Die Schlacht von Sedan

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Felix Dahn: Die Schlacht von Sedan (1873)

1
Endlich erreich' ich dich,
2
Endlich ergreifst du mich,
3
Lange gesuchte,
4
Wochenlang durch die Nächte ersehnte,
5
Dröhnende, heilige,
6
Männermordende Feldschlacht.

7
Hoch in den Lüften
8
Die weißlichen Wölklein, –
9
Nicht sind's des Septembers
10
Nebelgespinste: –
11
Siehe, sie bersten:
12
Das sind des Feindes
13
Todesgeschosse!
14
Und das Getöse: –
15
Nicht von Gewittern: –
16
Hell ist der Himmel:
17
Das ist der Donner,
18
Der herrliche Schlachtruf
19
Der deutschen Geschütze.

20
Erjauchze, mein Herz, nun:
21
Dein Sehnen von Kind auf,
22
Dein Wunsch in den heißen
23
Schmerzen des Mannes, –
24
Alles erfüllt sich:
25
Denn es umtoset dich
26
Schrecklich und herrlich,
27
Vom Heer Alldeutschlands
28
Sieghaft geschlagen,
29
Die heilige Schlacht!

30
Auf und hinein!

31
Dort, von den Höh'n des
32
Ragenden Hügels,
33
Muß sich das ganze
34
Kampfesgefild den
35
Blicken erschließen. –
36
O Deutschland!
37
Welch' Schauspiel!
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Rings mir zu Füßen,
39
Zur Rechten, zur Linken,
40
Da wallet und woget
41
In schimmernden Scharen
42
Ringend die Streitmacht
43
Deutschlands und Frankreichs!

44
Vor mir im Talgrund
45
Windet der Fluß sich,
46
Die Maas, durch die Nied'rung:
47
Dort an den Ufern,
48
In glitzernden Gliedern,
49
Das sind Franzosen:
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Fußvolk und Reiter
51
Und brüllend Geschütz.

52
Und aus der Mitte
53
Hebt sich die Feste,
54
Mit Toren und Türmen,
55
Mit Zinnen und Zacken
56
Stachlig zu schauen:
57
Ein feuerspeiender,
58
Kauernder Wurm.

59
Aber umher auf
60
Waldigen Höhen
61
Rings in dem Halbkreis
62
Von Süden, von Osten
63
Und fern her von Westen
64
Die dunkelnden Massen: –
65
Das sind die Unsern,
66
Das sind die Deutschen!
67
Siehe, sie stoßen
68
Herab von den Höhen,
69
Gleichwie ein Adler
70
Mit rauschenden, schwarzen
71
Schwingen und Fängen
72
Zu würgen im Tale
73
Den gleißenden Wurm.

74
Da, hart mir zur Rechten,
75
Auf rasselnden Rädern
76
Rollt's an den Höh'nrand:
77
»halt! Halt, Batterie!«
78
Das sind meine Bayern:
79
Den Führer erkenn' ich:
80
Oft sah ich sie ziehen
81
Durchs friedliche Maintal:
82
Jetzt find' ich sie wieder
83
In tosender Schlacht.

84
»zielt dort auf das Dorf mir,
85
Dort, dicht vor der Festung:
86
Da seht ihr in Masse
87
Geschart die Franzosen:
88
Dort droh'n sie den Durchbruch:
89
Doch sie dürfen nicht durch!«

90
Und neben mir Blitz und
91
Knall aus dem Rohre:
92
Wie gellt mir das Ohr!
93
»seht nur, wir müssen sie
94
Mächtig erzürnen:
95
Sie richten auf uns nun
96
Ergrimmt die Geschütze:
97
Recht so! Da werden
98
Dort unten die Unsern,
99
Die wackeren Jäger,
100
Links von der Straße
101
Granatenfrei.«

