Maria Stuart und Sir Gordon

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Felix Dahn: Maria Stuart und Sir Gordon (1873)

1
An Englands Grenze harret die schöne Sünderin:
2
Doch nicht mehr steht nach London, nach anderm steht ihr Sinn.

3
Er steht nach neuer Liebe, nach neuem Glück und Wahn:
4
Das war Sir Leslie Gordon, der hatt' es ihr angetan.

5
Er nahm in Gordon Castle die Flücht'ge gastlich auf, –
6
Er ahnte nicht, welch' Unheil er lud zu sich herauf!

7
Mit höf'schen Rittersitten er dient' ihr als Vasall
8
Und schaute kalten Auges die süße Schönheit all.

9
Das konnte sie nicht tragen: – nicht lag's in ihrer Art: –
10
Noch hatt' in ihrer Nähe kein Mann sein Herz gewahrt.

11
Tief sah sie in sein Auge, und als das blieb so kühl,
12
Entflammt' das eigne Herz ihr bezwingendes Gefühl.

13
Sie rang mit ihrer Liebe, und ihre Liebe gewann,
14
Und eines Abends trat sie vor den geliebten Mann:

15
Gesenkten Hauptes, gleitend, wie geheime Liebe tut,
16
Vertausendfacht ihr Liebreiz durch leise rieselnde Glut.

17
»sir Leslie,« haucht sie bittend, »Sir Leslie, gebt mich frei,
18
Mir träumte schwer, mir träumte, daß ich Eure Gefangne sei.«

19
»dies Schloß ist Euer, Kön'gin – gefangen? Ihr sprecht im Scherz!«
20
»ich sprech' im tiefsten Jammer und gefangen ist – mein Herz.«

21
Und sie drückt die verschlungnen Hände vor die Stirne marmorweiß:
22
»ich liebe dich, Leslie Gordon, Mary Stuart liebt dich heiß.«

23
Da trat Sir Leslie Gordon zurück zwei Schritte weit:
24
Und stolz sprach er und eisig: »Lady Stuart, das tut mir leid.

25
Ihr liebt mir zu geschwinde: – ich kann nicht folgen so schnell:
26
Sir Cecil und Sir Darnley und Rizzio und Bothwell: –

27
Und meint Ihr, Leslie Gordon, der wäre der Fünfte? Nein!
28
Lady Stuart, es wollen die Gordons überall die Ersten sein.«

29
Da hob das Haupt Maria, das sie tief vor ihm gebeugt,
30
Ein Blick voll tiefsten Liebens und Vorwurfs auf ihn fleugt:

31
»wohl hab' ich das verdienet – doch nicht aus deinem Mund!
32
Auf! sattelt meine Rosse, nach London geht's zur Stund'!«

33
Und Leslie Gordon sah ihr betroffnen Blickes nach
34
Und Scham und Schmerz und Reue sich brandend in ihm brach.

35
»sie schmachtet im dumpfen Tower, vom Mord das Haupt bedroht,
36
Und ich hab' sie gestoßen von mir in den bittern Tod.

37
Das süßeste Weib auf Erden bot Herz mir, Hand und Heil,
38
Und ich zum Dank entgegen stieß sie dem Henkerbeil.

39
O nur noch einmal küssen den Staub von deinen Schuh'n,
40
Sonst kann in Himmel und Hölle meine Seele nimmer ruhn.

41
Nein, nein, du sollst nicht sterben, ich rette dich, bei Gott,
42
Ich rette dich, Maria, oder teile dein Schafott.« –

43
Zu London im alten Tower hielt man zu scharfe Wacht,
44
Am Tage vor Maria ward er zum Tod gebracht.

45
Fest schritt er aufs Gerüste: »Hier ist der Vortritt
46
Sagt ihr, es müssen die Gordons überall die Ersten sein.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Dieser Text könnte aus folgender Literaturepoche stammen:

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.