Der Räuber

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Felix Dahn: Der Räuber (1873)

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Heut' am Vogelherde saß ich,
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Wo der Buchwald streift ans Feld:
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Doch des Vogelfangs vergaß ich,
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Sah verträumt ins Himmelszelt.

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Hoch in Wolken kreist er wieder,
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Jener Räuber kühn und klug,
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Stark von Fängen und Gefieder,
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Scharf von Auge, stolz von Flug.

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Jener Bussard, schrill erkreischend,
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Rittelnd bald an gleichem Ort,
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Lüstern spähend, Beute heischend,
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All' sein Sehnen Raub und Mord:

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Bald im Flugspiel Bogen ziehend,
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Reglos, schweigend, schattenhaft,
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Fallend, steigend, nahend, fliehend,
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Stolz und froh der Schwingen Kraft.

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Bussard, frei wie du ist keiner,
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Und, gleich dir im Lüftereich,
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Flog auf Erden nur noch einer
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Hoch zu Roß: der Wüstenscheich!

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Ja, du mahnst mich, kühner Vogel,
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An den Scheich, braun, rasch und keck,
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Der von Karmels hohem Kogel
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Niederstieß, der Franken Schreck. –

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Höre nun, du schriller Schreier,
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Kreisend hoch im Bogenring,
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Höre nun, du Taubengeier,
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Wie's dem Mädchengeier ging.

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Doch: dort meinem Lockfinkweibe
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Bleibe fern, bleibst gern du heil:
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Eisen fliegt dir sonst zu Leibe: –
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Auf der Sehne liegt mein Pfeil. –

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Höre nun! – Auf schnellstem Rosse,
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Unhaschbar, der Otter gleich,
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Glitt durch unsre Speergeschosse
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Nahend, fliehend Ali Scheich.

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Von der Seite, wie dem Täuber
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Du die Turteltaube reiß'st,
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So durchbrach der kühne Räuber,
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Der sie nächtelang umkreist,

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Jede Pilgerkarawane,
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Die mit Frau'n gen Zion ging:
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Aus dem Schatten unsrer Fahne
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Stets das schönste Weib er sing.

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Und bevor den Sporn nur spürte
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Unser schwerer Friesenhengst,
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Durch die Wüste die Entführte
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Trug das Roß des Räubers längst.

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Esmeralda de Rivalta,
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Gabriele Lusignan,
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Bellaflor de Vallecalta,
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So der freche Feind gewann. –

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Doch als Irmengard von Schwaben
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Nahm das Kreuz des Pilgerkleids,
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Da erbat, statt Ehrengaben,
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Ich das Recht mir des Geleits. –

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Tag für Tag nun durft' ich traben,
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Von Damask bis Askalon,
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Neben Irmengard von Schwaben: –
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Das war meiner Kreuzfahrt Lohn.

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Nächtens schlugen wir die Zelte,
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Daß die Herzogtochter schlief, –
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Löwe brüllte, Schakal bellte,
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Doch die Herrin ruhte tief:

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Bangensfrei –: sie wußte, Walther
66
Mit dem Speer hielt draußen Wacht. –
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Manches Lied aus deutschem Psalter
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Klang in blaue Wüstennacht.

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Sterne glänzten, Sterne schossen,
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Palmenwipfel wogten leis,
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Und um Mensch und Tiere flossen
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Wüstendünste schwer und heiß.

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Schlaf floß allbezwingend nieder,
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Selbst die Lagerwache schlief:
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Langgestreckt im Sand die Glieder
76
Schnauften die Kamele tief. –

77
Plötzlich naht's mit Windeseile: –
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Straußenlauf? Gazellenschritt?
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Leis und rasch wie Todespfeile,
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Kaum du, Bussard, flögest mit.

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Unerwacht, durchbohrt, vom Rosse
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Sinkt der Lagerwächter rot:
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Ringsum Säbel und Geschosse,
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Dunkle Reiter und der Tod.

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Vor mir hält ein Pferd: da gleitet's
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Panthergleich vom Sattel sacht,
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An die Zelttür kauernd schreitet's: –
88
»stirb, denn hier hält Walther Wacht!«

89
Rief's und tief den Speer vergrub ich
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In des Scheichs goldbrünn'ge Brust,
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Laut den Siegesschrei erhub ich
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Und wir schlugen sie mit Lust:

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Folgten eine gute Weil' noch – – –
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Halt, Herr Bussard, du warst schnell, –
95
Aber schneller war mein Pfeil noch –:
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Tot nun liegst du, Raubgesell',

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Bei der Finkin, brustdurchschossen!
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Liebe Finkin, bange nicht:
99
Eh' dich grimm sein Fang umschlossen,
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Traf ihn Walthers Strafgericht.

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Zwitschernd nun, mein Ohr zu laben,
102
Singst du leise, dankend schier?
103
So hat Irmengard von Schwaben
104
Dankend auch geflüstert mir.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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