102
Horch, da erzischt es
103
Sausend und schwirrend
104
Hoch mir zu Häupten:
105
Aber unschädlich
106
Zerschellt das Geschoß,
107
Dort nur die Spitze
108
Der Tanne zerspellend.
109
Horch, wieder! Und wieder!
110
Das fehlte nur wenig:
111
Deutlich den Windstoß
112
Fühlt' ich der sausenden
113
Schwirregewalt:
114
Sei mir gesegnet
115
Ob meinem Haupte,
116
Weihender, heilender,
117
Heiliger Hauch! –

118
Da rechts in der Ferne,
119
Da flammt's aus dem Flecken
120
Flackernd empor:
121
Rauch, Feuer und Lohe
122
Und glühender Qualm:
123
»da brennet Bazeilles!
124
Da brennet auch Balan!
125
Dort fechten die Unsern
126
Schwerringend seit Stunden,
127
Bergbayern zumal.«

128
Horch auf, was da knarret
129
Und schnarret und rasselt!
130
Das sind nicht Gewehre!
131
Nie hört' ich's zuvor!

132
»mitrailleusen sind's,
133
Wohl viele Batt'rien.
134
Nun, endet das nicht?«
135
Drei lange Minuten!
136
Der Braven gedenkend,
137
Erbleicht' ich mit Frösteln:
138
Es erlag wohl da unten
139
Der Mordmaschine
140
Manch freudiger Schütze,
141
Dem einst auf dem Bergpfad
142
Im heimischen Chiemgau
143
Die Hand ich gedrückt.

144
Doch herab jetzt vom Hügel:
145
Denn links nun entlodert
146
Noch wilder und wüt'ger
147
Die wogende Schlacht.

148
Sieh, verstört aus der Stille
149
Der friedlichen Dörfer
150
Weißer Tauben
151
Verschüchterte Schwärme!
152
Sieh, wie sie ratlos
153
Flattern und flüchten
154
Von links nach rechts
155
Weit über das Tal hin
156
Hoch durch den Himmel!

157
Dort, jenseit des Flusses,
158
An steilem Gelände
159
Aufsteigen drei Dörfer
160
Mit steinernen Mauern:
161
Ige und Illy
162
Und das bergige Floing:
163
Da wimmelt und wogt es
164
Von roten Hosen;
165
Sie schützen, noch uner-
166
Schüttert, die rechte,
167
Die westliche Flanke:
168
Sie halten die Höh'n
169
Und die Häuser und Höfe:
170
Sie liegen in Gärten
171
Und Gräben gedeckt.
172
Da sammelt sich unten
173
Am Fuße des Bergs
174
Beim Schlage der Trommel
175
Die schwärzliche Schar:
176
Siehst du die Fahne
177
Schwarzweiß flattern?
178
Das sind die Preußen!

179
Sie trommeln zum Sturm!
180
Wie? Empor diesen Berghang?
181
Den steinigen, steilen?
182
Den nackten, den kahlen?
183
Kein Baum, kein Busch!
184
Entgegen dem tausend-
185
Schlündigen Tode?
186
Mir gerinnet vor Grauen
187
In den Adern das Blut!

188
Sie stürmen, bei Gott!
189
G'radauf! G'radan!
190
Entsetzen! Wie rollt das
191
In Knattern und Rasseln!
192
Rings Feuer und Blitze
193
Und Pulverdampf.
194
Gott, wie bang, wie lang!
195
Da verzieht sich der Rauch:
196
O Jammer und Wehe!
197
Wie besät liegt der Berg nun,
198
Der nackt war und leer war,
199
Mit schwarzen Gestalten:
200
Das sind die Gefall'nen,
201
Die tapferen Stürmer!
202
Wie viele! O wehe!
203
Ich seh' sie sich winden
204
In zuckender Qual.

