Der Sänger

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Felix Dahn: Der Sänger (1873)

1
Es zogen einst aus Syrakusäs Toren
2
Drei edle Herrn in stattlichem Geleit:
3
Der eine, fern im Schweizerland geboren,
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Trug Waffenschmuck und blankes Stahlgeschmeid:
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Siziliens König hat er zugeschworen,
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Mit Schweizertreue hält er seinen Eid;
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Groß war sein Ruhm: im ganzen welschen Land
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Ward er der tapfre Kapitan genannt.

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Jetzt hat sein König ihn zu sich beschieden
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Nach seinem Sommerschloß zu Avola,
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Daß er ihm helfe, Herrscherpläne schmieden,
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Denn Aufruhr stammt im Land noch hie und da:
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Es üben wilde Scharen noch im Frieden
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Das blut'ge Recht des Krieges, und ganz nah
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Der Hauptstadt selbst haust eine Räuberbande
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Und schreckt mit Mord und Plünderung die Lande.

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Denn immer noch durch ganz Italien lodert
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Der Guelphen und der Ghibellinen Streit,
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Ob längst der Hohenstaufen Stamm vermodert,
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Die Kaisereiche deutscher Herrlichkeit,
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Sie sank dem Blitz des Vatikans: – doch fodert
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Sie Totenopfer noch in später Zeit,
23
Und mancher tapfre Ritter in Sizilien
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Gedenkt noch Konradins und flucht den Lilien.

25
Drum hat den zweiten auch von jenen Dreien
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Der Fürst zu sich nach Avola gerufen:
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Denn seiner Herrschaft will er Gründe leihen
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Und durch Gesetz und Recht des Thrones Stufen,
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Die blutbespritzten, heiligen und weihen.
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Der Anjou Macht, die mit Gewalt sie schufen,
31
Sei von Magister Cosimo der Welt
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Als durch das Recht begründet dargestellt.

33
Denn keiner war von Welschlands Rechtsgelehrten
34
Dem alten Kosmus an Gelahrtheit gleich:
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Des Kodex, der Pandekten feinste Fährten,
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Sie waren ihm bekanntes Heimatreich;
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Als Meister ihn Bolognas Schulen ehrten,
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Aus England, Spanien, aus dem deutschen Reich
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Ging man ihn oft um Rat und Schiedspruch an:
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Man hieß ihn nur den zweiten Ulpian.

41
Der dritte Reisende, Signor Sacchiere,
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Der reichste Kaufherr von Amalfi war.
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Es trugen seine Schiffe sieben Meere,
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Ihm bot Arabien Gold und Perlen dar,
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Und jetzt lacht ihm Gewinn zugleich und Ehre:
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Sein König, sonst ein Feind der Bürger zwar,
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Bat ihn um hunderttausend Goldzechinen –
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Als Pfand dafür soll halb Sizilien dienen.

49
So zogen frohgemut die Weggenossen,
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Und jeder dachte still in seinem Sinn:
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»in Avola, da muß mein Glück ersprossen,
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Weil ich dem König unentbehrlich bin;
53
Nun gilt's, aus seiner Gnade, klug entschlossen,
54
Zu pressen allen möglichen Gewinn,
55
Nun gilt es, diese Stunde wohl zu nützen:
56
Ein ganzes Leben läßt darauf sich stützen.«

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Und es begann der tapfre Kapitan:
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»ihr werten Herrn, wenn wir es recht bedenken,
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Wir drei, die hier vereinet Eine Bahn,
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Wir sind es, die den Gang der Dinge lenken:
61
Die ganze Welt, uns ist sie untertan, –
62
Das Schwert, das Geld und das gelehrte Denken,
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Sie sind allmächtig: – alles andre Treiben
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Ist Spiel und sollte besser unterbleiben.«

65
Er sprach's und drehte seinen krausen Bart,
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Und an die Hüfte stemmt' er stolz die Rechte.
67
Zwar sein Gedanke war noch andrer Art;
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Doch hätt' er ausgesprochen, wie er dächte,
69
Es kränkte die Genossen seiner Fahrt: –
70
Er dachte still: »Das Schwert nur ist das Echte;
71
Dir, Wuchrer, nicht und dir nicht, Federheld,
72
Dem Krieger nur gehört die ganze Welt.«

