Nachtritt

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Felix Dahn: Nachtritt (1873)

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Gemach, mein Roß! – Tritt auf bedächtig!
2
Der Glühwurm nur erhellt den Steg:
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Schwer reitet sich's im Buschwald nächtig,
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Knorrwurzeln laufen über'n Weg:
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Tags trägst du mich, – nun führ' ich dich,
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Dir Schritt und Bahn zu zeigen
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Mit Schweigen.

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Du bebst? Du schnaubst? Ja! Waldnachtgrausen
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Rührt eisig auch des Weidmanns Brust:
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Die Mächte, die im Nachttann hausen,
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Sie schrecken gern mit Schadelust.
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Schon mancher zog zu Wald zur Nacht, –
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Kam nicht mit heilen Sinnen
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Von hinnen.

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Glutaugig faucht und klappt die Eule,
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Im Hohlstamm ächzt der Waldschrat heiser,
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Das Morschholz leuchtet rot in Fäule,
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Und raschelnd schlüpft durch dürre Reiser,
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Indes der Schuhu gellend lacht,
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Das Wichtelvolk der braunen
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Alraunen.

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Doch plötzlich, mit gespanntem Bogen,
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Harrt dort ein Räuber tief im Busch!
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Spring' ein auf ihn, das Schwert gezogen: –
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Da schwankt der Strauch im Windeshusch: –
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Dich trog nur quer gekreuzt Geäst.
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Da horch! Was kommt hoch oben
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Geschnoben?

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Was pfeift und schwirrt und johlt in Lüften?
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Was hallt und tutet wie ein Horn?
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Entstiegen aus des Abgrunds Schlüften
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Hetzt seinen Hengst mit blut'gem Sporn
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Der Heidengötter König da
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Hoch über Baum und Boden –:
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Herr Woden.

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Voraus von Adlern, Geiern, Drachen,
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Ein Schwirrgewölk voll Ungestüm,
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Dann Bär und Wolf mit Lechzerachen,
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Des Einhorns schreckbar Ungetüm,
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Goldeber, Roßelch, Flügelhirsch,
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Und hinterher die Schläger,
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Die Jäger.

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Voran mit hochgeschwungnem Speere,
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Auf schwarzem Roß, Herr Woden du:
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Und ewig strömen deinem Heere
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Aufs neue wilde Helden zu:
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Wer Hifthorn mehr als Orgel liebt,
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Der folgt nach grausem Tode
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Herrn Wode.

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Der Rauhgraf, der die heil'gen Früchte
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In frevler Hirschhetz niederritt,
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Markfrevler, Wildschütz, Mordgezüchte,
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Meineid'ge, – alle müssen mit:
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Und weh, wen trifft das Nachtgejaid
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Im Wald auf bösem Pfade –
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Gott Gnade!

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Den Schuldbewußten wird es hetzen,
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Bis er den letzten Hauch getan.
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Uns, Rößlein, darf es nicht verletzen:
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Wir ziehn auf guten Werkes Bahn,
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Und über uns wacht Gott der Herr,
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Der aller übeln Geister
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Bleibt Meister. –

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Wer Vöglein pflegt, muß Kräutlein pflegen:
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Heilkräft'ger Wurzeln weiß ich viel.
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Dem todeskranken Kind zum Segen
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Ausritt ich, als der Abend fiel:
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Gerettet konnt' ich noch vor Nacht
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Der Mutter und dem Leben
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Es geben.

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O Mutterauge, wie du strahltest
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In Freudentränen wundersam!
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Mit deinem Scheideblick du zahltest,
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Was einst von dir an Weh mir kam,
75
Als ich vor zwanzig Jahren sah
76
Zum Brautaltar dich schreiten – –
77
Vom weiten. –

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Wer Nachtfahrt tut auf solchen Wegen,
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Wie wir, mein Roß, der banget nicht:
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Denn einer Mutter Dank und Segen
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Umschirmt, ein goldner Schild, uns licht,
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Und Gott hat uns der Englein Schar
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Mit leichtbeschwingten Sohlen
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Befohlen.

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Ha sieh! – schon endet Wald und Dunkel –
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Hier durch die letzten Bäume bricht
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Der Morgenröte Goldgefunkel –
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Alt Wirzburg liegt im Dämmerlicht –
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Da steigt die Lerche trillernd auf:
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Herr Gott, laß sonder Schranken
91
Dir danken.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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