Donna Bianca Vendramin

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Felix Dahn: Donna Bianca Vendramin (1873)

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Durch die Straßen von Ravenna,
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Durch die Hallen und Paläste
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Zwischen Schwarzen längst und Weißen,
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Ghibellinen tobt und Guelfen
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Unversöhnlich grimmer Streit.

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Aber heute drängt sich alles,
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Ritter, Bürger, Senatoren,
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In die schwarz verhangne Rota,
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Wo die strengen Richter richten
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Über blut'ge Freveltat.

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Vendramin, das Haupt der Weißen,
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Von Ravennas ältstem Adel,
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Weise, mild, ein Greis voll Tugend,
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Heute nacht ward er ermordet
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Auf der Straße nach Forli!

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Und in mitternächt'ger Stunde
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Von den Weißen ward ergriffen
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Nah der Casa Vendramini,
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Ohne Wehrgehäng und Gürtel,
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Fortunato Loredan.

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Er, der Schwarzen junger Führer,
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Ritterlich und kühn und feurig:
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Niemand zieh ihn leicht des Mordes –
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Doch er weigert Wort und Auskunft
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Und den Argwohn mehrt sein Trotz.

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»strenge Rota, sprich dein Urteil.
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Was bedarfst du weiter Zeugnis?
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Er verweigert Wort und Auskunft
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Und um seine stolzen Lippen
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Spielt ein siegreich Lächeln noch.«

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Also drängt der Haß der Weißen:
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Doch der Konsul, hoch von Ansehn,
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Spricht: »Ich kann's und will's nicht glauben!
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Nein, du bist kein Meuchelmörder,
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Fortunato Loredan.

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Aber nun zum letzten Male
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Frag' ich dich – es gilt dein Leben –
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Sage mir, nur mir, dem Richter,
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Wo du diese Nacht gewesen,
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Als die grause Tat geschah?«

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Doch das Haupt wirft in den Nacken
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Stolzen Blicks der schöne Jüngling:
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»edler Konsul, nimm mein Leben,
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Aber Himmel nicht noch Hölle
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Ringt ein Wort aus meinem Mund.«

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Und schon hebt den Stab der Konsul: –
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Horch, da murmelt's durch die Menge:
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»platz der Dame! Laßt sie nahen,
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's ist die Nichte des Erschlagnen,
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Donna Bianca Vendramin.«

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Und mit festem raschem Schritte
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Durch die Halle schwebt das Mädchen,
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Schwarzen Schleier um die Locken,
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Marmorbleich die edeln Züge,
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Doch im Auge Siegesstolz.

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»edle Herrn,« spricht sie, »und Richter,«
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– Und sie breitet auf die Tafel
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Wehrgehäng und Dolch und Gürtel –
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»zeugnis komm' ich abzulegen
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Vom Geheimnis dieser Nacht.

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Diese Nacht hat der Signore
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Vor den Toren von Ravenna
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Meinen Oheim nicht ermordet,
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Denn Signore Loredano –
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Diese Nacht – war er – bei mir.«

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Sprach's und aus dem Gürtel riß sie
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Fortunatos Dolch und hob ihn: –
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Doch es fiel von vorn der Konsul,
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Von der Rechten der Geliebte
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Selber rasch ihr in den Arm.

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Und es sprach der alte Konsul:
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– Tränen standen ihm im Auge –
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– Tränen auch den andern Richtern –
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»niemals hat ein Weib auf Erden
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Eine schönre Tat getan.

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Heil, Ravenna, dir und Frieden!
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Guelfen hört's und Ghibellinen,
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Nun ist aller Streit geschlichtet
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Und die Hochzeitglocken läuten:
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Loredan und Vendramin.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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