Sigün. Eine Sage von der Treue

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Felix Dahn: Sigün. Eine Sage von der Treue (1873)

1
Den Göttern und den Menschen war er gleich verhaßt,
2
Der alles Unheil unter ihnen stiftete,
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Der böse Loki, der Verderber ränkevoll,
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Des Feuers falscher Gott, und, wie die Flamme selbst,
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Als Feind verderblich und gefährlich auch als Freund.
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Gefallen war Baldur, des Lichtes schöner Gott,
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Der aller Wesen höchste Lust, durch Lokis Neid:
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Beschimpft hatt' er die Götter all' und Göttinnen,
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Als festlich sie ein frohes Friedensmahl vereint,
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Mit frecher Bosheit jedes Gottes Heimlichkeit
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Und Schwäche, die man liebevoll vergißt, ans Licht
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In gift'ger Lästerrede ziehend schadenfroh.
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Da war kein Friede, den er frevelnd nicht verletzt,
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Kein Band der Treue, das er tückisch nicht zerriß. –
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Nun endlich war der Zorn der Götter gegen ihn
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Entbrannt: sie schwuren, nimmer sich des Mahls zu freu'n,
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Der Ehe Liebgewöhnung nicht zu pflegen mehr,
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Und nicht des Waffenspieles Lust mehr in Walhall,
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Bis daß nicht Loki alle seine Schuld gebüßt
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Und jeden Frevel in gerechtem Strafgericht:
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Sie setzten schutzlos ihn aus Frieden, Bann und Recht,
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Er ward aus der Gemeinschaft der Unsterblichen
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Und aus der Menschen Lieb' und Ehrfurcht ausgetan.
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Geächtet floh er scheu in ödes Felsgebirg
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Und alle Götter folgten rächend seiner Spur,
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Des Urteilspruches Richter und Vollstrecker auch.
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Verlassen hatt' er ungewarnt sein Weib, Sigün:
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Die pflegte treu des Hauses, bis der Ehgemahl,
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– So glaubte sie – heimkehrte von der Wanderfahrt.

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Und als sie einmal morgens früh zur Hahnenkraht,
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So wie sie täglich pflog, aufschaute von der Tür nach ihm,
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Sah sie zum Hause schreiten von dem Hügel her
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Zwei Götter: an dem goldnen Halsgeschmeid sogleich
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Erkannte sie der Ehe Göttin, Frigga selbst,
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Und an dem Hammer auf der Schulter Asa-Thor. –
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Sie trat den Gästen gastlich näher sieben Schritt
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Und bot die Hand zum Gruß und lud, ins Haus zu gehn:
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Doch Frigga hob den rechten Arm und wies sie ab,
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Das Haupt stumm schüttelnd: aber Thor begann:
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– »Das hoffe nicht, daß unser Fuß das Haus betritt,
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Das zu zerbrechen wir hieher gekommen sind.«
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Und mit dem Wort warf er den Hammer hoch im Schwung,
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Daß in des Haustors heilig Holz er schmetternd schlug,
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Die Eichenplatte ganz zertrümmernd, die er traf.
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Entsetzt zur Schwelle wich Sigün zurück und sprach:
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– »Du wagtest solchen Frevel nicht, so stark du bist,
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Wär' Er zur Hand, der mein und dieses Hauses Herr.
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Des Hauses Frieden, Thor, hat dieser Wurf verletzt.
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– »Du irrst! Denn Lokis Haus hat keinen Frieden mehr!
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Geächtet ist dein Gatte durch der Götter Spruch,
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Zum Feind gesetzt für alles, was da Odem hat,
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Sein Haupt ist rechtlos wie des Wolfes: dies sein Haus
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Hat, wie des Raubtiers Höhle, keinen Frieden mehr,
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Und wer ihn findet, mag ihn schlagen ungestraft.«
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Da brach Sigün vor ungeheurem Schmerz ins Knie,
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Und barg das Antlitz in dem wunderschönen Haar,
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Das wie ein goldner Strom ihr reich vom Haupte floß.
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Doch plötzlich sprang sie auf und strebte, fort zu fliehn.
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– »Wohin?« – rief Thor und hielt am Arm die Zarte fest.
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– »Du frägst? Du frägst? Zu ihm! ihn will ich suchen gehn,
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Zu warnen ihn vor euch und eurer Grausamkeit,
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Und mit ihm flüchten bis zum letzten Rand der Welt.« –
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– »Zu spät!« – rief Thor – »Schon ist er in der Götter Hand!