73
Mit feinem Lächeln sprach im Samttalare
74
Magister Cosimus und nickt' ihm zu:
75
»wie schön, daß sich bei Euch die Einsicht paare
76
Mit Kriegsmut und Bescheidenheit dazu!
77
O Kapitan, Ihr trafet ganz das Wahre.«
78
Doch dacht' er still: »Du dummer Landsknecht du,
79
Das sieht dir gleich, die hohe Wissenschaft
80
Gilt dir wie schnödes Geld, wie plumpe Kraft.«

81
»wie selten wird,« so schmunzelte Sacchiere
82
Und klirrte mit der Börse, die er trug,
83
»von Eurem Stand dem Kaufmann so viel Ehre,
84
Der nicht wie ihr so stark, wie ihr so klug!« –
85
»wenn ich daheim nur in Amalfi wäre,«
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– Dacht' er – »und nur der Friede fest genug, –
87
Ich wollte dir die Wahrheit zeigen besser,
88
Du Bücherwurm, und dir, du Eisenfresser.«

89
Nach solchen rückhaltlosen Freundesworten
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Verfolgten still sie wieder ihre Pfade.
91
»zum Herzog macht mich seiner Schlachtkohorten«
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– So denkt Martell – »gar bald des Königs Gnade.« –
93
»nur gegen Zollfreiheit in allen Porten
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Erschließ' ich ihm die goldgefüllte Lade« –
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Sacchiere sinnt, und Cosmus hofft daneben:
96
»zu seinem Kanzler muß er mich erheben.«

97
Indes die drei so stolze Plane sinnen,
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Laßt uns des Kaufherrn schönes Kind betrachten,
99
Giulietta, das Gespiel der Charitinnen,
100
Auf deren Wangen Reiz und Jugend lachten;
101
Das schöne Haupt, gehüllt in feines Linnen,
102
Das schwarze Locken voll und schwer umnachten:
103
Im Auge, das die langen Wimpern säumen,
104
Liegt träumerischer Glanz und glänzend Träumen.

105
Der Vater will sie stolz zu Hofe führen,
106
Als seine schönste Perle dort sie zeigen
107
Und sich den Edelsten zum Eidam küren,
108
Denn ihrer Schönheit wird sich alles neigen.
109
Doch sie scheint stolze Hoffnung nicht zu rühren,
110
Sie bleibt gehüllt in knospenhaftes Schweigen
111
Und läßt nur manchmal in die blauen Weiten
112
Die unbestimmt verlornen Blicke gleiten.

113
Als so der Zug erklommen einen Hügel,
114
Da tat sich auf ein paradiesisch Tal.
115
Ein helles Bächlein, wie ein Silberzügel,
116
Umzog des Berges Rücken, lieblich schmal;
117
Hier flog der Schmetterling mit buntem Flügel,
118
Hier standen Frühlingsblumen ohne Zahl:
119
Wildrosen hielten hier und Oleander
120
Und Lorbeer holde Zwiesprach miteinander.

121
Und einen Jüngling sah mit langen Locken,
122
Das Haupt entblößt, man in dem Tale wandeln.
123
Bald stand er vor des Agley Purpurglocken,
124
Die zarten Blüten brach er bald der Mandeln,
125
Und bald der Myrte duft'ge Silberflocken;
126
Um Ziel und Weg schien ihm sich's nicht zu handeln.
127
Bald blieb er stehn, der Lerche Lied zu lauschen,
128
Und bald am Bach dem leisen Wellenrauschen.

129
Die Laute, die er trägt, sie ist mit Rosen,
130
Mit wildem Weinlaub ist sein Haupt bekränzt,
131
In seinem Haar die leisen Lüfte kosen,
132
Kein Schwert, kein Gold an seinem Kleide glänzt.
133
Nun greift er mit der Hand, der becherlosen,
134
Ins kühle Naß: – jedoch ihm wird kredenzt:
135
Denn eine Muschel, rein und silberhelle,
136
Als schönsten Becher spült ihm zu die Welle.

137
Mit stillem Staunen hat Giulietta lange
138
Verfolgt des Wandrers wundersam Gebaren;
139
Sie sah ihn becherlos am Uferhange
140
Und sieht nun den Pokal, den perlenklaren.
141
Sie klagt von Durst: – es glühet ihre Wange: –
142
Der Vater winkt: – denn edle Weine waren
143
Von Zypern und Salern im Lederschlauche
144
Verwahret zu der Reisenden Gebrauche.

