Die Königin von Aragon

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Felix Dahn: Die Königin von Aragon (1873)

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Die Königin von Aragon, die zählte siebzehn Jahr',
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Ihr Antlitz war wie frischer Schnee, wie dunkle Nacht ihr Haar.

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Doch blieb ihr nur ein grauer Turm von ihrem reichen Land:
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Auf Strand und Meer, auf Stadt und Flur lag schwer der Moslim Hand.

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All' ihre Besten lagen tot, Kaplan und Bischof flohn,
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Ihr eigen war kein Pfeilschuß mehr vom weitem Aragon;

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Auf ihrem alten Bergschloß litt die feine Fürstin Not,
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Und oft von goldnen Schalen aß sie Reis und hartes Brot.

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Denn vor dem Wall lag Ibrahim, der schwur's mit manchem Eid,
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Er weiche nicht, bis er im Sturm die Königin gefreit.

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Da schrieb die junge Königin an alles Rittertum:
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»kommt hierher: hier in Aragon erwirbt sich Gold und Ruhm.

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Und kömmt ein Held und kann mein Reich und kann mich selbst befrein,
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Die Hälfte soll von allem Land und Gut sein eigen sein.«

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Doch niemand kam und nahm den Lohn aus aller Christenheit:
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Denn Ibrahim und seine Macht, die schreckten weit und breit.

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Umsonst die schöne Königin auf hohem Söller stand,
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Und sah nach allen Winden aus und hielt vors Aug' die Hand.

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Kein Retter kam, kein Schiff zur See, kein Reiter aus dem Wald;
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Rings alles still: – ihr Schleier nur im Abendwinde wallt. –

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Doch endlich tönt das Türmerhorn und sieh, vom Berg ins Tal
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Ein reisig Häuflein nieder stieg, dreihundert an der Zahl.

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Ein junger Ritter zog voran, in Eisen bis ans Kinn,
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Auf seinem Schild geschrieben stand: »Für meine Königin!«

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Er zieht ins Schloß, und neigt sich tief und spricht: »Ich heiß' Alfons,
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Und morgen bist du wiederum die Herrin Aragons.

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Doch lüstet mich nicht Gold noch Land: ich fordre höhern Preis,
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Ich fordre – einen einz'gen Kuß auf deine Stirne weiß.«

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Da ward die weiße Stirne rot, die Kön'gin hauchte leis:
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»erfüllt Ihr Euer Ritterwort, so wird Euch Euer Preis.«

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Da zog er sein Toledoschwert, die Zugbrück' tat sich auf,
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Ins Heidenlager brach die Schar gleich wie des Bergstroms Lauf.

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Durch Schild und Helm wie Gottes Blitz schlug Don Alfonsos Schwert,
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Vom Wirbel bis zum Gurt durchhaun stürzt Ibrahim vom Pferd.

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Die Fahne fällt, das Lager brennt, Entsetzen faßt das Heer,
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Sie fliehn zum Strand, sie fliehn zu Schiff, sie flüchten übers Meer.

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Und Saragossa ist befreit, Huesca tut sich auf.
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Die Schlüssel sendet Stadt um Stadt zur Königin hinauf. –

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Da sprach die junge Königin: »Nun zündet Kerzen an,
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Und windet Kränze grün und bunt und tut mich bräutlich an.

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Laßt meine Banner prächtig wehn von Turm und Zinnen all',
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Die Pforten auf, die Tore weit und laut Trompetenschall.

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Und als der Zug nun zögernd kam, da rief die Königin:
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»er hat sein Wort gelöst, wohlan – den Preis nun nehm' er hin.«

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Doch alle Ritter schwiegen still, es schloß sich auf die Schar: –
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Da lag Alfonso stumm und bleich auf einer blut'gen Bahr'.

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Rot Schild und Panzer: in der Brust, da stak ein Wurfpfeil drin
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Und auf dem Schild geschrieben stand: »Für meine Königin!«

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Da schritt die Königin hinzu, küßt' auf die Stirn ihn leis:
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»ich schulde dir in Ewigkeit, Alfons, den Siegespreis.

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Ihr Ritter aber, folget mir! Nach Saragossa nun!
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Die Könige von Aragon in Saragossa ruhn.

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Dort senket euren König ein und meinen Eheherrn:
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Sein bleib' ich bis zum Wiedersehn auf einem schönen Stern!«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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