205
Und die Fahne? – Zurück?
206
O wehe, sie weichen
207
Den Hügel herunter!
208
Gescheitert der Sturm!
209
Und sieh, – o Verderben! –
210
Aus Häusern und Höfen,
211
Aus Gräben und Gärten
212
Brechen verfolgend,
213
Nacheilend, nachschießend,
214
Die Halde herab
215
Die Feinde hervor:
216
In wenig Sekunden
217
Können sie hier stehn
218
Und durchbrochen wäre
219
Das deutsche Heer! – – –
220
Und zum erstenmal mir
221
Kam der Gedanke:
222
Wenn heute der Sieg uns
223
Urplötzlich versagte?
224
Dann – – doch nein! O Triumph! Sieh
225
Wie hurtig sie hasten,
226
Wie rasch sie da rennen,
227
Die roten Hosen,
228
Zurück und den Hügel
229
Wieder hinan!
230
Sie lösen die Glieder!
231
Sie werfen die Waffen
232
Weit hinweg:
233
Umgangen, gefangen!
234
Denn von links aus dem Walde
235
Mit hellem Hurra,
236
Mit mächtigem Marsch! Marsch!
237
Mit fliegenden Fahnen
238
Da brechen in Scharen
239
Die Preußen hervor!
240
Sieg! Heil euch, ihr Helden!
241
Durch Ige und durch Illy
242
In das flammende Floing!
243
Schon halten sie hoch
244
Auf dem Kamme des Hügels,
245
Schon drohn sie Geschütze
246
Zu fassen und Fußvolk,
247
Gespann und Geschirre,
248
Bevor sie entrinnen – –!

249
Kein Ende! Welch' neues,
250
Gewaltiges Schauspiel!

251
Lange gezogener
252
Reiterfanfaren
253
Freudiger Ruf
254
Erklinget von fern:

255
Und herab dort vom Hügel
256
Und aufwärts den zweiten,
257
Wo halten die Unsern,
258
– Welch' rasend Beginnen! –
259
Jagen, den Rückzug
260
Der Ihren zu retten,
261
Französische Reiter-
262
Geschwader heran!
263
Treffliche, tapfre
264
Rühmliche Reiter!
265
Hei, glitzernder Küraß!
266
Hei, ragende Lanzen
267
Und bunte Husaren
268
Und Jäger zu Pferd,
269
Wohl fünf Regimenter.
270
Kaum seh' ich die Preußen
271
Im Pulverdampf.

272
Doch horch! welche Stille!
273
Auf wenige Schritte noch
274
Lassen sie rasen
275
Die Reiter heran: – –
276
Da, Salve nach Salve!
277
Salve nach Salve!
278
Und niedergeschmettert,
279
Wie Ähren vom Hagel,
280
Wie Garben vom Schnitter,
281
Bevor Bajonett sich
282
Und Säbel gekreuzt,
283
Stürzen sie nieder,
284
Die Reiter, die Rosse,
285
In Scharen, in Reihen,
286
Dicht, wie sie geritten,
287
Und abwärts den Hügel
288
Zurück mit Entsetzen
289
Jagt, was sich gerettet
290
Von fünf Regimentern!

291
Sie fielen für Frankreich!
292
Doch Heil euch, ihr Helden!
293
Euer soll ehrend
294
Deutschland gedenken!

295
Und nun unaufhaltsam
296
Wogt das Gewirre
297
Von Geschützen und Fußvolk,
298
Dahinter die Reiter,
299
Den rettenden Toren
300
Der Festung zu.

301
Nicht lange mehr rettend!
302
Denn schon aus den Dächern
303
Bricht flackernder Brand,
304
Und in den Straßen
305
Des Städtleins staut sich
306
Chaotisch' Gedräng,
307
Und die deutschen Granaten
308
Schlagen hinein.