145
»nein,« spricht Giulietta, »Wein will ich nicht trinken,
146
Mich dürstet nach dem klaren Waldesquell
147
Dort unten, wo die wilden Rosen winken.«
148
Und eh' der Vater ruft: »Wohin so schnell?«
149
Fliegt auf dem Zelter schon, dem allzu flinken,
150
Hinab die Tochter an das Bachgefäll.
151
Der Jüngling, der am Uferhange kniet,
152
Urplötzlich all' die Schönheit vor sich sieht.

153
Er hält die Hand vors Auge wie geblendet,
154
Und aus der Hand sinkt ihm die Laute leis';
155
Sie schweigen beide: höchste Wonne spendet
156
Gott nur um eines süßen Schreckens Preis.
157
Sie deutet auf das Bächlein buntgerändet
158
Und auf die Muschelschale perlenweiß.
159
Er füllet sie und beut sie dar mit Schweigen,
160
Sie aber trinkt mit anmutvollem Neigen.

161
Rasch war, erstaunt ob Giulias kühnem Wagen,
162
Der ganze Reisezug gefolgt zumal,
163
Und ehe sie den Dank ihm konnte sagen –
164
Denn nur ihr Auge sprach mit sanftem Strahl –,
165
Vernahm man schon des Vaters Stimme fragen:
166
»wer seid Ihr, Herr? Wie kommt Ihr in dies Tal?!
167
»was Euer Stand?« rief der Magister herbe,
168
Und barsch der Kapitan: »Was dein Gewerbe?«

169
Mit einer träumerischen Handbewegung
170
Der Jüngling aus der Stirn die Locken strich;
171
Er senkt den Blick in sinnender Erregung,
172
Er schweigt: – er denkt, o Giulia, nur dich!
173
»nun, Herr, was braucht's da langer Überlegung?
174
Ihr wißt doch, wie Ihr heißet, sicherlich?
175
Die Antwort, dächt' ich, braucht kein Vorbereiten!«
176
Der Jüngling aber griff nun in die Saiten:

177
»zu Napoli bin ich geboren,
178
Girolamo bin ich genannt;
179
Ich habe keinen Stand erkoren
180
Und ziehe singend durch das Land.

181
Nichts kann ich, was in diesen Tagen
182
Gewinn und Macht und Ehre zieht;
183
Jedoch die Laute kann ich schlagen,
184
Und singen kann ich manches Lied.«

185
»ei, junger Herr, da könnt Ihr auch was Rechtes!«
186
Sprach Cosimo mit sehr gelahrten Mienen. –
187
»was seid Ihr wert zur Stunde des Gefechtes?
188
Wird Euch die Laute da zum Schwerte dienen?«
189
So rief Martell. – »Ein Sprößling des Geschlechtes
190
Seid Ihr,« so sprach der Mann mit den Zechinen,
191
»das unserm Herrgott seine Tage stiehlt.
192
Und, statt zu wirken, singt und träumt und spielt!«

193
»gestrenge Herrn, ich brauche wenig,
194
Stets, was ich brauchte, fand ich noch,
195
Bin keinem Frondienst untertänig,
196
Und sieh, die Erde nährt mich doch!

197
Es gaben immer sanfte Seelen
198
Mir für ein Lied noch Dach und Fach,
199
Und wo mir gute Menschen fehlen,
200
Beut die Platane gern ihr Dach.

201
Der Weinstock gibt mir seine Süße,
202
Die Vöglein singen mich zu Ruh',
203
Es schüttelt ihre goldnen Grüße
204
Mir gern die Aprikose zu.

