Das Königsurteil

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Felix Dahn: Das Königsurteil (1873)

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»hier über diesen Frankenmann,
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Den wir dir führen zu,
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Herr König Thorsteinn, hör' uns an
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Und sprich das Urteil du.

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Denn uns versagt hier Spruch und Rat:
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Den Frieden brach er nicht:
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Doch frevler viel als Freveltat
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Ist, was der Franke spricht.

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Er zieht mit Singen durch das Land
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Und geißelt seinen Leib,
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Ein Kreuz statt Schwertes in der Hand:
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Gern lauscht ihm Knecht und Weib.

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Er sagt, wir seien falsch und schlecht,
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Kein Mensch sei gut entstammt,
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Der Himmelskönig hätt' mit Recht
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Uns all' zu Hel verdammt.

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An Freyas Tag soll'n wir kein Fleisch
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Und Roßfleisch essen nie,
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Und vor dem Kreuz – so sein Geheisch –
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Soll'n brechen wir aufs Knie.

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In Walhall keine Schildesmaid
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Und Feuer sei in Hel.
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Ein Älrausch sei Allvater leid: –
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Narr! Odhin selbst liebt Äl.

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Dem, der uns ab den Mantel rang,
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Soll'n schenken wir das Wams,
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Und wer uns schlug die rechte Wang',
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– Hör's, König Asenstamm's, –

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Soll'n wir die Linke bieten dar:
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Schlug wer den Sohn uns tot,
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Dem sollen wir – ohne Wergeld gar –
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Verzeihn bei Wein und Brot.

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Wir soll'n zur Sommersunnwend hehr
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Durchs Feuer springen nicht,
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Und, schwirrt die erste Schwalbe her,
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Nicht danken Baldurs Licht.

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Weiblos sei besser als beweibt,
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Gott gleich sei Herr und Knecht: –
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Wenn solcher Glaube Wurzel treibt,
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Herr, wo bleibt Reich und Recht?

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Ein Wort von dir – tot liegt der Mann!«
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Der König hob den Stab:
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»du frommer Franke, sag' mir an,
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Wenn man die Wahl dir gab:

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Zu retten deines Volkes Reich,
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Die Franken kühn und stolz,
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Indem du wirfst ins Feuer gleich
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Dies quer gekreuzte Holz: –

49
Was wähltest du?« Da sprach der Christ
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– Und zürnend klang sein Wort: –
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»wie gäb' ich, was des Himmels ist,
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Um sünd'ge Menschen fort?

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Die Kirche ewig heilig blinkt:
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Das Reich, der Sünde Frucht,
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Zusammen mit dem Teufel sinkt
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Einst in die Höllenschlucht.

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Des Himmels bin ich, nicht der Welt:
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Das Recht der Krücke gleicht,
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Daran die lahme Zeit sich hält,
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Dran siech die Sünde schleicht.

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Wann aus den Wolken Gottes Sohn
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Tritt auf den Richterstuhl,
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Stürzt aller Kön'ge Kron' und Thron
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Hinab zum Schwefelpfuhl.

65
Nicht alle Kronen dieser Erd',
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Nicht alle Reiche stolz,
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Sind einen einz'gen Splitter wert
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Von diesem heil'gen Holz.«

69
»tod ihm!« rief alles zornentbrannt:
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Doch Thorsteinn sprach voll Huld:
71
»führt diesen Armen aus dem Land:
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Irrsinn ist keine Schuld.

73
Ob Höh'res noch im Himmel ist,
74
Bleibt ewig unbekannt:
75
Auf Erden gilt das Höchste, Christ,
76
Dem Mann sein Volk und Land.

77
Und glaubst du anders, – glaub' es fromm,
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Und lehr' es Frankenfrau'n,
79
Doch nie mehr solches lehrend komm
80
In meiner Helden Gau'n.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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