Rückblick

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Felix Dahn: Rückblick (1881)

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Seit zwanzig Jahren steht nun unser Reich,
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Und wohl geziemt's, den Blick darauf zu lenken,
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Wie es geworden ist und wie es ist! –

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Was wißt ihr Knaben, selbst ihr Jünglinge,
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Von all' dem Gram, dem Zorn, dem wilden Weh,
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Der immer wieder aufgelebten Hoffnung
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Und ach! dem stets erneuten Hoffnungstod,
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Von der Verzweiflung, welche wechselnd uns,
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Das ältere Geschlecht, jahrzehntelang
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Gequält, genarrt, empört und matt gehetzt!

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Ich denke jenes sonn'gen Februars,
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Da über'n Rhein her so verheißungsvoll
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Der Völkerfrühling zu den Deutschen zog:
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O welche Wonne, welcher Jugendschwung!
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Da schien kein Ziel zu hoch, zu kühn kein Wunsch:

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Und wirklich: über Torheit, Kampf und Wirrsal
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Stieg tröstend auf das alte deutsche Traumbild
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Vom Kaiser und vom Reich! – – Es
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Der Mann, der ihn erfüllen sollte, ach!
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Der träumte
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Der Kaiser aber fehlte! – Und der Däne
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Riß Schleswig-Holstein in sein Joch zurück
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Und als Piratenflagge drohte England
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Der deutschen Flotte Flagge zu verfolgen,
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Und hilflos schien der Zwietracht, Schmach und Ohnmacht
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Für immerdar verfallen unser Volk! – –

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Lang war der dumpfe Schlaf, der Todesschlaf:
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Da horch! Was klingt so hell her von der
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So kriegerisch, ein Weckeruf von Erz?
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Das ist der Klang der preußischen Trompete!
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Bei Gott! Ein Weckruf für das deutsche Volk!
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Und einen neuen Akt der Weltgeschichte
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Verkündet er dem staunenden Europa! –

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Zwar durch des Bruderkrieges dunklen Engpaß
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Bricht Blut und Eisen nun sich furchtbar Bahn
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Und banger Zweifel drückt: »Wird den Besiegten
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Die Wunde der Besiegung je verharschen?
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Wird uns der Fremde einig finden, wenn ...«

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Da horch! Was klingt so hell her
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Das ist der Klang der preußischen Trompete!
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Er ruft zum Schutz des Vaterlands: – und schon
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Antwortet ihm des Bayern Jägerhorn,
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Schon eilt
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Zur Wacht am Rhein. – Und nun wird all' die Torheit
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Der Fürsten und der Stämme Neid und Haß,
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Wird all' die Schuld von sechs Jahrhunderten
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Im Gottesurteil nie erhörter Siege,
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In Schlachtenglut geläutert und gesühnt:
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Auf Straßburgs Münster weht die deutsche Fahne
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Und in dem Prunkgemach des »Königs Sonne«
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Geht Deutschlands Siegessonne leuchtend auf!
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Erstanden ist der Kaiser und das Reich
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Und an die Brust sich sinken die Versöhnten,
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Die Brüder, von den Alpen bis zum Belt! – –
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Und nun? Und heut'? Ach, in die Gruft gesunken
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Sind Kaiser Barbablanca und sein Sohn!
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Nur Kanzler noch und Marschall blieben uns
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Als große Zeugen einer großen Zeit.

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Und aus dem Volk, das so Gewaltiges
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Erlebt, erschallt das Frevelwort der Schmach:
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»auch Deutschlands Siegessäulen müssen fallen!«
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Und nicht nur die Germania dort von Erz, –
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Nein, die lebendige Germania,
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Geschändet soll sie sein und ausgetilgt, –
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Zerstört, was jedem Deutschen heilig war,
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In Haus und Herd, im Wald wie am Altar,
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Ja, was von Welschen uns und Slawen trennt!
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Ein ekler Brei, »die Menschheit« mißgenannt,
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Soll unser deutsches Volkstum uns ersetzen!

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Und andre keifen: »So! Nun haben wir
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Das viel ersehnte Reich: und sieh', es bringt
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Uns neue Lasten nur und Müh' und Arbeit!«

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O ihr Vergeßlichen! Ihr Undankbaren!
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Ist euch entfallen schon die Zeit der Schmach?
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Soll euch erst neues Unheil wieder lehren,
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Der Turko, der Kosak, der Petroleur,
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Was ihr gewannt an Kaiser und an Reich?

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Ihr andern aber, denen noch das Herz
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Beim Namen Deutschland höher schlägt, die ihr
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Ein Vaterland noch kennt und eine Pflicht
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Und noch Begeisterung für deutsche Ehre, –
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O, leget in den Schoß die Hände nicht,
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Sprecht nicht: »Nun steht das Reich: nun nehm' der Kaiser
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Das Reich in acht!« – Kein Feldherr ohne Heer
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Vermag zu siegen:
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Seid dieses Feldherrn Heer. So schließt die Reihn,
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Und alle eure Kräfte wendet auf:
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Nicht Einer fehle und nicht Einer wanke!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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