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Nach mancher List ergriff ihn endlich dieser Arm,
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Zwang ihn zu stehn und gab ihn preis dem Strafgericht.«
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Da warf Sigün sich hin vor Frigga: beide Knie'
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Umschlang sie weinend ihr und rief: – »Du bist ein Weib!
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O führe mich, wo ich sein Schicksal teilen mag.«
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Und Frigga hob gerührt empor die Flehende,
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Indessen Thor mit seinem Hammer Schlag auf Schlag
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Des Hauses feste Pfosten schmetternd niederriß:
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Es fiel gemach der Bau und von den Felsen her
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Erscholl der ungeheuren Streiche Widerhall. –

74
Doch Frigga faßte der Betrübten Kinn und sprach:
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– »Sigün, stets hab' ich deinen edeln Sinn erkannt,
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Und dein Gemüt ob seiner tiefen Art geehrt,
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Und hab' auch jetzt dich nicht, wie alle Göttinnen,
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Verlassen, sondern komme liebevoll zu dir.
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Denn jeden Schmerz – das weiß ich – mehrt Verlassenheit! –
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In dunkler Stunde komm' ich an des Unglücks Ort,
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Um dich zu warnen, daß du nicht dein eigen Los
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Verflechten magst in des unsel'gen Mannes Geschick.
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Gefangen liegt er, in ergrimmter Feinde Hand, –
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Ein grauenhafter Fluch ist auf sein Haupt gelegt, –
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Daß alles Gut, das jeden freut, der Odem hat,
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Nur ihm zum Bösen und zum Gifte sei verkehrt, –
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Und alles jedem Glücklichen Verhaßteste
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Soll überströmen maßlos auf sein schuldig Haupt. –
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Sein harren Qualen, wie bisher sie keiner trug: –
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Als er den Fluch gesprochen, graute Odhin selbst: –
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Und dieses Fluches Geißel trifft – bedenke das! –
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Nicht nur ihn selbst, nein, jedes Wesen, welches nicht,
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Wie alle sonst, ihn von sich ausgestoßen hat.
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Verlassen hat ihn Vater, Mutter, Bruder, Schwester
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Und jeder Freund: denn alle hat er schwer gekränkt
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Und alle scheuen jenes Fluchs Gemeinsamkeit. –
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Der Sonnenstrahl, der sich zu ihm verirrt, entflieht
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Entsetzt, daß ihm der Fluch den Glanz nicht raube, –
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Und jeder Windhauch biegt in weitem Umweg aus,
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Daß ihn sein Atem nicht vergifte – –: doch, Sigün,
101
Du hörst mich nicht – was sinnest du so starren Blicks?«
102
– »Sprich, Frigga, ist kein Mittel, das ihn retten kann?«
103
– »Nicht Eines!« – »Nun, so führe mich zu ihm in Eil'.« –
104
– »So hast du alle meine Worte nicht gehört?«
105
– »Ich hörte sie! Sie mahnen mich, zu ihm zu geh'n!
106
Du Armer, den der Weltenkreis verstoßen hat,
107
Den Vater, Mutter, Bruder, Schwester, Freund verließ, –
108
Von deinem Weib sollst du nicht auch verlassen sein!«
109
– »Rechtfert'gen willst du noch den Allverderblichen?
110
Sprich, welches Heil'ge hat er nicht verletzt?« – – »Halt ein!
111
Ich kann ihn nicht verteid'gen: – darum ziemt mir nicht
112
Zu hören zwecklos des Gemahls Beschuldigung.
113
Und hat er alle Wesen sonst verletzt – nicht mich!«
114
– »Ha, Törin! welche Gattin trüge sonder Groll
115
Des Gatten ew'ger Wanderschaft Lieblosigkeit?
116
Viel weißt du, wie er Treue dir gehalten hat,
117
Der wüste Gast der Elben er und Riesinnen!«
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Da hob Sigün sich königlich empor und sprach:
119
– »Halt, Frigga, – Still! Du bist des Himmels Herrscherin
120
Und stolz durch alle Welten geht dein Machtgebot,
121
Doch jede fremde Macht ist machtlos in dem Kreis,
122
Dem heil'gen, welchen Liebe zieht um Mann und Weib.
123
Ich bin allein des Gatten Eherichterin,
124
Und wer verdächtigt ihn, spricht ihn die Gattin frei?
