Sylvia rubecula

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Felix Dahn: Sylvia rubecula (1873)

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Nun ist Vollwinters Herrschezeit!
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Das Licht ist schmal, die Nacht ist breit,
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Frau Sonne will kaum blicken:
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Bricht mittags sie durchs Wolkenkleid, –
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Herr Nieselnebel hält bereit
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Den Mantel, sie zu sticken.

7
Da singt kein Vöglein mehr im Feld:
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Zaunkönig nur, der wen'ge Held,
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Schwirrt fröhlich seine Weise,
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Goldhähnchen huscht durchs Flockenzelt
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Und, wem das letzte Nüßlein fällt,
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Zankt klopfend Specht und Meise.

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Auch ich halt' stumm im Hause Ruh'
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Und stöbre tief in staub'ger Truh
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Durch Schrift und Pergamente:
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Rot glimmt der Sandelspan dazu: –
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Ei, duftend Holz, nicht ahntest du,
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Daß man am Main dich brennte. –

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Das war im Goldhaus zu Byzanz,
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Bei Myrrhenrauch, in Marmorglanz,
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Bei schmucken Griechenknaben,
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Daß unter Zyproswein und Tanz
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Sie dich mit manchem Ring und Kranz
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Zum Gastgeschenk mir gaben.

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Da ging, mit rotem Seidenlatz
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Verhüllt den keuschen Herzensplatz,
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Ein Griechenkind mit Neigen:
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Hell Scharlach war ihr Busenlatz: –
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Sie war ein anmutvoller Schatz
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Im Reden und im Schweigen.

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Im harten, deutschen Winter lind
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Mahnt mich an jenes Griechenkind
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Ein Neigen, Hüpfen, Klingen:
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Denn um mich huscht und schwebt geschwind
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Ein Vöglein, wie nicht viele sind, –
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Will auch im Winter singen.

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Die Griechin, die hieß Sylvia:
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Was wohl noch mit dem Kind geschah? –
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Rein war ihr zartes Seelchen: –
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Mir ruft ihr lieblich Bildnis nah
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Hier Sylvia rubecula,
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Mein Hausgeist, mein Rotkehlchen. –

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Der Rauch zieht aus dem Sandel schwer:
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Bald seh' ich Vöglein um mich her,
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Bald Griechenmägdlein schweben.
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Ich denk', ich schlafe: – doch vorher
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Trink' ich den tiefen Becher leer –:
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Was lieblich ist, soll leben!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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