Die rote Erde

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Felix Dahn: Die rote Erde (1873)

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Herrn Kaiser Karl zu Aachen
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Kam's über die Augen schwer:
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»ich fühl's, nicht wird mich wärmen
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Die Frühlingssonne mehr.

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Noch einmal muß ich umschaun,
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Wie's steht in meinem Reich:
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O wär' ich bei Awaren
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Und Arabern zugleich!

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Zugleich am gelben Tiber,
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Zugleich am grünen Rhein:
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Zu groß ist ach! das Erbe,
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Der Erbe, weh! zu klein. – –

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Die Nächsten sind die Sachsen:
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Bis dorthin reicht's wohl noch;
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Sie kämpften dreißig Jahre,
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Und ich bezwang sie doch!« –

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Er zieht mit Graf und Bischof
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Nochmal durch Sachsenland:
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Der Männer sieht man wenig: –
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Tot sind sie, landverbannt.

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Auf öder, brauner Heide,
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Vom Eichbaum überragt,
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Liegt ein Gehöft, den Dachfirst
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Vom Roßkopf überschragt.

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Welk über'n tiefen Ziehbrunn
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Nickt der Holunder schwer:
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Und frische Hügelgräber, –
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Sehr viele! – rings umher. –

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Ein Weib tritt auf die Schwelle:
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Es zerren an ihrem Rock
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Die Knaben mit dem Trutzblick,
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Die Mädchen im Flachsgelock.

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Sie gaffen auf die Fremden,
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Auf die bunte Reiterschar:
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Es beugt sich aus der Sänfte
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Ein Mann in weißem Haar.

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Er streicht den Kopf dem Jüngsten:
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Der greift nach der Spange licht:
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»wer ist's?« forscht scheu die Mutter.
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»herr Karl! – Kennst du ihn nicht?«

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Laut auf kreischt die Entsetzte
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Und reißt die Kinder fort:
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»
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Im nahen Buschwald dort. –

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Der Kaiser nächtet im Kloster.
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Leer ist's um den Altar:
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Kein Laie, – nur die Mönche. –
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»was scheint dort fern so klar?

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Was leuchtet durch das Fenster?«
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»o Herr – 's ist nicht geheuer:
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Die Sachsen sind's im Walde
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Bei Wodans Opferfeuer.« – –

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Am andern Morgen rheinwärts
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Der Kaiser kehrt die Fahrt;
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Er schweigt. – Er betet manchmal;
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Er streicht den weißen Bart.

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Das Roß führt ihm ein Sachse,
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Der alle Steige kennt.
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Das Erdreich steht zutage,
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Wo der Pfad die Hügel trennt.

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Warm dampft es aus den Schollen, –
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Karl beugt vom Sattel sich:
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»rot ist hier rings die Erde,
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Seit wann? Woher das? – Sprich!«

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Da hob der graue Führer
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Zu ihm den Blick empor:
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»grün war der Wiesenanger,
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Die Heide braun zuvor;

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Zweihunderttausend Sachsen,
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Die starben blut'gen Tod: –
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Davon ist in Westfalen
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Die Erde worden rot.«

73
Da schüttelt Frost den Kaiser:
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»so tief – die Erde rot?
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Herr Christus, lösche die Farbe:
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Ich tat's auf dein Gebot.«

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Starr hat er in die Wolken, –
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Auf den Boden starr gesehn:
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Der Boden blieb derselbe: –
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Kein Wunder ist geschehn. –

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Schwer krank kam er nach Aachen
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In seinen goldnen Saal:
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Er raunte mit sich selber,
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Hauptschüttelnd, manchesmal.

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Er fragte: »Ist's
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Als er im Sterben lag. –
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Rot blieb Westfalens Erde
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Bis auf den heut'gen Tag.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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