Dort auf Tiburs steilen Felsen, wo der Anio wirbelnd rinnt

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Felix Dahn: Dort auf Tiburs steilen Felsen, wo der Anio wirbelnd rinnt Titel entspricht 1. Vers(1873)

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Dort auf Tiburs steilen Felsen, wo der Anio wirbelnd rinnt,
2
Stumm, mit schmerzgebleichten Wangen, steht Germaniens stolzes Kind;
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Um die hohe Stirne windet sich der Lindenblütenkranz,
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Von den Schläfen zu den Knieen fließt des roten Haares Glanz,
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Und den weiten Opfermantel trägt sie wie im Heimatland,
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Aber ach, die goldne Fessel schlingt sich um die weiße Hand. –
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»bin ich Veleda? Ach, bin ich's?« – seufzt der schöne, bleiche Mund –
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Die mit Göttern Zwiesprach tauschte auf des heil'gen Berges Rund,
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Die in hoher Eichen Wipfel hohe Weissagung belauscht,
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Welcher laut des Rheines Wirbel Siegverheißung zugerauscht? –
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Bin ich's, der mein Volk mit Jauchzen deinen Feldherrn, stolzes Rom,
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Zugeführt als Ehrenbeute auf befreitem Lippestrom?
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Denn ich hatte Sieg verheißen, Sieg in Land und Wasserschlacht, –
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Und auf seiner Prunktriere ward der Prätor mir gebracht.
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Doch ein Tag kam – seine Schrecken kündete kein Götterwort –
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Weh! da scholl im heil'gen Haine Waffenlärm und wilder Mord,
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Römerhelme – rote Fackeln – Priesterblut und Waldesbrand,
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Und sie schleppten mich gefangen aus dem grünen Bruktrerland. –
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Wer vom Vaterland genommen, dem ist Licht und Luft geraubt;
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Wie die ausgeriss'ne Blume neig' ich hoffnungslos das Haupt;
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Ach, an dieser heißen Sonne welkt verdorrt mein Leben bald: –
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Wo bist du, mein dunkelkühler, ferner, schöner Buchenwald?«
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Sprach's und sah vom hohen Felsen sehnend in das Land hinaus:
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Sieh, da schritten zwei Liktoren auf sie her vom Marmorhaus,
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Purpur brachten sie und Goldstab, und es folgt ein Kriegerschwarm,
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Laut ihr winkend: doch die Jungfrau hebet streng den weißen Arm.
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»komm, Veleda, steige nieder«, – ruft ihr der Centurio –
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»heut erfüllt sich deine Weisheit, du Prophetin siegesfroh!
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Zögre nicht: – der Imperator harrt: – es murrt die Menge schon: –
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Schon vom Palatinus nieder steigt Legion auf Legion;
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Tuben schmettern, Opfer rauchen – nur Veleda fehlet noch.« –
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»sprecht, was wollt ihr?« rief's und ahnend trat sie an das Felsenjoch.
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»wie, du frägst noch? Im Triumphe ziehet heut der Feldherr ein,
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Du in seiner Siegeskrone bist der schönste Edelstein:
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Du, vor Cerialis Wagen, bist Germaniens Symbol.«
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»auf, Veleda,« rufen alle, »fort, hinauf zum Kapitol!«
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Und zum Felsen, sie zu greifen, schreitet schon der Römer vor: –
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Sieh, da richtet die Prophetin majestätisch sich empor;
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Blaue Blitze sprüht ihr Auge und im Sturm ihr Busen wallt
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Und die Feuerlocken fliegen um die dräuende Gestalt;
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Und zum Himmel mit der Fessel hebt sie hoch die zorn'ge Hand,
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Und zertrümmert an den Felsen schleudert sie den goldnen Tand.
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Und die Römer sehn's mit Grauen, und sie ruft hinab ins Tal:
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»ha! ich fühl's, die Götter steigen zu mir nieder noch einmal!
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Ja, sie nah'n in diesem Schauer, der mich zorneskalt durchrinnt,
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Wie daheim durch Eichenwipfel weht mit Weissagung der Wind.
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Nicht in meinen Ketten kehrten hohe Götter bei mir ein,
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Aber jetzt, aus freier Seele, darf ich nochmals prophezei'n;
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Wahrheit schau' ich, Wahrheit künd' ich; vor mir tagt's wie Sonnenschein:
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Veleda nie, nie Germania führt ihr im Triumphzug ein!
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Seht ihr's, Römer? Von den Bergen dort herab ins Südenfeld –
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Geht ihr's nicht? – steigt hell in Waffen eine ganze Heldenwelt!
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Immer neue, neue Scharen! – Namen voller Siegesklang!
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Adlerhelme, blanke Schilde, Hörnerjauchzen, Schlachtgesang!
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Heil, du blonder Siegeskönig! Schwing' die Streitaxt, schwing' sie wohl!
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Sieh, sie trifft: es fällt in Trümmer Tor und Turm am Kapitol.
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Dann zerspringt die Völkerfessel, wie jetzt meine Fessel sprang,
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Und es wird die Freiheit tagen, die Veleda sterbend sang!«
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Sprach's, die Römer hörten's schauernd – und noch eh' das Wort verhallt,
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Schwang sich nieder von dem Felsen eine leuchtende Gestalt,
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Rasch und hell, wie wenn vom Himmel hoch ein Stern gefallen wär':
62
Und der Flußgott trug die schöne Tote fort ins freie Meer. –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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