125
Genug! Zu ihm! Sein Los ist meins; ich bin sein Weib!«
126
– »Mitnichten mehr! Glaubst du, dem Wolf, dem alles Recht,
127
Dem alles, was sonst Lebende verbindend freut,
128
Durch Richterspruch entzogen ist auf immerdar,
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Dem lasse man der Ehe heilig Recht bestehn?
130
Ich selbst, des ehelichen Herdes Schützerin,
131
Zerbreche dieses Band, gleichwie den dürren Halm
132
Hier meine Hand zerbricht, und mit dem Hammer Thors,
133
Der euren Bund geweiht, entweihend lös' ich ihn,
134
Als hätt' er nie bestanden! – Sieh: so bist du frei.« –
135
Wehmütig lächelnd sprach Sigün entgegen: – »Frei!
136
Als löste sich in Einem Augenblick das Band,
137
Das tausend wonnesüße Augenblicke fest,
138
Unlösbar fest genietet haben um ein Paar!
139
Wer trennt im Himmel und auf Erden Mann und Weib?
140
Nichts, als sie selbst! – Und auch sie selbst nicht völlig mehr!
141
Wer kann den Tropfen Bluts, der in den Adern rollt,
142
Ausscheiden mehr aus seines Körpers Lebensflut,
143
Wer aus dem Geist genoss'nen Glücks Erinnerung?
144
Ohnmächt'ge Göttin, sprich: kannst du der Sterne Lauf
145
Rückwenden, daß gescheh'ne Dinge nicht geschehn?
146
Du kannst es nicht –: so laß beisammen Mann und Weib!
147
Und – daß du's weißt – mich zieht nicht kalte Pflicht zu ihm: –
148
Nein: heiße Liebe! Niemals hab' ich ihn so sehr
149
Geliebt: nicht als er strahlend kam in Schimmerpracht,
150
Des Feuerreiches Krone, die glutleuchtende,
151
Auf seinem stolzen, jugendschönen Lockenhaupt,
152
In dem Geleit derselben Götter kam, die jetzt
153
Ihn hassen, er, der flammenfeurigste der Schar,
154
Nicht, als zuerst er um mich warb in Glück und Glanz,
155
Hab' ich den frohen, funkensprüh'nden Bräutigam
156
Geliebt wie jetzt den Allerweltverhaßtesten,
157
Der ehrlos, machtlos schmachtet in der Feinde Hand!
158
Ich weiß, er ist befleckt von jeder Schuld und Schmach: –
159
Doch stiege heut' der lilienreine Baldur selbst,
160
Den er erschlug, aus Helas dunklem Reich empor, –
161
Nicht lichter schiene mir sein Bild, noch lieblicher
162
Als dieser süße Mann, den alles sonst verflucht!
163
Denn Liebe hat nicht freie Wahl noch Maß des Werts:
164
Nein, Herz zum Herzen zieht sie blindlings zwingender
165
Als jene Kraft, die bindend zieht den Stern zum Stern.
166
Und hingen alle Götter sich und Göttinnen
167
An meinen linken Arm, den rechten schläng' ich fest
168
Um meines Gatten Brust und eher zög' ich euch
169
Gesamt zu ihm, daß ihr ihm löstet seine Pein,
170
Als daß ihr mich von ihm zu euch hinüberzögt. –
171
Und gibst du selbst mir nicht Geleit zu ihm: – wohlan,
172
Ich such' ihn, einsam wandernd, durch die weite Welt:
173
Nicht rasten soll mein müder Fuß, bis ich ihn fand,
174
Und bis sein vielgequältes Haupt im Schoß mir ruht.« –

175
Sie wandte sich zu geh'n: noch einen letzten Blick
176
Warf auf des Ehehauses Balken sie zurück,
177
Die nun zertrümmert lagen, ordnungslos zerstreut,
178
Und züngelnd schlug ringsum die Flamme schon empor,
179
Die Thor mit letztem Hammerschlag darin entfacht.
180
Thor kam herbei, bot ihr die Hand und sprach gerührt:
181
»sigün, nicht zürne mir um das, was du hier schaust.
182
Nicht ich, dein Gatte selber hat sein Haus zerstört:
183
Denn wer das Böse tut, will seine Strafe selbst!
184
Du aber hast – wohl hab' ich, was du sprachst, gehört –
185
Mit deiner großen Treu' mein ganzes Herz bewegt,
186
Und ging es gegen Schicksal nicht und Nornenspruch, –
187
Verzeih'n wollt' ich um deinetwillen seine Schuld
188
Und dieser Arm, der ihn bezwang, sollt' ihn befrein!
