Liebestreue

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Charlotte von Ahlefeld: Liebestreue (1815)

1
Ein Ritter sah auf's weite Meer
2
Mit trüben Blicken hin;
3
Ihm war das volle Herz so schwer,
4
So hoffnungslos sein Sinn.
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Wie Meereswogen wälzt' es sich
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Im Busen auf und ab,
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Und wie in Meerestiefe zog
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Die Sehnsucht ihn hinab.

9
Sein Waffenbruder trat im Schein
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Des Abendroths daher.
11
»was,« sprach er, »Lieber! fällt Dir ein?
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Was schaust Du so auf's Meer?
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Was soll auf Deiner freien Stirn
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Des Kummers Trauerflor?
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Erhebe den gesenkten Blick
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Und richt' ihn kühn empor.

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Was klopft so ungestüm Dein Herz,
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Sag, was verlangest Du?
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Warum verjagt so wilder Schmerz
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Aus Dir die goldne Ruh?
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Lacht Dir des Himmels Milde nicht,
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Mit süssem Liebesgruss,
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Und winkt in ferner Zukunft Dir
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Nicht mancher Hochgenuss?

25
Warum, Du trauter Kampfgenoss,
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Giebst Du der Schwermuth Raum?«
27
Ach, siehst Du dort das Felsenschloss
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An jener Küste Saum? –
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Dort brach in öder Einsamkeit
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Um mich ein treues Herz –
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Dahin zieht meinen wüsten Sinn
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Mit Riesenmacht der Schmerz.

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Denn eh' der Waffen blutig Spiel
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Hinaus in's Feld uns rief,
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Da regte glühendes Gefühl
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Sich mir im Busen tief.
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Ein Räthsel war ich selber mir,
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Da nahte hold und mild,
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Mit Engelsunschuld, Ton und Blick
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Sich mir ein Frauenbild.

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Da leuchtete ein heller Blitz
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In meines Herzens Nacht.
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Nach ihrem himmlischen Besitz
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War die Begier erwacht.
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Der langen Haare glänzend Gold
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Schien mir ein Heil'genschein,
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Des Augenpaares stiller Glanz
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Der Sterne Licht zu seyn.

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Doch klagte nicht mein blöder Mund
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Ihr meine Liebespein.
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Ich that ihr nicht die Sehnsucht kund,
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Und trug sie ganz allein.
53
Bis mich das wilde Kriegsgeschrei
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Rief auf der Ehre Bahn,
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Da warf ich mich vor ihr auf's Knie
56
Und sah zu ihr hinan.

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Lebt wohl, sprach ich, es ruft der Krieg
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Mich hin in's Waffenfeld.
59
»lebt wohl, sprach sie, »Euch kröne Sieg,
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Kehrt bald zurück als Held.«
61
Und kehr ich dann zurück als Held,
62
Was beut mir Euere Hand?
63
»den wohlverdienten Lorbeerkranz,
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Als meiner Achtung Pfand.«

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Da dunkelt' es vor meinem Blick, –
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Mein ahnend Herz schlug laut.
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Ein wunderseeliges Geschick
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Gab sie mir hin als Braut.
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»kehr bald zurück, ich harre Dein!«
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Sprach sie mit leisem Ton.
71
»bald sey der Trennung trübe Zeit
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Uns wie ein Traum entflohn.«

73
Es mähte rings um mich der Tod
74
Der Freunde Schaar dahin;
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Auch ich sank hin in Todesnoth
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Mit schon erloschnem Sinn.
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Doch kehrte nach der Ohnmacht Schlaf
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Der Geist mir noch zurück.
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Von Liebeszauber süss umwebt,
80
Fühlt' ich des Lebens Glück.

81
Zwar hielten strenge Banden mich
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In Feindes Landen fern,
83
Doch mit der Freiheit nicht entwich
84
Der Hoffnung heller Stern.
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Vergebens strebt' ich früh und spät
86
Mit Kunde ihr zu nahn.
87
Verloren ging, was ich ihr schrieb,
88
Auf weiter, öder Bahn.