205
Wenn so wie ihr der Himmel dächte, –
206
Nur ew'gen Herbst gäb' er der Welt:
207
Die Schönheit auch hat ihre Rechte,
208
Und Gott hat auch den Lenz bestellt.«

209
Ob seiner Kühnheit halb erschrocken
210
Die Farb' aus seinen Wangen floh,
211
Er fühlte seine Rede stocken: –
212
Doch Giulias Auge glänzte froh,
213
Und ihre Stimme klang wie Glocken:
214
»ja, Recht habt Ihr, Girolamo,
215
Und was ich lange still gedacht,
216
Habt Ihr ins schöne Wort gebracht.«

217
»mein Vater« – flüstert sie verlegen –
218
»ich schulde dem Signore Dank:
219
Ein großer Dienst auf heißen Wegen
220
Ist, hold gereicht, ein kühler Trank. –
221
Ihr wandelt ohne Schutz und Degen,
222
Der Frieden ist noch jung und schwank;
223
So folgt uns denn auf unsern Pfaden,
224
Daß Ihr nicht kommt zu Leid und Schaden.«

225
»ich fürchte keinen Räuber,« sprach der Knabe,
226
»denn mein ist nur mein Leben und mein Lied,
227
Und beide nützen nur, wenn ich sie habe;
228
Doch folg' ich gern, wohin die Schönheit zieht:
229
Denn Schönheit ist des Sängers Lust und Labe,
230
Er ist daheim, wo er sie walten sieht« –.
231
Er neigte sich und nahm ihr Roß am Zügel
232
Und führt' es sacht den Pfad hinauf zum Hügel.

233
Die dreie staunen ob des Jünglings Weise:
234
Er ist so sicher und doch so bescheiden,
235
Und jeder brummt, das Haupt geschüttelt leise,
236
Doch unwillkürlich jeder folgt den beiden.
237
»der tut, als zählt' er längst zu unserm Kreise,«
238
Der Kaufherr spricht, »doch ist er gut zu leiden.
239
Dazu allein auch die Poeten taugen,
240
Daß sie den Mädchen gucken in die Augen!«

241
Doch Giulia und Girolamo, die zogen
242
Zusammen still, als müßte das so sein;
243
Er führt den Zelter an dem Zügelbogen,
244
Er blickt empor bei jedem Stock und Stein;
245
Sie aber hat sich tief herabgebogen,
246
Dem trauten Wort ein trautes Ohr zu leihn.
247
Wildrosen, die am Wege schwank sich wiegen,
248
Er muß sie oft aus ihren Locken biegen.

249
So schritten sie vorauf dem Reisezuge:
250
Gott Amor aber flog dem Paar voran,
251
Und junge Rosen pflückend rasch im Fluge,
252
Streut er sie lächelnd auf der beiden Bahn;
253
Und hinterdrein trabt Cosimo, der kluge,
254
Der Kaufherr und der tapfre Kapitan,
255
Und jeder fühlt den eignen Wert gehoben,
256
Betrachtet er den Sänger recht von oben.

257
Doch als des Mittags Hitze nun erglommen,
258
Die jede Mühsal in dem Süden mehrt,
259
Und einen düstern Berg die Schar erklommen,
260
Da wird dem Zuge frohe Rast gewährt.
261
Vom Maultier flugs ist Sack und Schlauch genommen,
262
Und hurtig wird ein heitres Mahl beschert;
263
Von Dienern wird auf grünem Waldesplan
264
Der Venetianerteppich ausgetan.

265
Girolamo will sich von dannen stehlen,
266
Des schönen Mädchens Wink ruft ihn zurück.
267
Der Vater murrt: – doch will er nicht befehlen,
268
Die Tochter fröhlich sehn ist all' sein Glück.
269
»will ich sie doch in kurzer Frist vermählen!
270
Vom eignen Herzen geb' ich fort ein Stück;
271
Dann mag ihr Gatte lenken sie und leiten,
272
Bis dahin soll sie frei durchs Leben schreiten.«

273
So tafeln sie. – Des Kapitanos Leute,
274
Sie schleppen den gebratnen Hirsch herbei,
275
Der jüngst im Bergwald fiel Martell zur Beute.
276
Des Cosmus Diener bringen Fäßchen zwei
277
Voll Ungarweins, die ein Magnat ihm beute,
278
Daß er im Erbprozeß ihm Hilfe leih'.
279
Südfrüchte, hergebracht aus fernem Meere,
280
Als seinen Beitrag bot zum Mahl Sacchiere.

