Epistel

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Felix Dahn: Epistel (1858)

1
Aus dem friedlichen Dorf und dem Haus, von Reben umkleidet,
2
Send' ich dir, trauter Genoss', einen bukolischen Gruß.
3
Zwar nicht ist uns vergönnt, so gewinnende Briefe zu schreiben,
4
Wie sie die Römer gesandt aus der Campagna zur Stadt,
5
Wie sie Horaz, der Schalk, an Bandusias Brunnen ersonnen
6
– Noch in seinem Gedicht rieselt ihr Silbergewog –
7
Oder von Mantua einst sie der edle Vergilius sandte,
8
Reich mit dem höchsten Pomp römischer Rede geschmückt,
9
Daß, wenn August sie las, er vergaß der beherrschenden Künste: –
10
Solches zwar ist versagt –: rauher ist Boden und Sinn.
11
Nicht ragt glänzend und rund mir von thrakischem Steine die Villa
12
Und die Charitinnen nicht stehen im Atrium mir,
13
Nicht, von Platanen bedacht, dehnt weit sich die sand'ge Palästra:
14
Nicht aus staubigem Schlauch wird mir Falerner geschenkt:
15
Nicht umspület das Haus mit der sanften ausonischen Welle,
16
Bis in das dienende Meer waglich gemauert, das Bad:
17
Hart ist unser Geschlecht und die alabasterne Glätte
18
Edelster Formengewalt weigert sich unserer Kunst:
19
Horch, der Hexameter selbst, wie er seufzt in der Fessel des Deutschen!
20
Ach, der Verwöhnte verlangt reichere Tonmelodie.
21
Aber ein Anderes ward den unsträflichen Söhnen des Nordens:
22
Ahnungsvollerer Reiz atmet in unsrer Natur:
23
Wann sich, wie jetzt, die Sonne geneigt und die liebliche Dämm'rung
24
Langsam den Schleier zieht über das Abendgefild,
25
Wann der kühlere Wind an der Buchen Wipfel und Tannen
26
Lieblichen Rauschens rührt, wann aus dem Erlengebüsch
27
Flötend der innige Ton der melodischen Amsel hervorklingt
28
Und vor dem braunen Gehöft, unter dem Giebelgebälk,
29
Vor der offenen Tür, auf der Holzbank, sitzen die Leute,
30
Plaudernd in Abendruh: hier der gebogene Greis,
31
Dort das blühende Weib, auf den kräftigen Armen den Säugling,
32
Während der blonde Bub schnitzelt am hölzernen Schwert,
33
Frisch, krauslockig und froh, mit den blauen, den offenen Augen,
34
Blau, wie dem Römer sie einst kimbrische Schrecken geblitzt, –
35
Aber am Brunnenrand dort, unter dem alten Holunder,
36
Blickt in das Ährenfeld sinnend der Vater hinaus: – –
37
Freund, wer solches geschaut, nicht schämt er sich unseres Volkes
38
Und in bewegterem Gang schlägt ihm gehoben das Herz.
39
Und er gedenkt mit Stolz an die rühmlichen Taten der Väter:
40
Denkt, wie germanischer Geist höhere Flüge gewagt,
41
Dunklere Tiefen erforscht und weitre Gebiete durchmessen,
42
Als ein anderes Volk. – Und es erschwingt sich der Mut
43
Aus der unsäglichen Not zu der Hoffnung schönerer Zukunft:
44
Denn der gediegene Wert zwinget am Ende das Glück:
45
Und er erschaut im Gemüt, wie ein waffengewaltiger Kaiser
46
Wieder am rauschenden Rhein pflanzet des Reiches Panier. – –
47
Zwar nicht solches geziemt dem idyllischen Gruße vom Lande,
48
Aber vergib dem Freund, welchen, wohin er entflieht,
49
Treu wie sein Schatte verfolgt um sein schmählich entzeptertes Deutschland,
50
Um sein zerrissenes Volk ach! das unendliche Weh. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.