189
Ich darf es nicht: – doch führen will ich dich zu ihm –
190
– Der Falsche hat es nicht verdient um Asathor –
191
Doch dir zuliebe werd' ihm deines Anblicks Trost.«
192
Und treulich stützend führt er fort die Wankende,
193
Mit sanftem Zuspruch tröstend ihr verzweifelnd Herz:
194
Und sorglich hob der sonst so ungestüme Gott
195
Des Todfeinds Weib sanft über jeden Stein am Weg. – –

196
Und Frigga sah dem Paare lange sinnend nach:
197
– »Das ist dein reiches, weiches Herz, mein Donnergott!
198
Zum höchsten Zorne leicht empört im Augenblick
199
Und nach dem Sturm mildgütig wie kein andrer Gott! –
200
Hat doch dies Weib mir selbst das stet're Herz bewegt!
201
Wen noch ein Wesen lieben kann mit solcher Treu',
202
Der kann nicht ganz und immerdar verloren sein. –
203
Ich will hinauf zu Odhin geh'n, zum Zwiegespräch:
204
Viel willigt mir des Gatten Seele zu, wann ich
205
Ihm Kinn und Wange streichle mit der weichen Hand,
206
Und sühnen Männerzwist, ist – dünkt mich, – Frauenpflicht.«
207
Sie sprach's und ging, und suchte, wo sie Odhin fand,
208
Verschließend hinter sich Walhallas goldne Tür. –

209
Thor und Sigün, die zogen manchen Tag indes,
210
Bis sie gelangten an ein finstres Felsgebirg':
211
Da sprach Thor: – »Nun, Sigün, nun fasse dich in Kraft,
212
Denn schwere Strafe wurde Lokis schwerer Schuld:
213
Er sollte fest gebunden sein und schmerzlich auch: –
214
Was er zu dulden trägt, das trage du zu schau'n.«
215
Und so gewarnet schlug sie scheu die Augen auf, –
216
Und brach zusammen gleich mit einem Weheschrei:
217
Denn sie erblickte ihren heiß geliebten Ehgemahl
218
Und seiner grauenvollen Strafe Qual zugleich:
219
In dunkler Bergeshöhle lag er ausgespannt:
220
Und auf drei harte Felsen war sein Leib gestreckt:
221
Auf Eine Felsbank war der Hals geschmiedet ihm,
222
Auf einer zweiten lag der starken Hüften Wucht,
223
Und auf der dritten Felsenkante waren ihm
224
Die beiden Knie' genietet mit dem Band von Erz,
225
Und schwere Eisenklammern hielten links und rechts
226
Die ausgespannten beiden Arme zwängend fest:
227
Doch über seinem Antlitz, in der Höhle Dach,
228
Da war ein giftgeschwoll'ner Wurm befestiget,
229
Der seinen Geifer ätzend scharf ihm träufelte
230
Ins Angesicht, dem stöhnend wehrlos Duldenden,
231
Und wo ein Tropfe nur davon daneben glitt,
232
Zerfressen ward der Felsen von dem scharfen Gift. –
233
Da, als Sigün den Jammervollen dulden sah,
234
Den blüh'nden Leib entstellt, zerfleischt und ausgerenkt,
235
Von Blut und Gifte triefend, wirr sein Haargelock,
236
Und aus der Stirn vor Schmerz gepreßt die Augen starr,
237
Dieselben Augen, die sie oft zu Ruh' geküßt,
238
Wann sie des Blickes heißes Feuer nicht mehr trug, –
239
Als sie das alles sah, da schrie sie überlaut:
240
– »O Loki, mein Gemahl! O wehe, weh' um dich!« –
241
Und auf die Erde schlug ihr Antlitz dumpfbetäubt;
242
Und Thor, um diesen Jammeranblick nicht zu schau'n,
243
Der wandte sich, den Arm auf einen Fels gestützt,
244
Und sah mit Schweigen in die Ferne. – Aber als
245
Des treuen Weibes Stimme Loki nun vernahm,
246
Da regte sich sein Leib trotz Fels und Eisenband,
247
Gleich einer Meereswoge hob sich seine Brust,
248
Und wie aus seiner Seele tiefstem Grund hervor
249
Drang ihm ein Stöhnen, furchtbar, herzzerreißend schwer.