281
Der Wein macht froh und löset die Gedanken:
282
Dem reichen Kaufherrn ward es froh ums Herz,
283
Den goldnen Becher hob er hoch, den blanken,
284
Und zu Girolamo sprach er im Scherz,
285
Der einen Kranz aus dunkeln Efeuranken
286
Und hellen Rosen flocht und himmelwärts
287
Oft sinn'gen Blickes sah: »Wohlauf, Herr Sänger,
288
Mit

289
»ein jeder hat von uns zu diesem Mahle,
290
Was sein Verdienst erworben, beigetragen:
291
Wir haben Fleisch im Topf, Wein im Pokale –
292
Sagt an, was gibt die edle Kunst dem Magen?
293
Wir Armen wandeln nur im Erdentale: –
294
Euch hat die Dichtung himmelwärts getragen.
295
Doch könnten wir drei auch nur Zither schlagen, –
296
Der leid'ge Hunger würd' uns alle plagen.«

297
»ich habe leider nur den Schmuck zu geben,
298
Doch erst der Schmuck verlieblichet das Mahl.«
299
Der Sänger sprach's und schlang die Efeureben
300
Und Rosen festlich um den Schenkpokal.
301
»das,« meint Sacchiere, »läßt nicht übel eben,« –
302
»doch ist es eitel Tand und Überzahl.« –
303
»ihr Dichter könnt' nur spielen, träumend wandeln,
304
Verloren seid ihr, wo es gilt, zu handeln.«

305
So ruft Martell und klopft dabei aufs Schwert. –
306
Doch ehe noch der Sänger spricht dawider,
307
Trompetenschmettern durch die Lüfte fährt,
308
Von Waffen blitzt es alle Höhn hernieder,
309
Und grimme Scharen, kriegerisch bewehrt,
310
Am Helme ghibellinisches Gefieder,
311
Wohl an dreihundert stürmen wild herbei,
312
Und »Tod den Guelphen!« donnert ihr Geschrei.

313
Gefangen sind im Nu die wen'gen Knechte,
314
Die wehrlos, arglos bei den Bechern lagen,
315
Den Kapitano hätt' im Schwertgefechte
316
Der Ghibellinenführer fast erschlagen,
317
Des Kaufmanns, des Gelehrten schwache Rechte,
318
Und ach, selbst Giulia muß Fesseln tragen.
319
Zu den Gefangnen tritt der Führer vor
320
Und schlägt vom Helme das Visir empor.

321
Er ging gepanzert schwarz und schwarz beschildet:
322
Der blutig rote Helmbusch wild umwallt
323
Ein Antlitz, edel, aber haßverwildet;
324
Von adeligem Wuchs war die Gestalt,
325
Die Züge, herrlich von Natur gebildet,
326
Zerfraß der tiefen Leidenschaft Gewalt.
327
Melodisch einst klang sicher diese Stimme,
328
Nun aber scholl sie dumpf in dumpfem Grimme.

329
»erkennet mich und zittert, schnöde Guelphen,
330
Erkennet mich, Cardenio von Tarent!
331
Nun soll euch nicht der blut'ge König helfen,
332
Nicht jener Priester, den ihr heilig nennt,
333
Und nicht das Blutgericht von jenen Elfen,
334
Das als Gesetz nur Haß und Willkür kennt.
335
In eures Todfeinds Hand seid ihr gegeben,
336
Und keiner soll entrinnen mit dem Leben!«

337
»erbarmen, Herr!« so nahm das Wort Sacchiere,
338
»nehmt reiches Lösegeld und laßt mich fliehn!«
339
– »Du grauer Tor, wenn mir's um Schätze wäre,
340
Könnt' ich dein Gold von deiner Leiche ziehn.« –
341
»der König rächt den Führer seiner Heere,«
342
So droht Martell, »und wer mich kränkt, kränkt ihn.« –
343
»er strafe mich, wenn er mich kann erreichen,
344
Noch heute werd' ich aus Sizilien weichen.«

345
»mit welchem Rechte hemmt ihr unsre Bahn,«
346
Rief Cosmus, »und was haben wir verschuldet?« –
347
»wie?« schrie Cardenio, »wie? was ihr getan?
348
Ha, Frechheit, wie sie nimmer ward geduldet!
349
Frag' eher, was ihr Guelphen nicht getan,
350
Und welchen Lastern nicht ihr habt gehuldet!
351
Ihr habt geraubt, erdolchet und vergiftet,
352
Jahrhundertlang habt Frevel ihr gestiftet.

