101. Das Schwalbenpaar

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Friedrich Leopold Graf zu Stolberg: 101. Das Schwalbenpaar (1811)

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Ein Schwalbenpaar führte der Lenz mir herbei;
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Sie bauten ihr Nest mir über die Thür.
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Wie flogen sie her, wie flogen sie hin,
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Zu holen den Lehm; wie schlugen sie oft
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Mit dem Schnäbelchen an, zu verkitten das Nest!
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Sie verkleibten gar wohl und spündeten zart
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Ihr kleines Gemach und bezogen's mit Flaum;
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Sie legte hinein vier Eier und trug
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Den Jungen wohl früh, den Jungen wohl spät
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Die Speise; nicht Ruhe sie hatte, nicht Rast.
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Das helle Geschrei der hungernden Brut
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Erweckte sie früh, erweckte sie spat;
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Die Fliegen sind schnell, und die Ameisen schwer
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Zu erspähn, und die Piependen fordern so viel!
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Sie fastete selbst, um zu ätzen die Brut;
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Die wuchs nun heran und verlangte noch mehr.
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Da ermattete schier die Mutter und kam
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Mit wankendem Flug, vermochte mit Müh'
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Den Schnabel noch halb zu öffnen, und flog
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Bald wieder auf Jagd, denn Liebe macht stark.
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Sie härmte sich ab mit Kummer und Müh',
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Sie sorgte mit Angst, in dem Neste sei Not,
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Doch hatten vollauf die Jungen; da schlief
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Ein jegliches satt, bis sie weckte der Flug
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Der Mutter, dann schrie wie verschmachtend die Brut,
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Doch waren sie satt und die wachsende Kraft
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Trieb schwellende Kiel' aus dem gelblichten Flaum,
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Den Kielen entwuchs der Fittiche Paar,
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Der Schnabel ward hart und verschnappte schon oft
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Die Fliege, so keck sich dem Neste genaht;
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Nun flogen sie auf zum benachbarten Dach,
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Von dem Dache zum Baum und vom Baume davon.
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Die Mutter kam heim zum verödeten Nest,
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Sie jammerte laut, sie lockte, sie flog
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Vom Nestchen zum Baum und vom Baume zum Nest.
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Sie flatterten hin, sie flatterten her;
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Sie fastet den Tag, sie seufzet die Nacht.
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Ach Schwälbchen, du hast vergessen, wie du
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Die Mutter dereinst verließest, auch sie
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Hat ängstlich geklagt, als die Jungen entflohn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg
(17501819)

* 07.11.1750 in Bad Bramstedt, † 05.12.1819 in Gut Sondermühlen

männlich, geb. Stolberg

deutscher Politiker und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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