den Engelchören nicht erheben
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Nicht mit Ideales Sternenband
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Kränzen deiner schönen Stirne Rand.
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Wenn für dich in tiefer Lieb' ich brenne,
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Ist's, weil ich dein Inn'res ganz erkenne,
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Weil ich treulich folgte jeder Spur
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Vieles ist an mir vorbeigegangen,
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Sieh's an meinen marmorbleichen Wangen,
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An des Auges thränenfeuchtem Strahl,
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Hör's an meiner Stimme Seufzerhall.
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Längst verraut mit dieses Lebens Müh
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Lebe ich kein Sein der Phantasie;
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Darum darfst du meinen Worten trauen,
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Wenn mit Augen, die vor Rührung thauen,
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Dir mein Lied nun innig offenbart,
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Daß dir darum meine Liebe ward,
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Weil ich nimmer fand in Lebens Reichen
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Einen Menschen, der dir zu vergleichen,
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Dessen Herz so rein und unentweiht
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Und so stark blieb in dem Sturm der Zeit;
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Dessen Geist, so kühn und stolz im Wagen,
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So verstand gebrochner Seele Klagen;
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Dessen Huld, ein mild verklärend Licht,
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Den, der sie gewonnen, heilig spricht.
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Könnt' ich nun im Liede Schön'res zeigen,
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Als dir wahr und wirklich ist zu eigen?
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Möcht' ich schmücken dich mit fremdem Schein,
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Da so edle Sonnenstrahlen dein?
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O was könnte Phantasie erfinden,
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Das nicht herrlicher in Dir zu finden?!
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Laß mich drum, mein Freund, zu jeder Frist
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Dich nur treulich schildern, wie du bist!
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Wozu wär' mir auch Gesang gegeben,
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Wenn für dich nicht, du mein liebes Leben?«