250
Das weckte rasch Sigün aus ihrem dumpfen Schmerz,
251
An seine Seite flog sie schnell und kniete sich
252
Und schlang die Arme fest um des Gequälten Leib
253
Und drückte fest die Lippen auf den bleichen Mund. –
254
Und als ihr Fuß der grausen Höhle Raum betrat,
255
Da wichen von ihr plötzlich Licht und Sonnenschein,
256
Des Windes reiner Atem folgt' ihr nicht hieher
257
Und auf das Herz fiel ihr des schweren Fluches Last,
258
Den sie nun völlig teilte mit dem Ehgemahl,
259
Der sie von allen frohen Wesen ewig schied. –
260
Und Loki sprach – und jedes Wort war schmerzerkauft:
261
– »Du hier – Sigün! Du treu dem Allverlassenen!
262
Weh mir! Dein Anblick brennt mir tiefer in das Herz,
263
Als Gift und Ketten fressen in den morschen Leib.« –
264
– »Warum betrübt mein Anblick dich, geliebter Mann?« –
265
– »Weil ich nicht solche Treu' um dich verdient, mein Weib!
266
Du bist die einz'ge, welche Loki Treue hält,
267
Und doch von allen Wesen hat er keins wie dich
268
So schwer gekränkt mit unerhörtem Treuebruch!
269
Den andern hab' ich großen Schaden zwar getan –
270
Sie waren Feinde, – wo nicht, Freunde nur, und ich
271
Gehorchte meiner angebornen Eigenschaft,
272
Wenn ich mich freute fremden Schadens und ihn schuf:
273
Denn wenig Völlig-Gutes gibt es in der Welt:
274
Und mir verlieh Natur den Blick fürs Böse nur
275
Und zu enthüllen alle Unvollkommenheit
276
Und mich zu freu'n, deckt' ich sie schmerzlich auf:
277
Du aber warst vollkommen stets in Lieb' und Treu',
278
Mein böser Blick sogar sah keinen Fehl an dir, –
279
Und dennoch, dennoch hab' ich dich verraten auch!«
280
Und er verstummte seufzend und sah fort von ihr.
281
– »Was hast du mir gefehlt, mein Ehgemahl, sag' an?« –
282
– »Ja, sagen will ich's und erleichtern meine Brust:
283
Nicht nehmen will ich unverdiente Treu' von dir:
284
Dich bindet keine Pflicht an dieses falsche Herz,
285
Das sollst du wissen und sollst dann von hinnen gehn,
286
Von aller Lieb' und Sorg' für mich auf immer frei:
287
Gebrochen hab' ich dir des Ehebundes Treu: –
288
Schon lang hast du vermisset deinen Hochzeitsschmuck: –
289
Den Brautring, Busenspang' und Gürtelbund von Gold: –
290
Ich selber stahl es nachts dir unterm Kissen weg,
291
Und warf's der Riesin Angurboda in den Schoß,
292
Die solchen Preis begehrt für ihre Liebesgunst. –
293
Und nun ich diesen Frevel dir gestand, laß mich
294
Dir nur noch künden dieses allerletzte Wort:
295
Für alle Schuld, der Götter mich und Menschen zeih'n,
296
Hat keine Reue noch mein starkes Herz bewegt,
297
Und hüb' ich heute frei von vorn mein Leben an,
298
Und säh' ich alle diese Qual als Lohn voraus: –
299
Ich ließe keine meiner Taten ungetan! –
300
Doch deine Lieb' und Treue rührt mein hartes Herz,
301
Und könnt' ich machen jenen Treubruch ungescheh'n, –
302
Reukaufen wollt' ich ihn um jeden höchsten Preis,
303
Ich wollte selbst vor jenen mich demütigen,
304
Vor Thor und Odhin, die mich angeschmiedet hier.
305
Nun geh, Sigün, laß den Verräter einsam hier,
306
Nicht würdig bin ich deiner reinen Gegenwart. –«
307
Sie aber, seit er Angurbodas Namen sprach,
308
Hatt' ihre Arme schaudernd losgemacht von ihm
309
Und beide Hände fest gedrückt vors Angesicht,
310
Als sollt' ihr Aug' erblinden nun für immerdar.
311
In hartem Krampf hob sich ihr Busen ungestüm,
312
Solang er sprach: es war, als sprang ihr Herz entzwei.