353
»du fragst nach Recht? – Mit welchem Recht geschlagen
354
Habt ihr das Haupt des jungen Konradin?
355
Sein Blut wird ewiglich um Rache klagen,
356
Nie wird die Tat von Gott und Welt verziehn.
357
Nicht weitern Hassesgrund braucht' ich zu sagen:
358
Du bist ein Guelph' und ich ein Ghibellin.
359
Doch keiner unter uns hat sicherlich
360
An euch zu rächen so viel Schuld als ich.

361
Du hast, Martell, den Vater mir, den greisen,
362
Des Hochverrats an Anjous Thron geziehn;
363
Du, Cosmus, mußtest seine Schuld beweisen,
364
Leicht war's getan: – er war ein Ghibellin!
365
Du, Kaufmann, hast beraubet seine Waisen,
366
Hast uns dein wucherisches Gold geliehn
367
Und dann von Haus und Herd uns fortgetrieben:
368
Kein Reichtum als der Haß ist uns geblieben.

369
Ich und die Brüder flohen aus Tarent,
370
Verbannt, geächtet, Schutz in Wäldern suchend
371
Und mit der Treue, die der Haß nur kennt,
372
Im Buch der Feindschaft eure Taten buchend.
373
Jüngst fielen meine Brüder bei Sorrent,
374
Im Tode noch den blut'gen Guelphen fluchend;
375
Ich bin der letzte Ritter unsrer Sache,
376
Der einz'ge Erbe tausendfält'ger Rache.

377
Und diese Rache will ich nun vollenden,
378
Dann eil' ich pilgernd ins gelobte Land.
379
Ich wußte, hierher mußtet ihr euch wenden,
380
So sing in Einem Griff euch meine Hand.
381
Ihr erntet nur die Saat von eignen Händen,
382
Ihr selbst habt zu den Mördern mich verbannt.
383
Wohlan, nun soll euch Todesqual bewähren:
384
Ich lernte prächtig eure blut'gen Lehren.«

385
Er winkt, und seine Leute knüpfen Stricke,
386
Es wird zum Galgen plötzlich jeder Baum.
387
Die dreie senken schweigend ihre Blicke,
388
Das schuld'ge Herz gibt keiner Hoffnung Raum.
389
Urplötzlich sind verwandelt die Geschicke,
390
Ihr Stolz und ihre Macht zerfloß wie Schaum.
391
Sie denken: Jeder braucht, wer kann, die Macht: –
392
Nun ist es Tag bei ihm, bei uns ist Nacht. –

393
Da tritt, mit seinen Ketten schwer beladen,
394
Der Sänger auf den schwarzen Ritter zu:
395
»ich bitte, Herr, gewähret mir in Gnaden
396
Die letzte Bitte, die ich lebend tu'.«
397
– »Kann sie mir nicht an meiner Rache schaden,
398
So sag' ich dir die letzte Bitte zu.« –
399
»wohlan, so laßt mir meine Laute bringen
400
Und, gleich dem Schwan, ein letztes Lied mich singen.«

401
Cardenio winkt: sie lösen ihm die Kette,
402
Und seine Laute wird ihm dargereicht.
403
Sein Auge sucht und findet Giuliette,
404
Als er melodisch durch die Saiten streicht.
405
Still wird's und friedlich auf der Todesstätte,
406
Die reinen Töne fließen zart und leicht.
407
Auf Speer und Schild gelehnt die Räuber lauschen,
408
Und süß und lieblich die Akkorde rauschen:

409
»nun lebe wohl, du Lebenswonne,
410
Du, Wald und Fluß, du, Berg und Tal,
411
Und du, geliebte, schöne Sonne:
412
Nun lebet wohl viel tausendmal!

413
Ach, lieblich war es, hier zu wallen
414
Bei Blütenduft und Vogelsang,
415
Wann lockend aus Olivenhallen
416
Das Lied der Nachtigallen klang.

417
Es preise sich, wem noch gegeben
418
Des Daseins warme Himmelsgunst:
419
Ach, wie so köstlich ist das Leben,
420
Ach, wie so lieblich ist die Kunst!

421
So hört mein Ohr denn niemals wieder
422
Der Mandoline süßen Ton,
423
Und tausend künft'ge junge Lieder, –
424
Sie sterben ungeboren schon!

425
Die Laute trug ich, rein von Händen,
426
Mein Leben war nur Sang und Huld,
427
Und muß mein Los sich blutig enden: –
428
Wohlan, ich sterbe sonder Schuld.