89
Da kam der Friede – öhlbekränzt;
90
Man wechselte mich aus.
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Von neuem Muthe froh umglänzt,
92
Kehrt' ich zurück nach Haus.
93
Schon sah ich sie vom Morgenroth
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Der Freude hold umglüht,
95
Wie in der Sonne Feuerstrahl
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Die zarte Lilie blüht.

97
Doch ach, die warme Phantasie
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Betrügt so oft die Brust
99
Mit bunten Hoffnungen, doch nie
100
Erfüllt sich ihre Lust.
101
So sank auch mir des Wiedersehns
102
Erträumtes Götterglück,
103
Wie mancher goldne Jugendwahn,
104
In's leere Nichts zurück.

105
Der Vater der geliebten Braut
106
Erforschte bald ihr Herz.
107
Von Argusaugen angeschaut,
108
Verrieth es seinen Schmerz.
109
Und finster, wie Gewitter drohn,
110
Ergriff er ihre Hand,
111
Und zeigt' ihr dort das Felsenschloss
112
An jener Küste Rand.

113
»siehst Du das Schloss, das aus der Fluth
114
Sich majestätisch hebt?
115
Dort ist's, wo Freiherr Eichenmuth,
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Dein künft'ger Gatte, lebt.
117
Drum schlage fremde Liebelei
118
Dir aus dem schnöden Sinn,
119
Sonst mord' ich Dich mit eigner Hand.
120
So wahr ich Ritter bin!«

121
So sprach er mit entschlossnem Ton
122
Und wild erglühtem Blick,
123
In seinen Mienen las sie schon
124
Ihr trauriges Geschick.
125
Doch
126
Und hohe Festigkeit.
127
Sie neigte kindlich sich vor ihm
128
Und sprach: »Ich bin bereit.

129
Wenn Du den Mann, den ich erkohr,
130
Mich nur vergessen lehrst,
131
So lass' ich ihn, den ich verlor,
132
Wenn Du es so begehrst.
133
Doch bis dahin verlange nicht
134
Des Meineids Übelthat;
135
Denn gute Früchte keimen nicht
136
Aus unheilschwangrer Saat.«

137
Der Vater lächelte mit Hohn,
138
Und sagte fest und kalt:
139
»gehorchen sollst Du morgen schon,
140
Vergessen lernt sich bald!«
141
Drauf schloss er sie mit starker Hand
142
In's einsame Gemach,
143
Und manche Drohung schallte ihr
144
Wie ferner Donner nach.

145
In Thränen schwand die Nacht ihr hin,
146
Das Morgenroth brach an;
147
Da starrte sie mit irrem Sinn
148
Des Himmels Gluthen an.
149
Es dünkte ihr des Tages Licht
150
Nur bleicher Lampenschein,
151
Und das mit Thau besprengte Grün
152
Vom Schmerz bethränt zu seyn.

153
Die Sonne steigt – was rauscht im Meer?
154
Ach, ein geschmückter Kahn
155
Schwebt wie ein stiller Schwan einher
156
Auf blauem Ocean.
157
Der Freiherr ist's – sein stolzes Schiff
158
Erwartet dort die Braut,
159
Und Pauken und Trompetenschall
160
Begrüsst ihn froh und laut.

161
Da flicht die Zofe weinend ihr
162
Den Myrthenkranz in's Haar.
163
»was soll der Kranz, was soll er mir?
164
Nicht Hymens Festaltar,
165
Nicht Hochzeitreigen warten mein,
166
Es winkt das kalte Grab – –
167
In seine Tiefe stösst mich bald
168
Mein bittres Weh hinab.«

169
Der Vater öffnet das Gemach
170
Und tritt zu ihr herein;
171
Es folget ihm der Freiherr nach,
172
Zu mehren ihre Pein.
173
»hier, Schönste!« spricht er feierlich,
174
»empfange meine Hand.
175
Als Dein Verlobter führ' ich Dich
176
Zum heimathlichen Strand.«

177
»du mein Verlobter?« stöhnet sie,
178
Und bebt vor ihm zurück,
179
»o schweig, Vermessener! denn nie
180
Entsag ich meinem Glück.
181
Und
182
Die unerschüttert fest
183
Den ewig heil'gen Liebesschwur
184
Mich kühn bewahren lässt.«

185
Da bricht ihr Blick, sie sinket hin
186
An ihrer Zofe Brust.
187
Nicht mehr ist ihr erschöpfter Sinn
188
Des Leidens sich bewusst.
189
Es mindert sich die herbe Qual
190
In der Betäubung Nacht,
191
Und schnell trägt sie das Boot zum Schiff,
192
Eh' sie aus ihr erwacht.

