Die bleiche Königin

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Felix Dahn: Die bleiche Königin (1873)

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Es schlummert König Knut der Greis,
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Sein Atem fiebernd geht:
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Zu seinen Häupten lilienweiß
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Seine junge Königin steht.

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Den Heilkelch hält die rechte Hand,
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Sie hält ihn abwärts schwank:
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Es fallen auf des Estrichs Sand
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Die Tropfen von dem Trank.

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Die Linke preßt, so dicht sie kann,
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Die braunen Augen beid'. –
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Sie weint: – ist's um den alten Mann? –
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Ist's um ein eigen Leid?

13
Der Greis erwacht – er blickt sie an: –
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Sie sieht es nicht vor Weh:
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Er denkt: noch nie hat wohlgetan,
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Wer Rosen barg in Schnee. –

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Da hebt sich Lärm in Hof und Flur,
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Sein Feldherr stürzt daher,
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Das Haupt verbunden, mühsam nur
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Hält aufrecht ihn der Speer:

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»stirb, Norwegs König, stirb vor Weh, –
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Der Tod ist dir Gewinn, –
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Wir sind besiegt zu Land und See!« –
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Und rasselnd stürzt er hin.

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Und Tostig folgt, sein Bruderssohn, –
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Blut zeichnet seinen Pfad: –
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»weh', Oheim, dir, und Norwegs Kron': –
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Denn Erich Blutaxt naht.

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Dein Heer zerstreut wie Laub vom Sturm
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Die Schiffe sind verbrannt,
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Schon pocht an deinen Königsturm
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Wie Donner seine Hand.

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Durch Schwert und Schild und Brünne schlug
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Sein Beil mir bis ins Mark,
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Für Menschen bin ich Mann's genug, –
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Den macht die Hölle stark.«

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»so muß ich,« rief der alte Mann,
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»den Wiking selbst bestehn,
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Auf, legt mir Helm und Harnisch an
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Und stützet mich im Gehn.«

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Er spricht's und richtet sich empor,
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Und sinkt in Ohnmacht hin: –
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Da schreitet langsam zu dem Tor
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Die junge Königin.

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Jarl Tostig ruft: »Wie? hemmst wohl du
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Des Unholds Siegeslauf?«
47
»ich will's versuchen!« – sprach in Ruh'
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Die Königin darauf. – –

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Im Garten rauscht der Brunnen sacht, –
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Es flüstern Busch und Baum: –
51
Ein Duft schwebt durch die Mondennacht
52
Süß wie ein Liebestraum. –

53
Der Sprosser lockt mit leisem Schlag,
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Bis jede Rose wacht,
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Und tausend Blumen, spröd' am Tag,
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Erschließt der Kuß der Nacht.

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Die Schwäne ziehen still im Teich,
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Der Südwind atmet lau
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Und koset Stirn und Wange weich
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Der schönen bleichen Frau.

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Sie lehnt und lauscht: – es biegt ihr Arm
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Zurück den Geißblattstrauch:
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In ihre Seele flutet warm
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Der duft'gen Blüte Hauch.

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Da knarrt die schmale Gartentür
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Und mächtig pocht ihr Herz,
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Und klirrend tritt ein Mann herfür
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Gleich einem Gott von Erz.

69
Auf seinem Helme sträubt sich wild
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Ein Adlerflügelpaar,
71
Auf seine Schultern nieder quillt
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Das prächtig schwarze Haar.

73
»herr Tostig« – ruft er – »seid Ihr, sprecht,
74
Zum Kampf schon wieder heil?
75
Habt acht, nicht immer trifft so schlecht,
76
Wie's gestern traf, mein Beil.

77
Ihr rieft mich her – ich bin bereit« –
78
Da rauscht es im Gesträuch: –
79
Die Kön'gin haucht: »Die List verzeiht,
80
Ich hab' entboten Euch.«

81
Und Erich zuckt, sein Auge rollt, –
82
Starr blickt er vor sich hin, –
83
»was ist's, das Ihr vom Wiking wollt,
84
König Kanuts Königin?«

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»o Erich Goldmund, höre mich« –
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»mein Nam' ist umgetauft!
87
In Strömen Blutes längst hab' ich
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Viel schönern mir erkauft!«

89
»o glaube mir« – »Dir glaub' ich nichts!
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Ich glaubte dir genug,
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Du redest wie ein Geist des Lichts
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Und jedes Wort ist Trug.«

93
»o weißt du noch« – »Wohl weiß ich's noch,
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Du sprachst von Liebe heiß,
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Du sprachst so treu und logest doch: –
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Gib acht, ob ich's noch weiß.

97
Ich seh' ein Schloß auf Schwedens Höhn,
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Wie hier einen Garten grün,
99
Und die Königstochter wunderschön,
100
Eine Rosenknospe, blühn:

101
Die Brunnen rauschen – auf leiser Spur
102
Zieht der Schwan im Mondenlicht,
103
Das Königskind tauscht Kuß und Schwur
104
Mit einem Knappen schlicht.

