Waldmorgen

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Felix Dahn: Waldmorgen (1873)

1
Noch steht in Glanz der Morgenstern,
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Noch deckt die Nacht die Lande:
3
Nur dort, ganz leis, im Osten fern,
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Grau-gelblich steigt's am Rande.
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Empor vom Pfühl! Hinaus zum Tor,
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Eh' noch Frau Sonne blitzt empor:
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Zum Walde will ich eilen
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Und sein Erwachen teilen.

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O Wunder du – Mittsommernacht!
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Du preisest Gott nicht minder,
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Als lauten Tages schwüle Pracht,
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Nur leiser, duft'ger, linder.
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In Lüften hoch der wilde Schwan
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Zieht, sehnsuchtsingend, seine Bahn,
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Und still durch Busch und Bäume
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Gehn ahnungsvolle Träume.

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Da regt sich heil'ger Schauer leis
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Und schüttelt alle Wipfel,
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Wie Ehrfurcht haucht es wunderweis:
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Denn schon vom Bergrandgipfel
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Schießt fern ein Glanz: es naht das Licht:
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Da sinkt Natur aufs Angesicht
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Und ehrt mit heil'gem Beben
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Gott, der das Licht gegeben.

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Ja, Heil'ges ist, wohin ich schau!
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Der Morgenwind ist heilig,
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Und heilig ist der Morgentau
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Und Goldschrift tausendzeilig,
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Die nun erblaßt vor höh'rem Glanz:
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Denn nun erschließt der Herrgott ganz
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Das Tor der Wolkenfeuchte,
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Daß hell die Sonne leuchte.

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Da, hoch aufwitternd, aus dem Tann
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Der Rothirsch zieht zur Tränke:
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Das Häslein legt die Löffel an,
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Gleichwie wenn's überdenke,
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Ob's noch ein wenig schlummern mag:
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Dann schießt's mit hohem Satz zu Tag,
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Denn hoch ob Schäfers Pferche
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Singt schon die Heidelerche.

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Denn diese schlägt das Tagelied
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Lang', eh' die andern kommen:
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Jüngst sang ein Mann, der log und riet,
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Was nie er selbst vernommen,
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Der frühste Ton sei Finkenschlag!
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Da haben beide in den Tag,
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– Ich muß sie Lügen strafen, –
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So Mann wie Fink' geschlafen.

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Erst Heidelerche, fromm und klar,
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Feldlerche dann und Wachtel,
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Rotbrust und Rotschwanz, Paar um Paar,
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Dann, später um ein Achtel,
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Zaunkönig klein, Baumpieper hell:
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Der Amsel folgt die Drossel schnell,
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Der Kuckuck säumt nicht länger,
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Dann schnalzt der Fliegenfänger: –

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Und jetzt erst schlägt der faule Fink':
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Bald zetert schrill der Häher,
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Der Ringeltäuber rückt nun flink
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Im Nest der Täubin näher,
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Und Rukuruh! hallt's durch den Tann:
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Jetzt hebt's von allen Zweigen an.
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So geht der Vöglein Psalter:
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Wer's leugnet, irrt, spricht Walther.

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Nicht streit' ich gern, noch rühm' ich mich:
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Doch muß in Einem Dinge
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Der Mann als Meister wissen sich,
68
Sonst ist sein Wert geringe.
69
Und Vogelkunde – mit Vergunst –
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(doch auch ein wenig Harfenkunst),
71
Wer die mir will bestreiten –:
72
Ein Schwert blitzt mir zur Seiten.

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Doch unterdes ich stritt und schalt
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– Ganz einsam, sonder Feinde, –
75
Ward jubelnd wach im weiten Wald
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Die ganze Singgemeinde:
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Und prächtig rot im Morgenschein,
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Verjüngt, strömt hin der alte Main,
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Und Erd' und Himmel strahlen
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Gleich schimmernden Opalen.

81
O junger Tag, wie bist du rein,
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Gleich heitrer Menschenkindheit!
83
O bliebe bis zum Abendschein
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Dir diese kühle Lindheit:
85
Laß dieser Stunde Reine nun,
86
Gott, tief mir in der Seele ruhn:
87
Taufrisch sei'n meine Pfade:
88
das spende deine Gnade!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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