Hunnenzug

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Felix Dahn: Hunnenzug (1873)

1
Über den Tanais, über den Ister
2
Winket der Tod mit der Sense der Pest:
3
»gürte dich, schürze dich, schwarzes Geschwister!
4
Ferne nach Gallien ruft uns ein Fest.

5
Höre mich, hagerer Bruder du, Hunger!
6
Rüttle dich, schlafender Geier du, Krieg,
7
Allunersättlicher, immer noch junger,
8
Schüttle die blutigen Schwingen und flieg!«

9
Sieh da, in Wolken, den Völkern ein Grauen,
10
Ballt sich ein schwarzer, ein schrecklicher Zug:
11
Riesen und Schlangen, entsetzlich zu schauen,
12
Rasende Rosse mit Flügeln am Bug!

13
Allen voran der verderbliche Geier,
14
Kreischend nach Fraß und die Fänge gespannt:
15
Sonneverfinsternd erstrecket der Schreier
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Schattende Schwingen vom Meere zum Land.

17
Flammendes Züngelein schlägt er zuweilen
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Rot aus des Schnabels, des klaffenden, Ritz:
19
– Hinter ihm Nacht –: doch in zischenden Keilen
20
Zuckt aus dem Schnabel dann zündender Blitz.

21
Aber noch grausiger als an dem Himmel
22
Wälzt sich auf Erden ein flutender Streif:
23
Drachenvergleichlich, ein Völkergewimmel,
24
Feuer im Rachen und Gift in dem Schweif!

25
Blies da ein Mann auf gewundenem Horne
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An der Alutha vor felligem Zelt:
27
Schauernd in Lust und in Schreck und in Zorne
28
Bebt da der Okzident, zittert die Welt.

29
»hunnen, die Erde, mir gab sie der Kriegsgott!
30
Hunnen, euch schenk' ich sie, mordet sie aus!«
31
»attila, scholl es da, Väterlein, Siegsgott,
32
Danke dir, danke dir! Richten es aus.«

33
Horch! Von dem Kaukasus bebt bis nach Böhmen
34
Dröhnend Europa von Hufengestampf,
35
Hoch auf den Bergen und tief in den Strömen
36
Woget und wütet und würget der Kampf.

37
»attila, Attila, Spender der Beute!
38
Väterlein, sage nur, machen wir's recht?
39
Pfählen die Jünglinge, schleifen die Bräute,
40
Bügelgebunden, am Lockengeflecht.

41
Attila, willst du so? Nieder die Römer!
42
Siebenfach nieder Germanengeschlecht!
43
Völkerzermalmender Länderdurchströmer,
44
Attila, sag' es uns, machen wir's recht?«

45
Aber die Geißel, neunsträngig, mit Blute,
46
Hebet gen Himmel der Chan im Gebet:
47
»seht ihr in Wolken die stammende Rute?
48
Vorwärts! nach Westen hin weist der Komet.«

49
Aber in Gallien, fern an der Marne,
50
Standen zwei Männer in Waffen gesellt:
51
»soll denn, erwürgt in mongolischem Garne,«
52
Klagte der Eine, »verröcheln die Welt?«

53
»nein doch, Aëtius,« – lachte der Zweite,
54
Warf in den Nacken das goldene Haar –
55
»laß uns vergessen verstrittener Streite:
56
Sage, wen fürchten wir, – wir: – wenn ein

57
Rufe vom Tiber durch fliegende Boten
58
Deiner Legionen gepanzerte Wehr,
59
Traue Theoderichs freudigen Goten:
60
Römischer Schild und germanischer Speer!

61
Laß sie nur kommen auf zottigen Gäulen!
62
Laß sie empfahn uns mit Schild und mit Schaft:
63
Warte nur, ob sie nicht weichen mit Heulen
64
Römischer Kunst und germanischer Kraft.«

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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