Das Urteil Gregors VII

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Felix Dahn: Das Urteil Gregors VII (1873)

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In tiefen Sorgen stand
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Der ehr'ne Hildebrand:
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Gelehnt im Lateran
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An eines Fensters Rand
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Sah er auf dunst'ger Bahn
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Die Sonne blutig sinken
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Rot in den Tiberstrom:
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Der ist gewohnt, zu trinken
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Dein Blut und fremdes, – Rom! – –

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Versunken nun mit Glanz und Glut
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Die Sonne lag in schwarzer Flut,
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Da warf sich nieder am Altare
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Der hagre Mönch in der Tiare
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Und, wie Jakob mit Zebaoth,
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Rang er mit seinem Gott.
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Die knoch'gen Hände hoch erhoben,
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Hob er auch Herz und Blick nach oben,
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Den Flammenblick, und schalt auf Gott!

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»herr, machst du wirklich mich zum Spott
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Vor meinen Feinden? Nein, den deinen:
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Denn dieses weißt du: – sollt ich meinen –
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Ich führ' in Kampf und Rache,
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Im Fluch und Anathem,
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Nur deine, deine Sache
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Gen Heinrichs Diadem.
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Ja, mein ist deine Sache
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Und deine Sache mein:
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Soll denn der Höllendrache
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Noch nicht bezwungen sein,
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Des Teufels Saat,
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Der sünd'ge Staat?

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Ich schüttle goldne Kronen
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Von Königshäuptern stolz
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Wie Sturmwind sonder Schonen
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Das welke Laub im Holz.
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Zu meinen Füßen lag sie,
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Des Reiches Majestät,
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Nachdem drei Nacht und Tag sie
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Um Gnade mich gefleht.
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Vom Bußhemd schon behemdet,
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Lag sie von Schmach bestaubt:
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Aufs neue, gottentfremdet,
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Hebt sie das trotz'ge Haupt.

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Und nun hast du mir grausam
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Den besten Freund entrissen,
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Dem ich gefolgt vertrausam:
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Ich nannt' ihn: mein Gewissen!
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Den Abt von Cluny nahmst du mir,
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Der heil'gen Kirche höchste Zier,
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Nein, nicht nur dies: Burg, Wehr und Turm
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Bewährt in aller Feinde Sturm.
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Das fromme Cluny steht verwaist:
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Erleuchte du mich, heil'ger Geist,
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Wo sind' ich – rate, hilf, Sankt Peter! –
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Wo sind ich einen Stellvertreter?
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Wie nenn' ich ihn, den würd'gen andern?«

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Er schwieg.
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Da scholl's: »Gerbod von Flandern
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Er ist's, den du erwartest. Amen.«

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Laut und vernehmlich scholl der Namen,
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Verzückt hob sich der Papst empor
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Und wandte sich, den Gottesboten
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Zu schauen, der ihm das entboten.
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Jedoch an der Kapelle Tor
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Stand nur ein junger Diakon:
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»ich meldete, Herr, öfter schon
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Den Mann, der vor der Türe steht,
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Doch du, versunken in Gebet ...«
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Rasch rief Gregor: »Laß ihn herein!
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Hoch soll er mir willkommen sein.«

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Da trat in seiner Locken Helle
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Ein hoher Jüngling auf die Schwelle,
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In Stahl gehüllt die schlanken Glieder,
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Ein Held, ein Kämpfer jeder Zoll,
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Das Auge blauer Blitze voll,
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Des Armes Muskeln eisenstark:
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Jedoch erschüttert bis ins Mark
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Warf er sich vor dem Papste nieder
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Und küßte seines Mantels Saum.

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Gregor schien des zu achten kaum:
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»steh auf, mein Sohn! Was stößt dir zu?«
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»ich ... sah ... noch keinen Mann ... wie du!
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Sah Aug' in Auge oft dem Tod ...
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Doch ... was aus deinem Blicke loht ...«

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»das ist von Gott: – drum trägst du's nicht. –
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Mir ward von deiner Schuld Bericht:
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Du bist ein nie besiegter Degen,
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Des Jähzorns Dämon schlimm erlegen:
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Den Herzog Hugo von Brabant,
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Den eignen Lehnsherrn, dir verwandt,
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Hast du beim Jagen
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Im Zorn erschlagen ...«

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»weil er mir vorenthielt den Bär,«
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So schrie der Jüngling ungestüm,
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»das prachtvoll stolze Ungetüm,
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Das doch nur fiel von
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Da traf den Tobenden ein Blick,
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Er senkte Trotz, Haupt und Genick
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Und brach ins Knie:
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»ich liege hie
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Und bitte, flehe, heil'ger Mann,
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Schau meine Herzverzweiflung an.
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Laß nicht die Reue mich zerfleischen!
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Gebeut! Was immer du wirst heischen,
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Herr, ohne Zucken, ohne Zagen,
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Will ich's erfüllen, leiden, tragen.«

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Lang ruhn auf ihm die mächt'gen Augen,
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Um an der Seele Quell zu saugen,
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Dann ruft er und man bringt ein Beil.

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»mein Sohn,« spricht er, »dein Seelenheil
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Verlangt, daß du auf immerdar
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Ihr absagst, die dein Dämon war:
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Der Weltlichkeit, der Lust am Leben:
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Dem Herrn sollst du zum Opfer geben
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Helm, Waffenruhm und Ritterschaft ...«

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»nein!« schrie der Jüngling grauenhaft.

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Jedoch Gregor fuhr fort: »den Speer
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In Jagd und Kampf hebst du nie mehr,
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Für immer gürtst du ab das Schwert:
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Und daß dir's wirksam sei gewehrt,
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Abhack' ich, Gerbod von Brabant,
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Dir die verfluchte rechte Hand,
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Mit der du deinen Herrn erschlagen. –
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Wirst du das ohne Zucken tragen?
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Dafür sprech' ich dich los von Schuld
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Und segne dich mit Gottes Huld.
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Ich seh's, du willst: dich zwingt die Reue ...
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Dein Herz gelobt's in rechter Treue.

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Noch einmal laß dich fragen:
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Wirst's ohne Zucken tragen?
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Du willst? So leg' die rechte Hand
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Auf dieser Marmorstufe Rand:
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So, recht! – Nun aber woll'n wir sehn,
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Ob's ohne Zucken wird geschehn.«

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Der Deutsche legte fest die Hand
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Auf jener Altarstufe Rand
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Und hielt den Blick zum Papst gewandt.

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Der aber hob in Eil'
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Das scharfgeschliffne Beil
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Und schwang's und sah ihm ins Gesicht: – –
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Er zuckte mit der Wimper nicht,
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Und zuckte nicht mit Arm noch Hand,
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Fest auf Gregor den Blick gewandt.

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Da warf der Papst in Eil'
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Hinweg das scharfe Beil
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Und schloß mit heißen Tränen
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Den Jüngling an sein Herz:
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»gott hat gestillt mein Sehnen,
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Geheilt mir Gram und Schmerz.
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Ja, junger furchtlos kühner Held,
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Von Buße nur das Herz geschwellt
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Und bis zu schärfster Schmerzensnot
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Gehorsam meinem Machtgebot,
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Nein: meinem nicht: Gott selbst: – du bist
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Den ich erbat zu dieser Frist!
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Nach Frankreich! Rasch! Auf heil'gen Wegen!
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Nimm, Abt von Cluny, meinen Segen.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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