Der Leichenzug Otto III

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Felix Dahn: Der Leichenzug Otto III (1873)

1
Ihr Welschen, weicht und gebt uns Raum
2
Und scheut die grimmen Streiche:
3
Wir tragen einen Kaisertraum
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Und eine Kaiserleiche.

5
Dem Jüngling schien zu nebelgrau
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Das schlichte Land der Sachsen,
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Ihn zog's nach Südens goldner Au,
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Wo stolz die Lorbeern wachsen.

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Der Romstadt, die am Tiber prangt,
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Ihr galten seine Taten: –
11
Die Römer haben's ihm gedankt,
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Und haben ihn verraten.

13
Er ruhte nicht, bis er aufs neu'
14
Ihr stolzes Reich gestiftet: –
15
Die Römer schwuren ew'ge Treu'
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Und haben ihn vergiftet.

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Und als sein Herz litt Sterbensqual,
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Begann es, deutsch zu schlagen: –
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Das war das erst- und letztemal
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In allen seinen Tagen.

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Er sprach: »Ihr Freunde treu und schlicht,
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Tragt mich zum Heimatlande,
23
Laßt einsam meine Asche nicht
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Auf fremdem, falschem Strande.«

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Und als er hob zum letztenmal
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Das Haupt in goldnen Locken,
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Da heulten dröhnend in den Saal
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Zum Sturm die röm'schen Glocken.

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Und als sein Blick den Glanz verlor
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Da stand das Haus in Flammen:
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Wir aber brachen aus dem Tor
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Und hieben sie zusammen.

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Da gab's ein mächtig Schrein und Fliehn,
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Der Tiber ging in Leichen,
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Das Forum und der Palatin
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Erscholl von deutschen Streichen.

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Wir trugen ihn von hinnen frei,
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Mit Blut den Schritt erworben,
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Und unter unserm Siegsgeschrei
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Ist lächelnd er gestorben.

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Wir tragen auf zwei Lanzen quer
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Den Sarg bei Sturmgeläute:
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Die Welschen schwärmen um uns her
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Wie Wölfe nach der Beute.

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Von jedem Dach fliegt Stein und Erz,
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Es gellt der Weiber Stimme:
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Wir ziehn dahin mit Stolz und Schmerz,
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Mit stillem, heißem Grimme.

49
Den Helm geschlossen, nackt das Schwert,
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Den Schild umklirrt von Pfeilen,
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Ziehn wir, den Alpen zugekehrt,
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Still, langsam, sonder Eilen.

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Denn eine edel heil'ge Last
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Wir tragen in der Mitte:
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Da ziemet keine schnöde Hast,
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Da ziemen stete Schritte.

57
Die kühnen Schwaben schreiten vorn,
58
Links Bayern, rechts die Franken.
59
Den Rücken decken, jäh im Zorn,
60
Die Sachsen, die nicht wanken.

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So ziehn wir traurig, grimmig, stolz:
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Am Tag trotzt uns kein Degen:
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Von rückwärts nur zischt Pfeil und Bolz
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Aus Öl- und Weingehegen.

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Und fall'n sie uns zur Nachtzeit an, –
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Sie finden wache Herzen,
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Wir zünden ihre Dörfer an
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Zu roten Leichenkerzen.

69
Haut nieder, was heran sich wagt,
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Schont Weiber nur und Kinder,
71
Und jeder, den ihr niederschlagt,
72
Das ist ein Todfeind minder.

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So ziehn wir fort durch Land und Strom,
74
Dem Vaterland entgegen,
75
Bis wir die heil'ge Last im Dom
76
Zu Aachen niederlegen.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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