Der Streit um die Krone

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Felix Dahn: Der Streit um die Krone (1873)

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Aufgeschwebt zu Ormuzds Hallen
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War der Perser großer König,
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Jezdedscherd, der Held und Sieger,
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Den der Feind den Starken nannte,
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Doch den Guten seine Völker: –
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Jezdedscherd, der Löwentöter,
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Der mit eigner Hand erschlagen
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Hatte hundertachtzig Leu'n. –

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Baram wurde, seinem Sohne,
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Erb- und Kronrecht scharf bestritten
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Von dem Kesra, dem Betrüger,
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Der des Königs Sproß sich rühmte
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Und als Bastard schmähte Baram. –
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Doch das schlaue Haupt der Magier
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Plante beiden Wettbewerbern
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Um die Tiara Untergang.

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Denn mit starker Hand gebändigt,
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Wie vor ihm kein Sassanide,
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Hatte Jezdedscherd die Magier:
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Nicht der Priester, nein, der König
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War des Reiches Herr gewesen.
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Wenig lieben das die Magier:
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Und der alte kluge Mobed
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Sann auf Sturz des Königtums. –

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Also sprach er zu dem Volke:
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»nicht mit Waffen soll'n die beiden
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Prinzen euch und sich zerfleischen
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Um den Thron im Brüderkampfe:
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Ormuzd gab mir Offenbarung,
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Wie sich, sonder Blut der Perser,
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Wird das bess're Recht entscheiden
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Und das Echtblut Jezdedscherds.

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Nach Madân, dem alten Stammschloß
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Und dem Grab der Sassaniden,
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Lad' ich vor die beiden Prinzen
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Und der Perser Volk und Adel
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Über dreimal sieben Tage:
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Da wird offen sich erwahren,
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Wer von beiden ist der echte
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Sohn und Erbe Jezdedscherds.« –

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Nach Madân, dem alten Stammschloß,
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Strömte zum bestimmten Tage
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Alles Perservolk zusammen.
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Auf den hundert Porphyrstufen
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Standen sie des tiefen Zwingers;
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Ringsum schauten von der Gräber
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Hohen Marmormauern nieder
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Hehrer Königsbilder viel.

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Eingemeißelt schauten nieder,
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Haar und Bart gedreht in Locken,
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In den Augen Edelsteine,
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Hochbediademte Herrscher,
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Die auf Sichelwagen rollten
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Feierlich und unbeweglich
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Über hingemähte Völker. –
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Doch der kluge Mobed sprach:

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»kennt ihr diese weiße Tiara,
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Eurer Kön'ge heil'ge Krone? –
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Seht, an langem Seile lass' ich
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In die Mitte just des Zwingers
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Niedergleiten die Besternte:
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Links und rechts von ihr – vernehmt ihr
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Aus den Gittern das Gebrülle? –
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Liegen zwei gewalt'ge Leu'n.

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Hungern ließ ich sie drei Tage.
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Seht, nun springen auf die Gitter,
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Seht, sie droh'n, sich zu zerreißen! –
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Wer die Tiara aus der Mitte
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Dieser beiden Leu'n sich holt, – ihn
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Anerkennen wir als Erben
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Jezdedscherds und unsern König, –
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Aber keinen andern Mann.«

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Da sprach Kesra, der Betrüger
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– Er erbebte und erbleichte –:
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»baram, dir gebührt der Vortritt,
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Da du dich den Ältern rühmest.«
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Aber Baram, er, der Schlanke,
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Sprach kein Wort: hinab zum Zwinger
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Stieg er raschen Schritts die Stufen,
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In der Hand des Vaters Schwert.

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Um die Linke, statt des Schildes,
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Schlägt er seinen Purpurmantel,
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Und den Wärtern winkt er: »Öffnet!« –
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In den Zwinger tritt der Jüngling;
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Atemlos schaut auf ihn nieder
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Alles Volk der Perser, aber
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Mobed flüstert zu den Seinen:
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»schon sind wir des Kühnern frei.«

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Grimmig hatten sich bisher die
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Beiden Leu'n, des Sprungs gewärtig,
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Angestarrt, die fürchterlichen
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Pranken vorgestreckt, nach oben
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Leis' den Hinterbug gehoben,
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Mit dem Schweif die Flanken peitschend:
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Stacheln gleich die Mähne sträubend
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Mit entsetzlichem Gebrüll.

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Keiner ließ den Blick des Auges
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Von des Gegners Auge gleiten;
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Aus dem Rachen troff vor Hunger,
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Troff vor Gier und Wut der Geifer;
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Jeder maß genau die Weite,
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Maß die Höhe, daß er sicher
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Auf des Feindes Nacken wage
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Überwältigenden Sprung.

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Doch sowie sie nun den Jüngling
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Schreiten sahen in den Zwinger,
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Wie des Menschen Duft sie sogen,
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Stürzten sie sich beide wütend
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Auf die schwäch're, süß're Beute. –
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Durch das Auge ins Gehirn stieß
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Sichrer Hand der Held dem einen
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Ungetüm den scharfen Stahl.

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Und bevor das Haupt das andre
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Aus dem falt'gen Mantel wirrte,
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Fuhr ihm in den Nackenwirbel
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Und ins Lebensmark die Waffe. –
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Links und rechts lag ohne Zucken,
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Tot, ein Löwe neben Baram,
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Und er hob die blutbesprengte
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Tiara auf das schöne Haupt. –

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Da rief alles Volk der Perser:
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»heil dir, Sohn des Löwentöters!
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Heil dir, Sproß der Sassaniden!
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Heil dir, König aller Perser.«
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Mobed floh zur Rechten, Kesra
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Floh zur Linken in das Blachfeld:
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»soll'n wir sie verfolgen?« fragte
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Baram sein getreues Volk.

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»laßt sie laufen!« lachte Baram.
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»aber wenn sie wiederkommen?«
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»wenn sie wirklich wiederkommen,«
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Sprach der König, in die Scheide
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Stoßend sein gesäubert Schlachtschwert,
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»schick' ich beiden nicht ein Kriegsheer, –
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Einen Löwenschwanz entgegen: –
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Das genügt. – Sie kehren um!« –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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