Der Zaubermantel

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Felix Dahn: Der Zaubermantel (1873)

1
Hoch thronte König Arthus im goldnen Königssaal,
2
Ginevra ihm zur Seite, sein üppiges Gemahl.

3
Sie trug versteckt im Busen ein feuerfarben Band,
4
Mit feuerfarbner Schärpe Herr Lancelott bei ihr stand.

5
Die Ritter der Tafelrunde mit ihren stolzen Frau'n,
6
Die saßen auf goldnen Stühlen: – viel Pracht war da zu schaun.

7
Der Pfau prangt auf der Tafel, der Schenk füllt den Pokal:
8
So oft ihn leert der König, klingen die Hörner im Saal.

9
Da tritt mit rotem Mantel ein Knabe vor sie hin: –
10
»gegrüßt, du edler König, gegrüßt, Frau Königin.

11
Jetzt mag sich freun und rühmen, wem treu sein sittig Weib:
12
Der Zaubermantel kleidet keinen schnöden Leib.«

13
Der König winkt: – die Königin, sie steht vom Thronstuhl auf:
14
Es ballt die Faust Herr Lancelot an seinem Schwertesknauf.

15
Den Mantel wirft die Königin um ihre Schultern leicht,
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Da wirft er böse Falten, der schöne Purpur bleicht.

17
Wie welkes Laub im Herbste schrumpft er zusammen fahl: –
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Sie schleudert ihn zur Erde und stürmet aus dem Saal.

19
Der König furcht gewaltig die düstern Augenbrauen:
20
»wohlan! Wer ist die zweite von diesen edlen Frauen?«

21
Er ruft's: – sie schweigen alle: – sie blicken in den Schoß –
22
»wie? Keine will es wagen? Die Schande, traun! ist groß.«

23
Da tritt Herrn Lanvals Gattin hervor, Frau Floribell:
24
Es glühen ihre Wangen wie zwei junge Rosen hell.

25
Sie steigt gesenkten Auges den goldnen Thron hinan,
26
Und sonder Zittern legt sie den Zaubermantel an.

27
Da glättet sich und schmiegt sich und dehnt sich das Gewand: –
28
Nur eine leise Falte sich an der Schulter spannt.

29
»o schmiege dich, mein Mantel! Willst du mir nicht verzeihn,
30
Daß ich als Mädchen küßte Lanval, den Gatten mein?«

31
Da fällt die letzte Falte, der Mantel fließt und wallt,
32
Und herrlich ist zu schauen die liebliche Gestalt.

33
»herr Lanval,« – rief der König – »Ihr seid der Erste hier:
34
Ich trage nur die Krone, der Glücklichste seid Ihr.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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