429
Und wie der Laute Ton verklinget
430
Nach einer kurzen Lieblichkeit,
431
Melodisch sich die Seele schwinget
432
In ewige Vergangenheit.«

433
Er sprach's, und lieblich tönte seine Stimme,
434
Und silbern scholl sein Lied im stillen Wald.
435
Manch' Auge weint: es spüret selbst der Schlimme,
436
Verwilderte der Töne Huldgewalt.
437
Cardenio lauscht: er fühlt, trotz seinem Grimme,
438
Wie ihm das Herz in sanftern Schlägen wallt.
439
Er nahm ihm aus den Händen leis' die Laute
440
Und sang, indem er sinnend niederschaute:

441
»auch mir ist oft in reinern Tagen
442
Des Liedes schöner Gott genaht:
443
Mit Saitenspiel und Lautenschlagen
444
Ging ich der Liebe süßen Pfad.

445
O holde Zeit! In sanften Gleisen
446
Floß da mein Leben mildgebahnt: –
447
Es haben dieses Jünglings Weisen
448
Der eignen Jugend mich gemahnt.

449
Fluch denen, Fluch, die, haßbeflissen,
450
Mich aus dem Paradies gebannt,
451
Bis ich in Waldesfinsternissen
452
Des Wolfes blut'ge Weise fand.

453
Fluch euch! – Doch du nicht bange länger,
454
Geh' deine Bahnen, rein und licht:
455
Es steht in Gottes Schutz der Sänger, –
456
Den frommen Sänger töt' ich nicht.«

457
Und sieh, des Jünglings letzte Ketten fallen,
458
Es beut der Ritter ihm die Laute dar.
459
Da fleht er still: »Ihr in des Himmels Hallen,
460
Ja, ihr beschirmt den Sänger wunderbar.
461
Arion lockte den Delphin mit Schallen,
462
Und Orpheus zähmte grimmer Löwen Schar,
463
Er brach die Felsen mit der Macht des Klanges: –
464
Nun tut auch hier ein Wunder des Gesanges!« –

465
»du, der mir geschenkt das Leben, ob ich nimmer es erbeten:
466
Heil'gen Rat will ich dir geben, denn die Dichter sind Propheten:
467
Heil'gen Rat will ich dir geben, folg' ihm und sei ewig froh: –
468
Schone deiner Feinde Leben, handle groß, Cardenio!

469
Jene großen Hohenstaufen, deren Recht dein Schwert verficht,
470
Schlossen mit Banditenhaufen blutige Gemeinschaft nicht.
471
Nach des Kaisers Friedrich Leben strebt' der Freund, der ihn verriet,
472
Doch der Kaiser hat vergeben: – ewig preist ihn drum das Lied.

473
Das war stets der Ghibellinen größter Stolz und größtes Gut:
474
Hohes Unglück war mit ihnen, aber höh'rer Edelmut!
475
Wie? Von hier, mit Mörderhänden, wann das Schreckliche geschah,
476
Willst den Pilgerschritt du wenden nach dem heil'gen Golgatha?

477
Wo ein Gott in Todesschmerzen seinen Feinden hat verziehn,
478
Dahin, Racheschuld im Herzen, unverzeihend, willst du fliehn?
479
Folgest du der dunkeln Rache, stillest du ein kurz Begehren,
480
Aber eine ewig-wache Reue wird dein Leben zehren.

481
Schonst du aber: – tausendfache Freude segnet deine Pfade:
482
Denn vergänglich ist die Rache, aber ewig ist die Gnade!
483
An des Himmels goldnen Türen Gnade steht als Hüterin,
484
Lächelnd wird sie einst dich führen vor den Thron des Richters hin.

485
›vater, laß ihn selig werden,‹ tönt ihr Wort wie Glockenerz,
486
›denn wir kannten uns auf Erden, und ich bürge für sein Herz!‹
487
Heil'gen Rat will ich dir geben: – folg' ihm und sei ewig froh,
488
Schone deiner Feinde Leben, handle groß, Cardenio!«

489
Er schweigt, sein Auge sieht verzückt nach oben,
490
Und eine heil'ge Stille deckt den Ort.
491
Es geht Cardenios' Herz in edlem Toben,
492
Aus seinem Antlitz flieht der düstre Mord,
493
Des Grimmes finstre Wolken sind zerstoben,
494
Es ringt umsonst die Lippe nach dem Wort,
495
Sein Auge glänzt, gerührt von süßem Harme,
496
Und weinend fällt er in des Sängers Arme.

