Saint Privat

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Felix Dahn: Saint Privat (1873)

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Heiß war der Augusttag: heißer doch
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Entbrannte das Ringen der Mordschlacht noch,
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Der grimmigen Schlacht, die dort geschah
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Auf den kahlen Hügeln von Saint Privat
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Und den Steilweg hinan von Sainte Marie.
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Untreffbar, unsichtbar liegen sie,
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Die Franzosen, von steinernen Mauern gedeckt,
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In drei Reihen von Schützengräben versteckt.
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Und der ragende Kirchhof mit steinernen Zinnen, –
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Wer will im Sturm diese Burg gewinnen,
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Im Lauf über schutzlos offnes Gelände
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Gegen geschartete Steinbauwände? –

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Und es schlägt halb sechs in Sainte Marie:
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Da! Die preußischen Trommeln, wie rasseln sie!
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Wie über das schweigend harrende Feld
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So mahnend der schrille Hornruf gellt:
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»hinein in das blutige Abendrot!«
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»hinein in den ehernen Schlachtentod!«
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Die furchtbar ernsten Töne, sie laden
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Zu stürmen, zu sterben drei Gardebrigaden!
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Das war ein Ringen todtrotzender Helden,
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Wie von den Burgunden die Sagen melden.

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Hinauf! Hinan! Die Führer zu Roß,
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Sie erreicht am leichtsten des Feindes Geschoß,
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Des ungeseh'nen, im Pulverdampf:
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Das ist nicht mit Menschen ein Waffenkampf:
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– Kaum, selten, hinter den Scharten der Mauern,
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Siehst du ein rotes Käppi lauern: –
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Nein, feuerspeinde Berge schmettern
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Ihre Lava in flammenden Wettern.
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Da kracht die Granate, es pfeifen und zischen
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Die Chassepotkugeln und dazwischen
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Der Mitrailleusen knarrender Ton! –
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Schwarz deckt sich mit Toten die Halde schon!
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Die Pappeln am Wege, wie sind sie zerfetzt!
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Da fällt die Fahne der Dreier! – Doch jetzt
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Auf rafft sie der Hauptmann mit eigner Hand! –
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Er stürzt! – Da faßt sie der Leutnant
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Und trägt sie vorwärts: »Nur drauf und dran!
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Wart', wenn wir sie haben Mann an Mann!«

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Doch weh! Was ist das? Welch' Zeichen erschallt?
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Um Gottes willen! Ja: das ist »Halt!«
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Wie? Halten?
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Drauf das Blei wie Hagel herniederfällt?
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Es stirbt sich freudig im Vorwärtsjagen,
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Reißt das Blut dich fort zu rasendem Wagen:
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Doch am Boden kauern und warten still,
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Ob der Tod denn noch immer nicht kommen will, –
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Das ist zu viel! – – –
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Sieh, aus Saint Privat,
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Was glitzert und blinkt uns entgegen da?
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Französische Reiter! Ei, hochwillkommen!
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Das ist doch ein
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Die Gäule! – Hei, kehren sie um in Eil',
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Die bunten Chasseurs von du Barail! –

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Aber was hilft's? Die Schlacht, sie steht!
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Und wehrlos werden wir niedergemäht!
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Verderben blitzet der Kirchhofturm! –
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Und

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Die Sachsen! Die Sachsen! Wo bleiben sie nur?
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Ihr Kronprinz hat uns sein Wort gegeben:
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Das löst er ein oder läßt sein Leben!
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Sie
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Doch in Sainte Marie schlägt's halb sieben Uhr,
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Und kommen sie nicht oder kommen zu spät, –
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Der Stern Alldeutschlands hier untergeht!

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Dies Warten, es ist nicht länger zu tragen!
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Laßt auf uns springen und vorwärts jagen
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In den sichern Tod und das Verderben,
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Aber nicht hier liegen und wehrlos sterben!

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O Sachsen! O Sachsen! Wo bleibt ihr nur?

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Da! – Da kracht es herüber von Roncourt!
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Da stärker! Und näher! Und schon ganz nah!
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Gott! Dank dir im Himmel! Die Sachsen sind da!

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»ja, die Sachsen sind da!« ruft der Adjutant,
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Der, die Zügel verhängt,
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Kommt herangesprengt.
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»ihr Kronprinz hat mich zu euch gesandt:
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Sie trieben den Marschall Canrobert
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Aus dem brennenden Roncourt vor sich her.

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Sie hielten ihr Wort mit deutscher Treue!
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Nun, ihr preußischen Garden, zum Sturm aufs neue!
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Springt auf vom Boden! Die Rache ist nah'
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Für all' das Schlachten, das euch geschah.
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Zum Sturme! Zum Siege! Mit lautem Hurra
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Zum Sturm – mit den Sachsen! – auf Saint Privat!«

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Und als sie sich trafen nach grimmem Morden
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Die Preußen von Westen, die Sachsen von Norden
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Im eroberten Kirchhof von Saint Privat, –
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Da sind in Feuer und Blut die Sachsen
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Und Preußen zu Brüdern zusammengewachsen!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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