313
Doch als er nun verstummt, sah sie auf sein Gesicht, –
314
Sein Auge war geschlossen – seinen Mund umzog
315
Ein Zucken höchsten Schmerzes: – »Loki« – rief sie laut –
316
Ich liebe dich – dein Los ist mein's – ich bin dein Weib.«
317
Und warf mit beiden Armen sich auf seine Brust,
318
Und küßte seinen leichenblassen Mund. Er schwieg, –
319
Und durch die martervolle Felsenhöhle ging's
320
In beider Schweigen wie holdseligste Musik. – –

321
Nun aber nahm Sigün der gift'gen Natter wahr,
322
Und sah die Schmerzen, die ihr scharfer Geifer schuf,
323
Und schnell entschlossen wölbte beide Hände sie,
324
Gleichwie zur runden Schale, undurchdringlich fest,
325
Und fing abwehrend so die gift'gen Tropfen auf,
326
Die nun gesamt, statt in des Gatten Angesicht,
327
In ihre weichen Hände fielen: einmal nur
328
In ungeheurem Schmerze zuckte ihre Hand,
329
Und dann nicht mehr. – Ein selig Lächeln zog
330
Um Lokis Mund, als er verspürt die Linderung:
331
– »O habe Dank« – sprach er – »du treues, süßes Weib!
332
Das tust du noch an mir, der dich verraten hat!« – –
333
– »Still« – sprach Sigün – »da draußen stehet Asathor: –
334
Sie reden allgenug des Bösen schon von dir, –
335
Nicht wissen sollen sie, was du an mir getan.« –
336
Und ihre Hände, voll des scharfen Gifts gehäuft,
337
Entleerte sie und trocknet' sie am goldnen Haar
338
Eilfertig ab: und bot sie wieder dar dem Gift,
339
Und fing es auf, wie ein Pokal von Elfenbein:
340
Denn schön vor allen Göttinnen war ihre Hand. –

341
Thor aber stand nicht mehr am Felsen: jedes Wort
342
Hatt' er vernommen von der Gatten Zwiegespräch
343
Und schon vor Odhin stand er, wo er Frigga fand.
344
Er rief: – »Bei meinem Hammer schwör' ich Zeugnis ab!
345
Ich hab' es selbst gehört – ich glaubt' es keinem sonst –
346
Ein Wunder ist gescheh'n: – denn Loki hat bereut,
347
Und sie hat ihm verzieh'n, die er zumeist gekränkt.«
348
Und Thor nahm Odhins Rechte, Frigga schmiegte sich
349
An seine Linke, streichend aus den Schläfen ihm
350
Die dunkeln Locken, die ums vorgebeugte Haupt
351
Ihm flossen, denn er sah erwägend vor sich hin:
352
Und nun erhob er weihevoll das ernste Haupt,
353
Sein Auge fiel auf Lokis Höhle, wo Sigün
354
Mit frommen Händen schützend dem zu Häupten stand,
355
Und als sein Blick in milder Rührung glänzte, drang
356
Ein heller Sonnenstrahl – der erste! – in das Grau'n
357
Der Höhle und es strich ein Windhauch kühl und rein
358
Um Lokis Stirn, als Odhins Mund die Worte sprach:
359
»es kömmt dereinst ein Tag, der alle Schatten tilgt,
360
Wann in verjüngter Welt der Gott des Lichtes siegt.
361
Aus Helas dunklem Reich kehrt Baldur selbst zurück,
362
In seinem Himmel dann wohnt ausgesühnt mit ihm
363
Sein Mörder: keine Qual währt in die Ewigkeit.
364
Fiel ihm vom Herzen erst des Hasses Eisenband,
365
Dann fällt die Fessel auch, die seine Glieder zwängt:
366
Erfüllt sein kaltes Herz der Liebe warmes Licht,
367
Dann wird von Licht erfüllt auch seiner Höhle Nacht.
368
Seht hin: schon fiel hinein der erste Sonnenstrahl
369
Und Eine Schuld hat schon dies stolze Herz bereut.
370
Wir haben's nicht vermocht, ihn auszustoßen ganz:
371
Die Liebe drang zu ihm, die jeden Fluch besiegt,
372
Wohin die Liebe dringt, zieht sie die Sonne nach,
373
Und auf der Sonne Spur folgt auch die Gnade bald:
374
Nicht kleiner soll fürwahr als eines Weibes Treu'
375
Die Milde Odhins sein, den man Allvater nennt.«

376
Und er stand auf vom Thron und streckte väterlich
377
Die Arme segnend aus, weit über alle Welt:
378
Und stille ward's umher und durch die Himmel floß
379
Aus jeder Hand ein Strom von Frieden und von Licht. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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