Drusus

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Felix Dahn: Drusus (1873)

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Drusus sah, der Römerheros,
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Ruhmgekrönt in zwanzig Siegen,
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Glänzend durch die dunkeln Wälder
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Seine goldnen Adler fliegen.
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Mitten im bezwungnen Lande
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Lag sein wallgeschirmtes Lager,
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Wie der Knoten all' der Bande,
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Die umstricken die Germanen.
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Schamrot starke Männer schau'n
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In das Antlitz ihrer Frau'n. –
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An dem grünen Elbeufer
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Rauschen ernst und doch gelinde,
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Rauschen wie vor Wotans Hauche
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Eichen in dem Abendwinde.
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Sieh, in Gold und Purpur schreitet
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Da ein Mann mit Schwert und Zepter,
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Und so fern die Flur sich weitet,
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Wirst sein flammend Römerauge
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Ein gebietend Siegerdrohn: –
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Drusus ist's, der Kaisersohn.
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In der eignen Kraft Bewußtsein,
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Im Gefühl von Romas Hoheit
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Spricht er: »Zittre, schnöde Wildnis,
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Letzte Zuflucht trotz'ger Roheit;
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Deine Wälder will ich lichten,
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Deine Felsen will ich brechen,
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Deinen Freiheitsstolz zernichten,
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Und, gezwängt in Damm und Brücken,
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Spiegle der bezwungene Strom
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Deine Herrschaft, ew'ges Rom.« –
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Horch, da rauscht es in den Fluten,
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Horch, da bricht es in den Zweigen,
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Aus dem Flusse sieht der Römer
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Eine Götterjungfrau steigen:
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Grünend durch die gelben Haare
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Windet sich der feuchte Schilfkranz,
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Riesig ragt die Wunderbare
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In den ahnungsvollen Mondglanz,
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Bebend lauscht der Kaisersohn
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Der gewalt'gen Stimme Drohn:
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»drusus, Drusus, kehre heimwärts,
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Fliehe, nimmersatter Streiter!
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Bis hierher führt dich dein Schicksal,
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Doch es führt dich nimmer weiter:
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Ich beschütze meine Gauen!
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Aber einstens aus dem Tiber
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Tauchen keine Götterfrauen,
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Also auch zur Flucht zu scheuchen
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Vor dem siegentkrönten Rom
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Meiner blonden Söhne Strom.«
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Und das Weib versinket wieder,
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Finster dräuend mit der Rechten.
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Und es bebt der Imperator
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Vor den ew'gen Schicksalsmächten.
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Bleich, entsetzt stürzt er ins Lager,
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Rückwärts führt er seine Adler,
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Und der große Schlachtenschlager, –
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Tot lag er am dritten Tage.
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Und es sah kein Römerheer
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Je die Elbeufer mehr.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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