497
»du hast gesiegt, o Mann der süßen Töne!
498
Sie sollen leben, leben allesamt!
499
Ob lang' das Herz der Milde sich entwöhne, –
500
Es bleibt der Grund, daraus sie ewig stammt.
501
Zwar schwor ich Tod für alle Guelphensöhne,
502
So lange rot wie Blut mein Helmbusch flammt –« –
503
Der Sänger sprach: »Du brichst den Schwur mit nichten:
504
Der Himmel will auch diesen Zweifel schlichten.«

505
So sprechend löst er ihm den Helm vom Haupt: –
506
Und sieh, da war ein Ast von weißen Rosen,
507
Im raschen Anlauf von dem Busch geraubt,
508
Geschlungen um den Stahl in sanftem Kosen,
509
Mit schimmernd weißen Blüten dicht belaubt.
510
»du weißt: der Sänger liest in Götterlosen:
511
Und siehe, dir verkündet dieses Zeichen:
512
Die blut'ge Rache soll der Gnade weichen.«

513
Cardenio löset der Gefangnen Ketten:
514
»ja, ihr sollt leben und den Jüngling preisen!
515
Wenn nicht der Sänger, konnte nichts euch retten:
516
Es lebt des Himmels Kraft in süßen Weisen! –
517
Ich ziehe rein zu den gelobten Stätten,
518
Leg' unbefleckt aufs heil'ge Grab dies Eisen,
519
Und fühl' ich Gottes Huld sich auf mich senken, –
520
Dann wird mein Herz mit Dank des Sängers denken.«

521
Er sprach's und winkte noch und schritt von dannen: –
522
Bald war mit seinen Scharen er verschwunden.
523
Schwer konnten die Befreiten sich ermannen:
524
Denn wie Betäubung hielt es sie gebunden.
525
Indes die andern noch mit Staunen sannen
526
Und sich der Furcht, der Scham noch nicht entwunden,
527
Mit seiner Tochter Hand in Hand Sacchiere
528
Trat vor Girolamo, im Blick die Zähre.

529
»dir, Jüngling, danken alle wir das Leben,
530
Und deiner heil'gen Kunst, die wir verhöhnt.
531
Du Edler, kann dein reines Herz vergeben?
532
Gewiß, wenn tiefste Reue dich versöhnt!
533
Fortan wird andachtvoll mein Herz erbeben,
534
So oft der heilige Gesang ertönt.
535
Ich weiß, er steht zunächst an Gottes Thron!
536
Nun aber fordre deinen Dank, mein Sohn.«

537
Der Sänger aber sprach: »Gebt mir die Rose,
538
Die Eure Tochter an dem Herzen trägt.
539
Nicht dieser Stunde stürmisches Getose,
540
Da nur der Drang des Dankes Euch bewegt,
541
Nicht sie vollendet würdig unsre Lose!
542
Den heil'gen Wunsch, den meine Seele hegt, –
543
Ich will ihn hastig nicht vom Baume streifen,
544
Still, friedlich soll er zur Erfüllung reifen.

545
Ich zählte selbst mit zu den Räuberscharen,
546
Raubt' Eure Dankbarkeit so wild ich aus.
547
Die Rose will ich treu am Herzen wahren:
548
Bald such' ich Euch und Euer gastlich Haus.
549
Und soll so hohes Glück mir widerfahren,
550
So löse dort ihr Pfand Giuletta aus.
551
Doch nun mag jeder seines Pfades gehn,
552
Und in Amalfi denn – auf Wiedersehn!«

553
Er sprach's und nahm die Ros' aus ihrer Hand,
554
Und rasch war er im Waldgebüsch verschwunden.
555
In seliger Verwirrung Giulia stand:
556
So heil'ge Rührung hat sie nie empfunden.
557
Sie sah ihm nach, wo er dem Blick entschwand,
558
Und süße Tränen ihr im Auge stunden.
559
Die Arme nach ihm breitend rief sie froh:
560
»auf Wiedersehn, du mein Girolamo!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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