105
Der sang ihr süßer Lieder viel, –
106
Den Goldmund hieß man ihn.
107
Er aber ließ sein Saitenspiel,
108
Ein Held hinauszuziehn.

109
Er schwur: »Ich bau' mit Schwert und Speer
110
Mir auch ein Königreich,
111
Dann hol' ich dich, kein Knappe mehr,
112
Nein, deinem Vater gleich.«

113
Er schwur's und ging und hielt sein Wort:
114
Ein Reich schuf ihm sein Stahl,
115
Und als er heimkam, – war sie fort,
116
Und König Knuts Gemahl!

117
Da lacht' er grimmig, wie der Sturm,
118
Wann er das Meer zerstiebt,
119
In seiner Brust, wie einen Wurm,
120
Zertrat er, was er liebt';

121
Und sprang in Kampfblut knöcheltief,
122
Warf Gnad' und Milde weg,
123
Und weit durch alle Lande lief
124
Seines neuen Namens Schreck.

125
Der Rache schwur er nun sein Wort
126
Und brach durch Meer und Land
127
Sich blut'gen Weg durch Schutt und Mord,
128
Bis er sein Treulieb fand.

129
Und jetzt, den Sieg in seiner Hand,
130
Frägt er das Eine nur:
131
Wohin, wohin die Treue schwand,
132
Die sie dereinst ihm schwur?«

133
Sie aber sprach: »Ihr Vater starb: –
134
Der Däne trug den Tod
135
Drei Jahr durchs Land, – ihr Reich verdarb,
136
Ihr Volk verging in Not.

137
Kein Retter rings, bis König Knut
138
Bot' Hilf' und Hand zumal: –
139
Ihr Volk verging in Krieg und Blut: –
140
So ward sie Knuts Gemahl:

141
So nahm sie Norwegs Diadem;
142
Da war ihr Glück dahin: –
143
Die Menschen heißen sie seitdem
144
Die bleiche Königin.

145
Am Tage lebt sie ihrer Pflicht
146
Und niemals klagt ihr Mund,
147
Doch Gott und seiner Sterne Licht
148
Sind ihre Nächte kund.

149
Willst du nun Rache, zieh' den Stahl
150
Und tauch' ihn in dies Herz
151
Und sei bedankt viel tausendmal, –
152
Du lösest mich vom Schmerz.

153
Doch scheue des Greises Silberhaar,
154
Er ist edel, mild und gut,
155
Und heilig, wer zur Totenbahr'
156
Die letzten Schritte tut.«

157
»er hat mir all' mein Glück geraubt,
158
Deine Hand, meines Lebens Licht«: –
159
Da flüsternd senket sie das Haupt:
160
»doch meine Seele nicht!«

161
»die Seele nicht! So folge mir
162
O folge mir, mein Glück:
163
Und selig, selig kehret dir
164
Die alte Zeit zurück.

165
Ich trage dich an Schiffes Bord –
166
Ha, wie mein Herz erglüht! –
167
Die günst'ge Welle trägt uns fort
168
Zum wunderschönen Süd.

169
Dort ragt mir hoch ein Königsschloß,
170
Von Marmor glänzt es hehr,
171
Im stillen Eiland Tenedos
172
Im blauen Griechenmeer.

173
Durch Säulenhallen zauberschön
174
Der Tag dort goldner quillt:
175
Dich stell' ich auf die Tempelhöhn
176
Als schönstes Götterbild.

177
Das Land ein Blütengarten weit,
178
Der Himmel ewig klar,
179
O komm, auflebt die Jugendzeit
180
Und jeder Traum wird wahr.

181
O komm, in Rosen schönster Glut
182
Soll wieder blühn dein Leib.« –
183
»halt' ein, du sprichst in Fieberwut
184
Zu König Kanuts Weib.«

185
»sein Weib! Doch nicht für immerdar!
186
Ich weiß, du liebst mich noch:
187
Leb' wohl, und sei's nach manchem Jahr, –
188
Ich seh' dich wieder doch.«

189
Er geht: – sie kehrt zum Schlosse leis,
190
Wo sie den König fand
191
Und legt auf seine Stirne heiß
192
Die schmale, weiße Hand.

193
Und als die Morgensonne hell
194
Aufs Pfühl des Kranken schien,
195
Da trat herein Jarl Tostig schnell:
196
»herr König, Heil, sie fliehn!

197
Kein Schiff zur See, kein Zelt am Strand,
198
Hier war ein Wunder nah!«
199
Da nahm der König ihre Hand:
200
»ich weiß, wie das geschah.

201
Ein Engel Gottes lilienweiß
202
Hielt vor mich seinen Schild,
203
In Ehren stirbt der müde Greis: –
204
Ich danke dir, Swanhild.

205
Und wann ich nun gestorben bin
206
Und im Lenzwind rauscht die See,
207
Dann blühn, du bleiche Königin,
208
Die Rosen aus dem Schnee.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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