309
Und fern auf den Hügeln
310
Im Norden auch endlich
311
Fahren, wo lang
312
Mitrailleusen geknarret,
313
Deutsche Geschütze
314
Donnernd nun auf:
315
Dort, wo die Wälder
316
Belgiens dunkeln,
317
Reichen sich Preußen,
318
Reichen sich Sachsen,
319
Allumklafternd
320
Den Feind, die Hände:
321
Dort bei Givonne
322
Schließt sich der Ring:
323
Siehe, da stürzen
324
Die letzten Franzosen
325
Verzweifelnd ins Tal sich,
326
Verfolgt von dem Sturmschritt
327
Der preußischen Garde!

328
Jetzt ununterbrochen
329
Rollet der Donner
330
Von tausend Kanonen
331
Aus allen Wäldern,
332
Von Hügeln und Höhn:
333
Auf allen Seiten
334
Des Tales zugleich
335
Blitzt es und kracht es
336
Und dröhnet und schlägt:
337
Wie wenn sich im felsigen
338
Kessel des Hochlands
339
Zwei Wetter verfingen
340
Und unaufhörlich
341
Gegeneinander
342
Rollen und grollen
343
Und Felsen und Berge
344
Hallen es nach: –
345
So donnert und dröhnt es
346
Von allen Seiten:
347
Es bebet die Erde,
348
Es zittert die Luft:
349
So ward er geschmiedet
350
Mit Blitz und mit Donner,
351
Der Schicksalsring.

352
Es neigt sich die Sonne.
353
Ich suche die Freunde.
354
Dort, hoch auf dem Hügel,
355
Der auf Frênois schaut,
356
Da halten versammelt
357
Viel Führer und Fürsten: –
358
Auf scharrendem Rappen
359
Ein hoher Greis: –
360
Er lüftet den Helm: –
361
Das ist der Preußen
362
Ehrwürdiger König.

363
Aber mir war, als
364
Säh' ich, geformt aus
365
Den goldenen Strahlen
366
Der sinkenden Sonne,
367
Ob seinem Haupte
368
Schimmernd schweben
369
Hochgewölbt
370
Eine Kaiserkrone. –

371
Und als am Abend
372
Wir die Gespanne
373
Der Wagen entschirrten,
374
Dort auf des Städtleins
375
Donchéry Markt,
376
Fragte wohl sorgend
377
Einer den andern:
378
»heute geschlagen
379
Zwar ist der Feind:
380
Aber ob morgen
381
Nicht sich erneut das
382
Verzweifelte Ringen?
383
Ob nicht der Kaiser,
384
Ob nicht sein Marschall
385
Morgen von Metz her
386
Zum Entsatze der Seinen
387
Rächend heranrückt?
388
Denn, wo sie weilen,
389
Kaiser und Marschall,
390
Keiner ja weiß es.«

391
Horch, da erschallt von
392
Der Brücke der Maas her
393
Freudiges Rufen:
394
Und auf den Marktplatz,
395
Wo sich der Deutschen
396
Wohl Tausende drängen,
397
Sprenget ein Reiter,
398
Ein roter Husar:
399
Hält in der Linken
400
Zügel und Mütze,
401
Schwingt in der Rechten
402
Ein beschriebenes Blatt,
403
Moltkes, des Feldherrn,
404
Tagesbefehl:
405
»hurra, Kameraden,
406
Stimmt ein,« rief der Reiter:
407
»gefangen der Kaiser,
408
Mac Mahon, der Marschall,
409
Gefangen das ganze
410
Französische Heer!«

411
Da stieg in die Lüfte
412
Ein Jubeln, ein Jauchzen,
413
Wie ich es nimmer
414
Gehört noch geahnt:
415
Mancher umarmte
416
Mit Tränen den Nächsten.
417
Ich aber drückte,
418
Schweigend und schauernd,
419
Fest auf das pochende
420
Herz die Hand mir
421
Und ich dachte:
422
»nun magst getrosten
423
Mutes du sterben,
424
Da du geschaut hast
425
Diesen Schlachttag,
426
Da du erlebt hast
427
Diese Stunde.
428
Heil, mein Deutschland.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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