Kunâla

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Felix Dahn: Kunâla (1873)

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Aller Wesen, welche da atmen,
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Schönste, wunderherrlichste Augen
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Hat der Vogel, welcher Kunâla
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Heißt und baut in Wipfeln der Palmen.

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Doch dem Inderkönig Asôka
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Wuchs ein Sohn (früh starb dem die Mutter)
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Mit so herrlich leuchtenden Augen,
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Daß man ihn auch nannte »Kunâla«.

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Herzbezwingend waren die Augen:
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Unaussprechlich innige Liebe,
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Tiefe, opferfreudige Güte
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Glänzten aus den seidenen Wimpern.

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Als dem schönen Jüngling die Wangen
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Flaumbart deckte, wollte des greisen
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Königs junge Gattin den Stiefsohn
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Zu verbot'nen Flammen entzünden.

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Und als streng der Reine sie abwies,
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Schalt sie ihn versuchter Verführung
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Bei dem schwachen Greis und entriß das
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Machtgebot, den Prinzen zu blenden.

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Ohne Widersprache sich fügend
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Bot die Augen schweigend Kunâla
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Dar den Henkern: aber, o siehe:
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Keiner von den Wildesten konnte

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Diesen Augen, wie er sie aufschlug,
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Leides tun! Sie sprachen: »Der König
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Soll uns lassen von Elefanten
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Niederstampfen; aber Kunâlas

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Augen können wir nicht verletzen!«
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Doch der Prinz sprach: »Was da geboten
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Hat mein Vater, König Asôka,
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Muß gescheh'n: ich schließe die Augen.«

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Aber in der Männer Erinn'rung,
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Tief im Herzen, lebte das Bild noch
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Von Kunâlas leuchtenden Augen,
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Und sie konnten nicht sie versehren.

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»meines Vaters königlich Machtwort
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Muß erfüllt sein,« sprach da der Jüngling,
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Und mit seinem eigenen Dolche
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Stach er aus sich – beide – die Augen.

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Da erdröhnte Donner vom Himmel,
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Und es flog der Vogel Kunâla
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Auf des Königs Schulter und sang ihm
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In das Ohr: »Mich sendet dir

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Gab mir Sprache, dir zu verkünden:
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Schuldlos ist dein Sohn, und die Fürstin,
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Deine junge, falsche Gemahlin,
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Hat ihn eignen Frevels bezichtigt.«

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Sprach's und flog empor in die Palmen.
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Doch der König rief nun den Jüngling
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Weinend zu sich, küßte die beiden
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Augen ihm: – ach, nicht mehr die Augen,

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Nur die blut'gen Höhlen, und fragte:
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»welche Rache, teurer Kunâla,
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Soll die böse Königin treffen?
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Blendung, Tötung oder was wählst du?«

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Doch der Blinde sagte: »Mein Vater,
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Rachsucht hab' ich nimmer im Leben,
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Zürnen, Hassen nimmer empfunden,
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Auch nicht gegen jene Verirrte;

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Selbst nicht, als der bittere Schmerz mir
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Zuckte durch die Augen ins Hirn scharf.
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Unsre Feinde sollen wir lieben:
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Vater, tu' ihr, bitte, kein Leid an.«

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Ein Brahmane, welcher das hörte,
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Rief: »Das kann kein Sterblicher glauben!
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Woher käme solche Bezwingung?
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Welcher Lehrer lehrte dich solches?«

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Sprach der Jüngling: »Solche Bezwingung
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Kommt vom großen
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Solches lehrte Buddha die Seinen! –
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Hätt' ich nur, so wahr die Verleumd'rin

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Nie ich haßte, nimmer ihr zürnte,
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Also wahr doch wieder die Augen!« –
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Da erdröhnte Donner vom Himmel:
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Seine Augen hatte Kunâla!

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Seine beiden leuchtenden Augen
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Hatt' ihm Indra wiedergegeben:
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Waren einst sie schön wie des Vogels,
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Waren jetzt sie herrlicher viel noch! –

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Felix Dahn
(18341912)

* 09.02.1834 in Hamburg, † 03.01.1912 in Breslau

männlich, geb. Dahn

deutscher Jurist, Schriftsteller, Historiker

(Aus: Wikidata.org)

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