Brautmorgen

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Peter Hille: Brautmorgen (1879)

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Des Erwachens Knospe schwillt,
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Hochrosig tönt sich der regere Schlummer.
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Zögernd, selig bang,
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Lange, lange.
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Weit offen die lauschende Seele.
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War es, war es nicht?
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Das schreckende Märchen,
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So hold und so wild!
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Ein leiser Blick stiehlt sich um.
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Ja, es ist da
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Und sieht doch gar nicht gefährlich aus –
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Und wie ruhig es atmen kann!
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Als sei nichts,
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Aber auch gar nichts passiert.
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War das da denn so furchtbar,
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So unverschämt – und scheußlich,
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So zu sich zwingend –
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Und kehrte sich an nichts.
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Möglich, daß nur's Dunkel so drauf wirkt.
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Dieses gute schlummernde Kind,
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Dieser schlummernde Friede
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Und wieder sieht sie starr und steif nach oben,
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Wie die Toten ihre Heimat sehen.
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Nun wird es sich regen das Kind,
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Das Kind mit dem seidenen Schnurrbart.
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Etwas müde, selige Sterne
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Sind still noch im verwunderten Glück.
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Ja, das, das ist die Liebe,
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Die lebensinnige, seelenvolle Liebe,
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So still, so traulich still,
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So mit der vollen Seele angesprengt!
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Ja, das andere – früher –
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Wie für die Knaben –
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Wie mochte man nur?
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Nun kann man haben
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Die liebe lange Nacht
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In inniger Macht
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Bezaubernde Gaben,
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Die sich nur bieten dem Mann,
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Und nach des Dunkels
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Stürmender Wildheit –
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Leisheit scheu und zart,
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Unter der ein Schelm liegt verwahrt.
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Ein bedeutsam lautlos sich Stehlen von dannen,
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Daß man getrennt
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Tummeln sich kann,
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Und auf das Reich
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Der nächtlichen Wildheit
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Gebender Friede sich senke.
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Getränkt das erste gierige Dürsten,
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Der zueinander Gedrängten
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Lebenbeherrschenden Kräfte.
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Zerrissen
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Der alles gewährenden Nacht
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Magnetisches Netz.
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Der zweiten Keuschheit
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Köstliche Müdigkeit ruht
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In dem wieder
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Niedergeschwiegenen Blut,
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Bis des Lebens innige Anmut
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Wieder heiter steigende Kräfte gewinnt.
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Und weiter sich spielt
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Nach des Lebens lieblicher Weise.
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Nun ruhig etwas Stille,
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Etwas wie eine leise Feindschaft,
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Bis freundlich suchend sich neigt
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Liebender Überfluß hin,
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Wie sich des Auges labendes Rund
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Wendet zu frommen, dürstendem Mund.
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So schwellt geruhig hinan
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Ihr lange anwogenden
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Wellen des Lebens
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Fremden schon anheimgegeben
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Treiben weiter die Säfte gemeinsamer Kraft
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Innig verbunden
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Einem neuen Menschen zu,
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Dem Kinde gemeinsamer Liebe.
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Jauchzt mit den jungen,
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Den seelelebendigen,
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Liebenden Leibern,
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Jauchzet euch Kinder,
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Gespielen zu haben,
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Gespielen zu sein
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Fröhlich übertollenden Lebens,
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Ehe die rottende Horde der Übel
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Drückend sich sammelt in alten Körpern.
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So nun sammelt euch wieder
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An des blumenblau gemusterten Gartentisches
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Morgenzartem Imbißbehagen.
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Knusprige Brötchen
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Sind gar leicht zu mahlen.
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Der braune starke Seim der Schokolade
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Gibt wieder steigend heißen Mut
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Nicht mehr weichenden Augen,
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Ruhende Röte erwärmt euer Leben
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Schon wieder an,
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Das zärtlich dankende Leben,
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Das in der Vergangenheit Liebreiz
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Wonnen der Zukunft erschaut.
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So köstlich erneuert sich Jugend.
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Herrscht gewichtig
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In wiederverschwiegener Güte,
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Kredenzende Hausfrau,
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Mit des silberklirrenden Löffels
114
Blinkendem Zepter!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Peter Hille
(18541904)

* 11.09.1854 in Erwitzen, † 07.05.1904 in Groß-Lichterfelde

männlich, geb. Hille

deutscher spätromantischer und naturalistischer Schriftsteller

(Aus: Wikidata.org)

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