193
Und als ihr Auge sich erhebt,
194
Da braust um sie das Meer,
195
Und aus der blauen Ferne schwebt
196
Das Felsenschloss daher.
197
Sie langen an, der Anker dringt
198
Tief in den kalten Grund –
199
Ihr scheint des Schlosses offnes Thor,
200
Der Hölle weiter Schlund.

201
Indessen führt der leise Kahn
202
Die vielgeliebte Last
203
Zum Felsenufer nun hinan –
204
Man gönnt ihr stille Rast.
205
Zwar wartete der Altar schon
206
Der hold bekränzten Braut,
207
Doch schreckt der Wahnsinn jeden, der
208
Ihr wildes Auge schaut.

209
Sie rollt umher den Flammenblick,
210
Die bleiche Lippe bebt;
211
Sie preiset flüsternd das Geschick,
212
Das sie so hoch erhebt.
213
»denn,« sagt' sie, »ich bin Königinn,
214
Und König sey auch Er!
215
Mein Reich ist dort der Lüfte Raum,
216
Mein kühler Thron das Meer.

217
Du zogst, mein Trauter, in den Krieg,
218
O kehre bald zurück!
219
Verlass den Ruhm, verlass den Sieg,
220
Und theile Liebchens Glück;
221
Die Krone drückt mein müdes Haupt,
222
Mein Zepter ist von Blei,
223
Und wenn Du nicht auf Flügeln eilst,
224
So bricht mein Herz entzwei.«

225
Verworren flog das goldne Haar
226
Um das verletzte Haupt,
227
Das nimmermehr zu heilen war,
228
So freventlich beraubt.
229
Und bald erlosch, wie die Vernunft,
230
Das Licht des Lebens ihr;
231
Des Vaters Reu, der Aerzte Kunst – –
232
Nichts rettete sie mir.

233
Da steh' ich nun am öden Strand
234
Und schaue, wie im Traum,
235
Hier von des Ufers schmalem Rand
236
Nach jener Küste Saum.
237
Und Thränen drängen brennend sich
238
Mir in den starren Blick,
239
Ein Räthsel ist der Himmel mir,
240
Ein Räthsel mein Geschick!

241
Es hört der Freund bewegt ihm zu,
242
Und reicht ihm still die Hand:
243
»such,« spricht er, »die verlohrne Ruh
244
Nicht in der Heimath Land.
245
Hier mahnet alles schmerzlich Dich
246
An Jammer und Verdruss,
247
Und nie heilt dieser Himmelsstrich
248
Die Wunden Deiner Brust.«

249
Der Ritter schweigt, und winket ihm
250
Mit finsterm Blick, zu gehn.
251
Ihn scheinen schnell, wie Wolken ziehn,
252
Gedanken zu umwehn.
253
Es lässt der Freund ihn ahnungslos,
254
Doch tief gerührt, allein,
255
Und denkt: »ihm mag die Einsamkeit
256
Wohl lieb und lindernd seyn.«

257
Der Ritter naht sich schwermuthsvoll
258
Der steilen Felsenwand;
259
Es bricht die Woge schauervoll
260
Sich an der Klippen Rand.
261
Zu winken scheint das Wasser ihm,
262
Das nimmer stockend ruht,
263
Und er verhüllt sein Angesicht
264
Und stürzt sich in die Fluth!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Charlotte von Ahlefeld
(17811849)

* 06.12.1781 in Stedten an der Ilm, † 27.06.1849 in Teplitz

weiblich, geb. Ahlefeldt

deutsche Schriftstellerin

(Aus: Wikidata.org)

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